Armenien und Mchitarjan - zerrissen im Kaukasus

Mchitarjan und Kroos

Fußball | WM-Qualifikation

Armenien und Mchitarjan - zerrissen im Kaukasus

Von Marcus Bark (Jerewan)

Armenien spielt im Westen Europas nahezu keine Rolle. Das Land im Kaukasus sucht nach Orientierung, auch wenn es um seinen mit Abstand besten Fußballer geht: Henrich Mchitarjan.

Karten gibt es noch reichlich. Sie kosten 3.000 armenische Dram, das sind umgerechnet knapp 5,50 Euro. Zwei Stück darf jeder kaufen, der einen armenischen Pass vorlegt, Gäste aus Deutschland durften sich nur über den DFB versorgen.

So finanzieren sich ein paar junge Männer ihre Eintrittskarten als Strohmänner, oder sie stecken den Aufschlag für andere Gelegenheiten in die eigene Tasche.

Spiel ohne sportliche Bedeutung

Das Spiel gegen Deutschland am Sonntag (14.11.2021) ist nun schließlich für beide Seiten ohne Bedeutung. Ein Sieg gegen Nordmazedonien am Donnerstag wäre die Voraussetzung gewesen, um sich als Tabellenzweiter für die Playoffs zu qualifizieren, bei denen es um Startplätze für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar geht. Aber Armenien verlor - 0:5.

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Von dem Plakat am Kassenhäuschen, auf dem die beiden Spiele im November angepriesen werden, lacht Nationalspieler Khoren Bayramyan, der für den FK Rostov in Russland spielt. Drei Kollegen werben auf der Homepage des Verbandes für den Online-Fanshop, und keiner von ihnen ist Henrich Mchitarjan.

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Es geht um eine Suche

Der beste Fußballer des Landes, der Kapitän der Nationalmannschaft, einer der ganz wenigen Superstars des Sports in Armenien, er fehlt auch auf den Werbeplakaten in Jerewan.

Fast die Hälfte der knapp drei Millionen Einwohner Armeniens wohnt in der Hauptstadt. "Die ehemalige Sowjetrepublik Armenien ist ein Staat in der gebirgigen Kaukasusregion zwischen Asien und Europa", beginnt der Eintrag bei Wikipedia über die Heimat Mchitarjans.

In diesem Satz steckt viel über das Land - und um ein Spannungsverhältnis, um eine Suche geht es auch beim Fußballer.

Widersprüchliche Aussagen

An der verstopften Ringstraße, die um den Stadtkern Jerewans geht, sitzt der armenische Fußballverband. Zwei Sicherheitskräfte im Foyer verweisen auf Alex, der Englisch spreche. "Frau Tashchyan arbeitetet hier nicht mehr, schon seit drei, vier Jahren nicht", sagt Alex.

Merkwürdig, denn der Pressesprecher des Verbandes FFA hatte per E-Mail geantwortet, dass Tashchyan nicht zu sprechen sei, weil sie "in den vergangenen Tagen unterwegs" gewesen sei.

Marina Tashchyan ist die Mutter von Henrich Mchitarjan. Ihr Mann Hamlet war ein guter Fußballer, verdiente auch in Europa Geld. Er starb 1996 an einem Hirntumor.

Sie habe den Job bei der FFA nur bekommen, weil sie die Frau des berühmten Fußballers gewesen sei, und das gehe nicht, habe ein neuer Verbandspräsident vor ein paar Jahren gesagt. Da habe Frau Tashchyan, die auch für den europäischen Verband UEFA gearbeitet habe, gehen müssen, sagt Gevorg Ghazaryan. Jetzt kümmere sie sich zusammen mit ihrer Tochter Monika, die auch heute noch für die UEFA arbeite, vor allem darum, das Geld von Henrich zu verwalten.

"Wir haben nichts"

Gevorg Ghazaryan arbeitet für den armenischen Fernsehsender, der am Sonntag das Spiel übertragen wird. Er sei auch ein Fotograf, inzwischen arbeite er nur noch für das Ressort Sport.

