WM mit 48 Teams - die Rückkehr nach Gijon

Algerische Fans wedeln bei der Schande von Gijon mit Geldscheinen.

Der Modus der Fußball-WM

WM mit 48 Teams - die Rückkehr nach Gijon

Von Chaled Nahar

Die FIFA will bei einer Ausweitung der WM auf 48 Mannschaften die Vorrunde in Dreier-Gruppen spielen lassen. Für den sportlichen Wettbewerb ist das eine schlechte Idee.

Die FIFA will Geld, und im Zweifel immer mehr davon. Dafür kamen ihre Präsidenten immer wieder auf unkonventionelle Ideen, die meist das finanziell größte Ereignis betrafen: die WM. Gianni Infantino, der aktuelle Präsident, hat daher (spätestens) ab 2026 eine Vergrößerung des Turniers von zurzeit 32 auf dann 48 Mannschaften durchgebracht. Die Rechnung lautet schlicht, dass mehr Spiele mehr Geld bringen.

Der Beschluss, das Teilnehmerfeld von 32 auf 48 Mannschaften zu vergrößern, wurde vor allem für eine vermeintliche sportliche Verwässerung des Turniers kritisiert. Doch es gibt ein weiteres Problem, denn die Vorrunde mit 48 Mannschaften braucht einen neuen Modus.

Das Ziel: weiter sieben Spiele für die beiden Finalteilnehmer

Infantino musste den großen Fußballländern, in denen sich die gewichtigen Klubs in schöner Regelmäßigkeit über die große Belastung ihrer Spieler beklagen, einen Spielplan zusichern, der wie bei der WM 2018 maximal sieben Spiele pro Mannschaft vorsieht. Und das ist bei 48 Mannschaften schwierig. Daher beschloss die FIFA am 10. Januar 2017, dass die 48 Teams in 16 Gruppen mit drei Mannschaften spielen sollen. Derzeit spielen 32 Teams in acht Vierer-Gruppen.

Zwei Mannschaften jeder Gruppe, also 32 insgesamt, sollen dann das Sechzehntelfinale erreichen. Damit gäbe es für den späteren Weltmeister ein K.o.-Spiel mehr und ein Gruppenspiel weniger, die Rechnung geht also auf. Die Dreiergruppen ermöglichen ein Turnier mit insgesamt 80 Spielen statt bislang 64.

Ist damit alles gut? Keineswegs. Denn viel häufiger als bisher kann nun das Gijon-Phänomen entstehen, bei dem sich zwei Mannschaften am letzten Spieltag auf das "richtige" Ergebnis einigen können.

"Die Schande von Gijon" führte zu einer wichtigen Änderung

Bei der WM 1982 fanden die beiden letzten Gruppenspiele noch nicht gleichzeitig statt. Deutschland und Österreich wussten bereits vor dem Spiel in Gijon, dass ein 1:0-Sieg der deutschen Mannschaft beiden Teams zum Weiterkommen reichen würde. Beide Teams schoben sich nach dem Tor zum 1:0 nur noch den Ball zu, algerische Fans im Stadion wedelten mit Geldscheinen und Taschentüchern - doch ihr Team schied aus.

Daraufhin nahm die FIFA eine wichtige und bis heute gültige Änderung vor: Die letzten Spiele einer Gruppe werden gleichzeitig angepfiffen. Doch genau das wird bei der WM 2026 mit den Dreiergruppen nicht mehr möglich sein. Denn in Dreiergruppen hat an jedem Spieltag eine Mannschaft zwangsläufig spielfrei.

Das Problem: weniger Spiele, die nie gleichzeitig stattfinden

Wenn Team A sowohl gegen Team B als auch gegen Team C gespielt hat, muss es am letzten Spieltag bei der Partie zwischen Team B und Team C logischerweise zuschauen. Gehen die beiden ersten Spiele 0:0 aus, reicht B und C im letzten Spiel gleichermaßen ein 1:1 zum Weiterkommen, während Team A vorm Fernseher sitzt. Die mehr erzielten Tore würden für die Teams B und C sprechen:

Abschlusstabelle
PlatzMannschaftSpieleTorePunkte
1Team B21:12
1Team C21:12
3Team A20:02

Hinzu kommt, dass es nur noch drei Spiele statt aktuell sechs pro Gruppe gibt. Der Fall, dass die für ein absprachefähiges Spiel notwendigen Ergebnisse zu Stande kommen, ist damit deutlich wahrscheinlicher.

