Der Frauenfußball und die Suche nach dem nächsten Schritt

Die Spielerinnen des FC Bayern München bejubeln einen Treffer

Gedankenspiele über eigenen Dachverband

Der Frauenfußball und die Suche nach dem nächsten Schritt

Von Robin Tillenburg

Karl-Heinz Rummenigge fordert eine Ausgliederung des deutschen Frauenfußballs in einen eigenen Verband. Aber würde die wirklich helfen? Und wenn ja, wem?

Der Zeitpunkt war natürlich clever gewählt. Am Tag, nachdem die Frauen des FC Bayern München ihren 26. Sieg im 26. Saisonpflichtspiel gefeiert und den Einzug ins Halbfinale der Champions League gesichert hatten, erschien auf der Homepage des Bundesliga-Tabellenführers ein Interview mit dem Funktionär Karl-Heinz Rummenigge.

Er gratulierte den starken Münchnerinnen, sie hatten es sich verdient. Doch dabei beließ er es nicht, stattdessen forderte er schon in der Überschrift den deutschen Frauenfußball zum "Höherschalten" auf. Man durfte sich schon wundern. Als Fürsprecher des Frauenfußballs war Rummenigge bislang eher nicht aufgefallen.

Rummenigge: Frauenfußball "in die Unabhängigkeit entlassen"

Zuletzt hatte Bayerns Sportdirektorin Bianca Rech öffentlich die Frage aufgeworfen, ob man "unter einem anderen Dach besser aufgehoben" wäre. Der Frauenfußball ist bisher an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) angedockt - doch mit dem Verband sind sie in München nicht zufrieden. Nun legen die Bayern also nochmal nach. Mit der "großen Keule", mit Rummenigge.

"Es sollte jetzt einfach als Interesse und als Aufgabe von allen gesehen werden, die Frauen gemeinsam mit dem DFB analog zum Vorbild Männerfußball in die Unabhängigkeit zu entlassen", erklärte der 65-Jährige. Ihm schwebt ein eigener Dachverband vor, der nicht, wie bei den Männern, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sein soll.

Dabei hatte die DFL in Person von Christian Seifert im November gesagt, die Bundesliga der Frauen sei natürlich ein "sehr interessanter Markt". Damit der Frauenfußball sich nicht "als fünftes Rad am Wagen Männerfußball" fühlt, erklärte Rummenigge jedoch, sei das nicht zielführend. Nobel.

Stärkt oder schwächt die Ausgliederung?

Eine Ausgliederung in eine eigene Interessensvertretung könnte die Position des Frauenfußballs stärken - gebündelte Kompetenzen, die in eine Richtung arbeiten, könnten hilfreich sein. Sie könnte sie aber auch schwächen. Schließlich ist der DFB als Dachverband durchaus gewichtig.

Ob ein ausgegliederter Frauenfußballverband gleich stark genug wäre, um die eigenen Interessen so durchzusetzen wie die DFL es für die Männer macht, ist zumindest fraglich. Zumal der deutsche Frauenfußball im internationalen Vergleich wirklich nicht schlecht dasteht. In neun der zehn jüngsten Spielzeiten stand mindestens eine deutsche Mannschaft im Halbfinale der Champions League oder sogar im Endspiel.

Und wäre Olympique Lyon nicht die europäische Übermannschaft schlechthin, wären womöglich deutlich mehr Titel nach Wolfsburg oder vielleicht auch nach München gegangen.

Ideen, die beim DFB nicht gut ankommen

Beim DFB hält man von diesem Vorstoß aus München dann auch wenig. Der DFB sei der "richtige Ligaträger" und man solle stattdessen lieber gemeinsam neue Ideen entwickeln und umsetzen, erklärte die stellvertretende Generalsekretärin Heike Ullrich.

Finanzspritze - Englands Liga drängt nach ganz oben

Rummenigge nennt im Interview den englischen Frauenfußball als eines der Beispiele, an denen Deutschland sich orientieren solle. Die "Women's Super League" (WSL) ist allerdings Teil der FA und nicht eigens ausgegliedert. Das, was den Bayern vorschwebt, unterscheidet sich also doch von dem, was in England stattgefunden hat.

Allerdings hat die WSL vor wenigen Wochen mit einem lukrativen Fernsehvertrag mit "Sky" und der "BBC" eine neue finanzielle Dimension aufgestoßen. Frei empfangbare Spiele und eine kolportierte Summe von acht Millionen Pfund pro Spielzeit - die Kasse klingelt.

Gerade jetzt, wo die Münchnerinnen sich anschicken, auch Europas Fußballthron zu besteigten und Lyons fünf Spielzeiten andauernde Titelserie zu brechen, werden die Engländerinnen immer stärker. Der FC Chelsea, passenderweise Münchens Halbfinalgegnerinnen, und auch Manchester City spielen bereits auf Topniveau. Sie dürften ihre finanziellen Möglichkeiten nun noch einmal erhöhen können. Da will man in München natürlich Schritt halten.

Auch in Wolfsburg sind sie unzufrieden

Auch beim anderen deutschen Topklub, dem VfL Wolfsburg, schauen sie gespannt auf die Insel. Trainer Stephan Lerch sagte kürzlich im Interview mit dem "Spiegel", der deutsche Frauenfußball müsse generell sichtbarer werden. Er sagte: "Für Spielerinnen ist es wichtig, dass ihre Leistungen gezeigt werden, das macht die englische Liga verdammt gut und viel besser - und deswegen so interessant."

Das Argument, dass mehr Sichtbarkeit dem Frauenfußball einen "Boost" verschaffen könnte, ist natürlich nicht von der Hand zu weisen. Überhaupt ist der Grundgedanke, den Frauenfußball in Deutschland zu fördern, natürlich ein absolut richtiger. Nur wäre es vielleicht nicht ganz verkehrt, die Unterstützung nicht nur in die Spitze fließen zu lassen.

Profitiert nur die Spitze?

In England sieht der Fernsehvertrag der WSL vor, dass 75 Prozent der Gesamtsumme an die erste Liga ausgezahlt werden, die anderen 25 fallen den Zweitligisten zu. Den englischen Topteams wird der "Rekord-Deal" sicher helfen, aber was ist mit dem Rest? Rummenigge wird womöglich auch nicht zuallererst an das Schicksal des Tabellenletzten MSV Duisburg gedacht haben.

Der Vorschlag der Bayern, vorgetragen vom neuerdings frauenfußballbegeisterten Karl-Heinz Rummennigge, ist nicht per se schlecht. Aber er ist wahrscheinlich auch nicht frei von egoistischen Motiven. Das sollte man nicht vergessen.

Stand: 02.04.2021, 19:05

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