Russland atmet kollektiv auf

Sieg gegen Saudia-Arabien

Russland atmet kollektiv auf

Die Erwartungshaltung war gering, die Stimmung miserabel und die Angst vor dem Versagen groß. Das 5:0 der russischen Fußballer im WM-Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien haben nun ein ganzen Land kollektiv aufatmen lassen.

Die russische Zeitung "Sport-Express" brachte es auf den Punkt. "Die russische Sbornaja hat das Land, die ganze Welt und vermutlich auch sich selbst überrascht", schrieb das Blatt nach dem fulminanten 5:0-Sieg im WM-Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien. "Tief aufgeatmet" habe die gesamte Nation, schrieb das Fachblatt. Auch andere russische Medien reagierten mit Stolz und Erleichterung.

Denn die Panik vor dem Versagen gleich im ersten Spiel war riesengroß und greifbar. Nur keine Pleite zum Auftakt - die Angst davor konnte man den Russen förmlich im Gesicht ablesen. Schließlich hatte das Team in den Testspielen zuvor ein Bild des Jammers abgegeben, gilt als fußballerisch stark limitiert und ist laut Weltrangliste der schlechteste WM-Teilnehmer.

Gut zur richtigen Zeit

Der Erfolg gegen die Saudis war der erste seit 240 Tagen. Während die russischen Fans noch leise Hoffnungen gehabt haben mögen, hatte der Rest der Welt keinen Pfifferling auf den Gastgeber gegeben. "Gut sein ist eine Sache. Gut zur richtigen Zeit zu sein, darauf kommt es an", sagte Trainer Wladimir Tschertschessow fast schon triumphierend, nachdem er und sein Team in den vergangenen Monaten verspottet worden waren.

Tschertschessow war überwältigt: "Ein 5:0 habe ich mir nicht erträumt. Es ist ein bisschen hoch vielleicht. Aber ich weiß, was die Mannschaft kann. Wir haben uns sehr gut vorbereitet. Wichtig ist, dass die Begeisterung im ersten Spiel im Land da ist", sagte er.

Das ist sie. Die Fans erlebten den kaum für möglich gehaltenen WM-Traumstart der "Sbornaja" anfangs mit Verblüffung und feierten ihn am Ende mit Überschwang. Denn mit einem solchen Start hatte im Riesenreich niemand gerechnet. Selbst Wladimir Putin nicht, der sich nach dem Spiel telefonisch bei Tschertschessow bedankte.

Schlagartig gedreht

5:0 - so hoch hatte seit Italiens 7:1 gegen die USA vor 84 Jahren keine Mannschaft mehr in einem Eröffnungsspiel gewonnen. Nicht Brasilien, nicht Argentinien und auch nicht Deutschland beim 4:2 gegen Costa Rica zum Start des Sommermärchens 2006.

Die geringe Erwartungshaltung und die lange miserable Stimmung haben sich jedenfalls schlagartig gedreht. Die Russen träumen in der lösbaren Gruppe A mit Ägypten und Uruguay vom Achtelfinal-Einzug. "Ich bin sicher, der Sieg wird sie zu neuen sportlichen Heldentaten anspornen. Wir erwarten von euch neue strahlende Siege!", sagte Sportminister Pawel Kolobkow.

Tritt auf die Euphoriebremse

Die Tore waren durchaus sehenswert. Tscheryschew ließ vor dem 2:0 im Strafraum zwei Spieler aussteigen, bevor er den Ball ins Tor hämmerte, und traf dann aus 16 Metern per Außenrist zum 4:0. Golowin setzte dann mit einem schönen Freistoß den Schlusspunkt. Auch Tschertschessow hatte großen Anteil am Sieg, denn er wechselte mit Tscheryschew (24. Minute) und Dsjuba (70.) den Erfolg ein.

Dass die Tore teilweise auch nur dank gütiger Mithilfe der Saudis fielen, weiß Tschertschessow. Er warnte deshalb vor verfrühter Euphorie. "Die WM fängt erst an. Wir haben drei Punkte, im Grund hat sich nichts geändert", sagte der Coach. Dabei geht er davon aus, dass wohl auch Ägypten und Uruguay gegen Saudi Arabien dreifach punkten. Was der Sieg wert ist, zeigt sich deshalb erst im nächsten Spiel der Russen am Dienstag (19.06.2018) gegen Ägypten. Und auch Saudi-Arabiens Trainer Juan Antonio Pizzi trat auf die russische Euphoriebremse: "Wir haben nicht verloren, weil sie so gut, sondern weil wir so schlecht waren."

sid/dpa | Stand: 15.06.2018, 10:26

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