Elfmeterschießen? Entscheidungsspiele? Funktionieren nicht

Auf der Suche nach einer Lösung liegt die Idee nahe, Unentschieden durch Elfmeterschießen in der Gruppenphase unmöglich zu machen. Das erhöht zwar die Spannung in den Spielen - doch das oben beschriebene Problem bleibt bestehen, auch wenn alle Spiele einen Sieger ermitteln.

Angenommen, A gewinnt gegen B 1:0 und C schlägt A 2:0, dann sähe die Tabelle vor dem letzten Spieltag so aus:

Tabelle vor letztem Spieltag
PlatzMannschaftSpieleTorePunkte
1Team C12:03
2Team A21:23
3Team B10:10

Gewinnt B gegen C nun 1:0, reicht das beiden - willkommen in Gijon. Denn dann hätten alle drei Teams drei Punkte, die Tordifferenz würde aber gegen Team A entscheiden, das am letzten Spieltag nur zuschauen darf:

Abschlusstabelle
PlatzMannschaftSpieleTorePunkte
1Team C22:13
2Team B21:13
3Team A21:23

Ganz abgesehen von Absprachen sind auch Gleichstände schneller möglich, die sportlich weniger wertvolle Vergleiche wie die Fairplaywertung oder einen Losentscheid notwendig machen könnten. Entscheidungsspiele, wie es sie zuletzt bei der WM 1958 gab, könnten kaum die Lösung sein: Bei drei Unentschieden müsste man die komplette Gruppe wiederholen wie auch bei drei Siegen, bei denen jede Mannschaften mit demselben Resultat einmal gewinnt.

Missstände auch im aktuellen Modus

Natürlich ist auch der aktuelle Modus nicht frei von solchen Missständen. Am Dienstag gab es mal wieder einen solchen: Das triste 0:0 von Frankreich und Dänemark war das Ergebnis, das beide Mannschaften für ein Weiterkommen brauchten. Durch Perus Sieg gegen Australien, das benachteiligt gewesen wäre, blieb die große Empörung weitgehend aus.

Schwierige Konstellationen sind auch jetzt möglich, aber einfach deutlich weniger wahrscheinlich.

Nur einer kommt weiter - der beste Weg?

Doch was tun? Wären acht Sechsergruppen mit je drei Mannschaften, die ins Sechzehntelfinale einziehen, der Kompromiss? Wohl nicht, denn dann wäre man bei insgesamt 152 Spielen, was fast einer kompletten Bundesliga-Hinrunde entspricht. Und ein Finalteilnehmer müsste zehn Mal spielen, was gegen die Wünsche der Klubs spräche.

Die sportlich beste Lösung bei der WM 2026 wäre es wohl, nur eine Mannschaft pro Gruppe weiterkommen zu lassen. Im Kampf um Platz eins kann sich kein Team zurückhalten oder irgendwas verabreden. Der Haken: Dann hätte das ganze Turnier auf anderem Wege genau wie jetzt nur 64 Spiele und die Rechnung, dass mehr Spiele bei der 48er-WM mehr Geld bringen, würde für die FIFA nicht mehr aufgehen.

Weiter gesponnen: Sportlich unzweifelhafte Dreiergruppen mit nur einem Teilnehmer der K.o.-Runde und mehr Spiele für den kommerziellen Gedanken würde eine WM mit 96 Mannschaften bieten. 32 Dreiergruppen würden dann 32 Teilnehmer für ein Sechzehntelfinale hervorbringen. Aber diese Diskussion will wohl selbst bei der FIFA zurzeit niemand führen. Stattdessen muss sie eine Lösung für das Problem finden.

Stand: 27.06.2018, 12:32

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