Filippo Ricci - der Panini-Bilder-Detektiv

Panini-Bilder

Interview

Filippo Ricci - der Panini-Bilder-Detektiv

Tütchen, Album, ein jeder kennt das Leid der fehlenden Panini-Sammelbilder. Filippo Ricci hatte jahrelang ein anderes Problem: Er musste Fotos für die Alben besorgen. Ein mitunter abenteuerliches Unterfangen. Der italienische Journalist erzählt davon im Interview.

sportschau.de: Herr Ricci, wie sind Sie zu dem Job bei Panini gekommen?

Filippo Ricci: Es war 1994, ich war gerade Journalist geworden, da bekam ich einen Anruf einer Bekannten, die bei der italienischen Firma Panini in Modena arbeitete. Sie suchten einen Experten, der ihnen afrikanische Bilder besorgen könnte. Denn sie wollten erstmals ein Album zum Afrika-Cup 1996 auf den Markt bringen. Ich fuhr hin und bekam den Job. Das Honorar sah okay aus, ich war wirklich froh. Ich wusste ja noch nicht, was auf mich zukam.

Was kam denn auf Sie zu?

Filippo Ricci: Das Album sollte 316 Bilder enthalten: Von jedem der 16 Teams 15 Spieler, ein Teamfoto und die Flagge. Plus je acht Spieler und Teamfoto der drei größten in der Quali gescheiterten Nationen, neun Stars aus der Vergangenheit, vier Städtefotos und die vier Stadien des Turniers. Ich reiste im Juni 1995 zunächst nach Kapstadt und stieg in das Fotoarchiv von Mark Gleeson, der als der Fußball-Fachmann in Afrika schlechthin gilt. Nach tagelanger Arbeit und Zuordnung von Fotos und Namen hatte ich zwei Drittel aller Bilder.

Kann man nicht einfach Fotoagenturen mit dem Besorgen solcher Bilder beauftragen?

Filippo Ricci mit Panini-Sammelalben

Filippo Ricci: Nein, die waren dort nicht zu bekommen. Deadline für Panini war Ende August, Mitte August aber fehlten mir noch 52 Bilder. Unter anderem der komplette Kader von Liberia und diverse weniger bekannte Spieler aus eigentlich allen Ländern. Ich bekam Panik. Meine letzte Chance für Liberia war das letzte Qualifikationsspiel des Teams im Senegal. Ich beauftragte nach großen Mühen einen senegalesischen Fotografen, die Spieler vor der Begegnung zu fotografieren. Es waren riesige Glücksgefühle, als wenige Tage später tatsächlich ein Umschlag mit den Fotos Liberias im Briefkasten lag.

Liberia war komplett?

Filippo Ricci: Leider waren den Fotos keine Namen zugeordnet. Ich hatte keine Ahnung, wer nun wer ist. Es konnte nur einer helfen: George Weah, der liberianische Fußballheld, der zu jener Zeit beim AC Mailand spielte. Ich fuhr mit meinen Fotos zum Trainingszentrum von Milan und bekam Weah tatsächlich zu fassen. Gemeinsam saßen wir auf einer Treppe vor dem Trainingsplatz und Weah sagte mir Namen zu allen Spielerfotos.

War damit alles komplett?

Filippo Ricci: Nachdem Panini in seinen Archiven die drei letzten fehlenden Spieler von Zaire ausgegraben und die Fotos passend retuschiert hatte, fehlte mir nur noch ein Spieler von Mozambique - Matias Bebé. Mein Glück war vollkommen, als ich einen Brief von einem Fotografen aus Maputo bekam. Drin ein Foto von Bebé. Aber wie sah der aus: Es war ein vergilbtes Schwarz-Weiß Foto, es sah aus wie aus den 50er Jahren. Egal: Panini retuschierte, colorierte nach - perfekt.

Waren die afrianischen Spieler stolz, dass es erstmals ein Sammelalbum mit ihnen gab?

Filippo Ricci: Ja sehr. Sechs Monate später fuhr ich zum Afrika-Cup nach Südafrika, in einem Hotel in Durban wollte ich George Weah feierlich ein persönliches Exemplar überreichen. "King George" saß also im Kreis seiner Teamkollegen im Foyer des Hotels und begann im Album zu blättern.

Es kamen die Seiten Liberias. Plötzlich kam eine Stimme aus dem Hintergrund: 'Das bin ich aber nicht'. Und noch ein Spieler: 'Der Typ mit meinem Namen - das bin ich nicht'. Weah hatte mir fast alle Spieler falsch zugeordnet. Alle riefen durcheinander, die Empörung war groß. Ich rief, es sei nicht meine Schuld. Und dann war Stille, alles schaute auf Weah. Und dann grinste der und sagte nur: 'Ich kenne euch halt nicht so genau'. Ich war gerettet.

War auch Panini zufrieden?

Filippo Ricci: Ja, zu jener Zeit waren die Fußball-Sammelbilder ein Riesen-Erfolg und ich machte in den folgenden sechs Jahren acht weitere Alben. Eines mit den größten afrikanischen Fußballstars, ein weiteres zum Afrika-Cup, zwei zur marokkanischen Liga, zwei zur tunesischen Liga, eines zu Ägypten und eines zur Türkei. Für die WM 1998 war ich für die afrikanischen Teams zuständig.

Haben Sie auch Fotos selbst gemacht?

Filippo Ricci: Nein, ich hatte aber einen Fotografen, mit dem ich häufig auf Tour war: Andrea Sesti. Den habe ich quer über den afrikanischen Kontinent geschickt. Ich brauchte zum Beispiel 1997 Fotos des nigerianischen Teams. Die spielten ein letztes Qualifikationsspiel in Guinea - das war die Gelegenheit. Sesti kam in Guineas Hauptstadt Conakry an, im Stadion war er der einzige weiße Fotograf. Er machte ein paar Fotos, plötzlich war er umringt von bewaffnetem Militär, die ihn packten und in Handschellen in einem Mannschaftswagen davonfuhren.

Ich hatte ihm bei seiner Abreise gesagt, im Fall von Problemen solle er sich an "Monsieur Altafini" wenden. In der Hektik fiel ihm aber erst der Name nicht ein. Irgendwann schrie er dann endlich "Altafini" und tatsächlich: Sofort stoppte der Wagen und kehrte um ins Stadion. Er wurde Herrn Altafini, dem Chef des guineischen Fußballverbandes, vorgeführt und erklärte, was er tun wolle. Man hatte ihn für einen Spion gehalten, weil er das Stadion und die Zuschauer fotografiert hatte.

Trotzdem: eigentlich ein Job fürs Leben, oder?

Filippo Ricci: Naja, der Hype um die Bilder flaute dann irgendwann wieder ab. Und es gab auch einige Alben, die nie erschienen sind. Am Ende war ich noch ein paar Jahre der Mann für "Problem-Fälle" für Panini, heute mache ich aber nichts mehr für sie.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 28.05.2018, 09:20

Darstellung: