Trotz Geisterspielen: Polizei sammelt weiter Daten von Fans

Fußball-Fans - Gewalttäter trotz Geisterspielen sport inside 18.04.2021 09:01 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 WDR Von Thorsten Poppe

Länder führen eigene SKB-Dateien

Trotz Geisterspielen: Polizei sammelt weiter Daten von Fans

Von Thorsten Poppe

Nicht nur in die umstrittene Datei "Gewalttäter Sport" hat die Polizei in der Zeit der Geisterspiele Fußballfans eingetragen. Auch in anderen Polizei-Datensammlungen sind nach Recherchen von sportschau.de während dieser Zeit Fans gespeichert worden.

Mehr als 1.000 Fans sind zwischen März 2020 und März 2021 in die Datei "Gewalttäter Sport" von der Polizei neu eingetragen worden. In einem Zeitraum also, in dem Fußballspiele überwiegend ohne Zuschauer stattfanden. Dies hat zu neuerlichen Diskussionen über die umstrittene Datei geführt, die seit ihrer Einführung 1994 Polizei und Fans spaltet.

Denn darin werden - anderes als es der Titel vermuten lässt - nicht nur Gewalttäter eingetragen, sondern auch Personen, die im Umfeld eines Fußballspiels einer Personalienfeststellung unterzogen worden sind oder einen Platzverweis erhalten haben. Mehr als ein Drittel der Einträge in die Datei - aktuell insgesamt 7.841 - haben dabei nichts mit physischer Gewalt zu tun, wie Recherchen des WDR-Magazins Sport inside kürzlich offenlegten.

Fast 500 neue Einträge in SKB-Dateien bundesweit

Recherchen von sportschau.de zeigen, dass auch in anderen Datensammlungen der Polizei über Fußballfans seit Beginn der Geisterspiele Personen eingetragen worden sind. Demnach wurden fast 500 Personen in den sogenannten SKB-Dateien erfasst. SKB steht dabei für die Abkürzung "szenekundige Beamte", die ihre Arbeit an Fußballstandorten auf die Fans konzentrieren.

sportschau.de hat alle Bundesländer gefragt, ob sie aktuell solche SKB-Dateien führen, und ob dort während der Zeit der Geisterspiele Fußballfans eingetragen wurden. Das Ergebnis: Elf von 16 Bundesländern führen eine solche SKB-Datei neben der Datei "Gewalttäter Sport". Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bremen betreiben keine eigene Datei.

Baden-Württemberg an der Spitze

Neun dieser elf Bundesländer mit eigenen SKB-Dateien haben während der Zeit der Geisterspiele Fußballfans in die entsprechenden Dateien eingetragen. Dabei handelt es sich um Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Spitzenreiter ist dabei Baden-Württemberg mit 302 Neuspeicherungen. In der Regel handele es sich dabei um Erfassungen im Zusammenhang mit der Begehung von Straftaten, die vor Beginn der Geisterspiele stattgefunden hätten, erklärt das dortige Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration. In anderen Bundesländern gab es auch Einträge aus Vorfällen während der Geisterspiele.

SKB-Dateien
BundeslandEinträge GeisterspieleSKB-Datei gesamtDatei "Gewalttäter Sport"
Ba-Wü3021.089506
Berlin711.140230
NRW284.0402.923
MV2368955
Hamburg119293
Rheinl.-Pfalz7143294
Niedersachsen5965764
Saarland322577
Hesseneinstelliger Bereichmittlere dreistellige Anzahl310
Schlesw.-Holstein0niedriger einstelliger Bereich47
Bayernk.A.1.642768

Niederschwellige Speicherungsgründe

Die Anlässe für einen Eintrag in die SKB-Dateien sind dabei häufig gering. Das zeigt das Beispiel Berlin: Von den 71 Einträgen erfolgten mehr als die Hälfte aufgrund einer Identitätsfeststellung (21) oder einer Gefährderansprache (19). Also Ereignisse, für die die Polizei selbst gesorgt hat. Weniger Einträge gingen auf etwaiges Fehlverhalten der Fans zurück und erfolgten etwa wegen tätlicher Angriffe (15) oder Landfriedensbruch (13).

Die Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport begründet das damit, dass es sich bei der Datei "Szenekunde Sport" um eine Arbeitsdatei zur Lagebeurteilung in Zusammenhang mit Sportereignissen handele: "Entsprechend der bestehenden rechtlichen Grundlagen ist die Erfassung von Personen in der Datei 'Szenekunde Sport' nicht an eine Ausschreibung als 'Gewalttäter Sport' gebunden."

Mehr Einträge in SKB-Dateien als in Datei "Gewalttäter Sport"

Die SKB-Dateien werden im jeweiligen Bundesland geführt, nur bestimmte Polizeidienststellen können mit ihr arbeiten.  Die Datei Gewalttäter Sport ist dagegen eine sogenannte Verbunddatei, auf die jede Polizeidienststelle bundesweit zugreifen und auch Daten von Personen eintragen kann.

Von den meisten Bundesländern werden mehr Personen in den eigenen SKB-Dateien gespeichert als in der Datei "Gewalttäter Sport". Insgesamt sind in den von den Ländern geführten Dateien mehr als 10.000 Fußballfans gespeichert - erheblich mehr als in der Datei "Gewalttäter Sport", in der 7.841 Personen eingetragen sind.

Gewalttäter? Eine Datensammlung spaltet Fußball-Fans und Polizei

WDR 5 Sport inside – der Podcast: kritisch, konstruktiv, inklusiv 20.03.2021 49:35 Min. Verfügbar bis 14.03.2041 WDR 5


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Pilotprojekt in Rheinland-Pfalz

Auch deshalb hat Rheinland-Pfalz kürzlich ein Pilotprojekt aufgesetzt. Dort will man die SKB-Datei künftig datenschonender betreiben. Aktuell sind in Rheinland-Pfalz 143 Personen gespeichert. Das ist knapp die Hälfte der Personen, die das Land an die Verbunddatei "Gewalttäter Sport" übermittelt hat (294).

Ab der kommenden Saison 2021/2022 sollen dann keine Daten mehr von Kontakt- und Begleitpersonen in der SKB-Datei gespeichert werden. Zudem werde eine Benachrichtigungspflicht eingeführt, und die Speicherung der Daten soll nach zwölf Monaten überprüft werden.

Hinweis: In einer früheren Version hieß es, das Land Hessen habe auch auf Nachfrage nicht geantwortet und keine Angaben gemacht. Die Antwort des Landes Hessen ging nach Veröffentlichung der ersten Version ein. Die Angaben wurden nachträglich ergänzt.

Stand: 30.04.2021, 08:44

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