Türkei - mit dem "Kuntz-Faktor" in die Playoffs

Stefan Kuntz feiert WM-Quali-Playoffs

WM-Qualifikation

Türkei - mit dem "Kuntz-Faktor" in die Playoffs

Von Maximilian Jungbluth

Die türkische Nationalmannschaft steht doch noch in den Playoffs zur WM-Qualifikation. Das Erfolgsrezept von Trainer Stefan Kuntz: ein offensiverer und aktiverer Spielstil.

Mit dem 2:1 gegen Montenegro am Dienstagabend (16.11.2021) hat es die Türkei auf den letzten Drücker noch geschafft: Die Hoffnung auf das WM-Ticket lebt. Die Bilanz von zehn Punkten aus vier Spielen spricht auch für Nationaltrainer Stefan Kuntz.

In kurzer Zeit hat er der Mannschaft einen offensiveren Spielstil verpasst als noch unter Vorgänger Senol Günes. Die letzten Spiele unter dessen Regie wirkten eher destruktiv, die sportliche Talfahrt konnte er nicht mehr stoppen und verlor vier seiner letzten sechs Partien als Nationaltrainer. Unter Kuntz ist vieles frischer, aktiver und eben auch erfolgreicher.

Offensive als Erfolgsrezept

Offensive beginnt beim 59-Jährigen schon in der Verteidigung. Dort sticht Linksverteidiger Caner Erkin hervor. Bei den Fans galt der "wegen seines offensiven Spielstils oft als umstritten", sagt der Journalist Fatih-Demireli vom deutsch-türkischen Sportmagazin "Socrates". Kuntz hat Erkins Offensivdrang in die richtigen Bahnen gelenkt.

Auf Erkins Flanken wartet im Sturm Altstar und Kapitän Burak Yilmaz von OSC Lille als Abnehmer. Generell setzt Kuntz sehr auf schnelle Außenspieler wie Kerem Aktürkoglu von Galatasaray Istanbul oder Abdülkadir Ömür von Trabzonspor. Dazu kommt noch der aktuell verletzte Cengiz Ünder von Olympique Marseille.

Defensive Stabilität

Für die nötige Stabilität im Spiel sorgt mittlerweile eine Doppelsechs mit Schlüsselspieler Hakan Calhanoglu, aktuell bei Inter Mailand unter Vertrag. Anders als unter Kuntz' Amtsvorgänger Günes agiert der Ex-Bundesliga-Spieler "etwas defensiver zwischen der Achter- und der Sechserposition", erklärt Demireli.

In der Innenverteidigung ist mit Caglar Söyüncü ein weiterer ehemaliger Bundesligaprofi eine feste Größe. Gegen Montenegro kratzte der Profi von Leicester City den Ball bei einer Großchance so gerade noch von der Linie und spielte auch ansonsten stark.

Insgesamt setzt Kuntz mehr auf Ballbesitz als sein Vorgänger. Calhanoglu kommt im Mittelfeld die Rolle als Taktgeber zu, der das Tempo regulieren soll. Gegen Montenegro war das schon sichtbar, wo der 27-Jährige mit vielen Pässen in die Spitze das Spiel schnell machen konnte. Genauso war er in der zweiten Halbzeit aber auch Ruhepol und Ballverteiler.

Kuntz als Spielerflüsterer

Am Beispiel Calhanoglu zeigt sich auch der gute Draht des Trainers zu seinen Spielern. Schon bei der deutschen U21 galt er als "Menschenfänger" und Kommunikator. Auch mit Calhanoglu hat Kuntz über dessen Position in der Nationalelf ausführlich gesprochen

Der ist, vielleicht auch gerade wegen der klaren Kommunikation des Trainers, mit seiner neuen, etwas defensiveren Rolle zufrieden und sieht sie als seine optimale Position. Durch Einzelgespräche trage Kuntz dazu bei, "dass die Spieler ihr Potential entfalten können", sagt Demireli. Das helfe vor allem jüngeren Profis wie Aktürkoglu oder Ömür.

Tandem mit Altintop

In Zusammenarbeit mit Hamit Altintop, mittlerweile Manager der türkischen Nationalelf, verfolgt Kuntz die Strategie, langfristig jüngere Spieler in der Nationalmannschaft zu entwickeln. Bei der deutschen U21 hat Kuntz als zweifacher Europameister ja schon bewiesen, dass er ein Händchen für junge Spieler hat.

Im Vordergrund steht für das Führungsduo Altintop/Kuntz die EM 2024 in Deutschland. Bis dahin soll perspektivisch eine Mannschaft aufgebaut werden. Deswegen wäre auch ein Verpassen der WM-Qualifikation für das Führungsduo "kein allzu großes Drama", erklärt Demireli. Trotzdem wolle man nach dem Erreichen der Playoffs jetzt natürlich auch die Chance auf das WM-Ticket nutzen.

Emotionaler Kuntz punktet bei den Fans

Das würde Kuntz auch bei den Fans einen weiteren Bonus verschaffen. Beliebt ist er bei ihnen ohnehin spätestens seit seiner emotionalen Reaktion nach dem Spiel gegen Lettland. Nach dem Last-Minute-Sieg gegen die Letten, mit dem sich die Türkei die Chance auf das WM-Ticket erhalten hatte, flossen bei Kuntz Tränen. Viel Druck sei von ihm abgefallen, sagte er nach dem wichtigen Sieg.

Emotionen kommen bei den türkischen Fans immer gut an. Bei Kuntz "wirken sie auch nicht gespielt, sondern echt, und das mögen die Fans", sagt Sportjournalist Fatih Demireli noch. Für noch mehr Emotionen würde auch die Qualifikation für die WM in Katar über die Playoffs sorgen - bei den Fans und bei Stefan Kuntz.

Sportschau in 100 Sekunden

Sportschau 100 Sekunden 16.11.2021 01:50 Min. Verfügbar bis 16.11.2022 ARD


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Stand: 17.11.2021, 14:44

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