Früher berichtete er von der Front, der Kriegsfront. Der Konflikt um Bergkarabach, ein von Armeniern beanspruchtes und bewohntes Gebiet auf dem Territorium des verfeindeten Aserbaidschan, ist ein Jahrzehnte alter Brandherd. Im November 2020 wurde ein Waffenstillstand geschlossen, der von Russland kontrolliert werden soll. Aber es gibt immer wieder Berichte über kleinere Gefechte, Verschleppungen und Gräueltaten.

Der Völkermord der Türken an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, den auch Deutschland erst seit 2016 als solchen bezeichnet und die Türkei weiterhin massiv leugnet, ist eines der Themen, die in Westeuropa mit Armenien verbunden werden. Die anderen sind Bergkarabach und Henrich Mchitarjan.

"Wir haben nichts", sagt Gevorg Ghazaryan voller Zynismus, "warum sollte sich jemand für uns interessieren?" Armenien hat im Gegensatz zu Aserbaidschan keine wertvollen Rohstoffe, nicht einmal einen Zugang zum Meer. Sportpolitisch spielt das Land auch keine Rolle, armenische Funktionäre fehlen in den wichtigsten Gremien der Fußballverbände und des Internationalen Olympischen Komitees.

Applaus und Kritik nach Endspielabsage

Wahrgenommen wird das Land nur, wenn es um Bergkarabach und Mchitarjan geht. Im Mai verzichtete der Fußballer der AS Rom, damals beim FC Arsenal unter Vertrag, auf die Reise zum Endspiel der Europa League nach Baku. Eine offizielle Begründung fehlte. Er fürchte um seine Sicherheit, hieß es. Die Aserbaidschaner sagten, sie hätten Sicherheitsgarantien erteilt.

In der Heimat gab es Applaus für den Star, aber auch Kritik. Er hätte dem Feind die Stirn zeigen können, hieß es von den Kritikern.

Seitdem, so der Journalist Gevorg Ghazaryan, habe sich Mchitarjan noch mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er gebe den einheimischen Medien kaum Interviews, zumal es auch noch ein paar andere Dinge gab, die Mchitarjan - und vor allem seine Mutter - ärgerten. Ein Berater des Premierministers hatte mal gefordert, Mchitarjan die Kapitänsbinde wegzunehmen, weil ihm die Nationalmannschaft nicht wichtig genug sei. Erst ihm Frühjahr 2021 verzichtete Nationaltrainer Joaquín Caparrós, ein Spanier, auf die Berufung seines Stars, weil er jüngeren Spielern eine Chance geben wolle.

Er sei überrascht, teilte der bald 33 Jahre alte Mchitarjan via Twitter mit.

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Über das soziale Netzwerk äußert sich der frühere Profi von Borussia Dortmund auch mal zu politischen Themen. So gedachte er am 24. April, dem Gedenktag des Genozids, den "mehr als 1,5 Millionen" Opfern.

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Im November 2020 sprach er den Toten und Verwundeten des 44 Tage dauernden, erneuten Krieges um Bergkarabach sein Mitgefühl aus, dankte ihnen dafür, "die Heimat" verteidigt zu haben.

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Brisante Gerüchte

Zu den brisanten Gerüchten, er besitze eine Villa auf einem Hügel in der Konfliktregion, äußerte sich Mchitarjan nie öffentlich. Schon dass er mehrmals in Bergkarabach gewesen sein soll und nach Informationen der Sportschau auch war, ist brisant.

Am 1. März trat ein Abkommen inkraft, das die Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und Armenien stärken soll. Es sind hehre Ziele formuliert, aber es gibt viele Probleme: Armeniens Verhältnis zur Türkei, die entspannten Beziehungen zum südlichen Nachbarn Iran, Bergkarabach, die Zusammenarbeit mit Russland.

"Früher", so der 32 Jahre alte Journalist Gevorg Ghazaryan, habe er sich "kulturell als Europäer gefühlt", inzwischen sei er "einfach Armenier". Er fügt hinzu: "Wir haben der Welt nichts zu bieten, deshalb interessiert sich keiner für uns."

Das klingt nach Zerrissenheit, sogar nach Fatalismus. Der Umgang mit Mchitarjan passt ins Bild. Auf die Frage, warum der armenische Verband nicht mit Mchitarjan für die Spiele werbe, lautet die Antwort: "Das würde auch keinen Unterschied machen."

Stand: 14.11.2021, 08:19

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