Super League: Horrorvision für die deutsche Fanszene

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Super-League-Pläne

Super League: Horrorvision für die deutsche Fanszene

Von Frank Hellmann

Ein geschlossenes System auf höchster Vereinsebene: Die Planspiele für die Super League sind für die deutsche Fanszene ein Fußtritt. Entsprechend harsch fallen die Reaktionen aus.

Ein großes Banner mit schwarzen Großbuchstaben auf gelbem Grund hing zuletzt in der Heimstätte von Borussia Dortmund dort, wo sonst die größte Stehplatztribüne in Europa für Stimmung sorgt.

"STOP UCL REFORMS!", lautete die Botschaft der Südtribüne Dortmund. Plakativ nicht nur beim Champions-League-Viertelfinale gegen Manchester City (1:2) zu besichtigen, sondern auch am Sonntag (18.04.2021) beim Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (4:1).

"Krimineller Akt gegenüber den Fans"

Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnen konnte: Dass nicht die umstrittene Reform der Champions League, sondern die Gründung einer Super League mit englischen, spanischen und italienischen Teams so schnell zum Hauptthema werden würde. In einer spontanen Stellungnahme sprach Gary Neville von einem "kriminellen Akt gegen die Fans". Gerade der organisierten deutschen Fanszene hat der ehemalige englische Nationalspieler damit aus dem Herzen gesprochen.

Sig Zelt, Sprecher von "ProFans", machte seinem Unmut gegenüber der Sportschau am Montag (19.04.2021) deutlich Luft: "Die Super-League-Pläne sind der Gipfel der Unverfrorenheit. Wenn sich wenige Topklubs Europas um einen größeren Geldhaufen scharen, ist das produktzerstörend. Alle Bekenntnisse, dass die Corona-Krise zu einem Umdenken führt, sind vergessen. Genau das Gegenteil ist im Gange: Die Großen können den Hals nicht vollkriegen." Überdies sei eine Liga in einem geschlossenen Kreis ohne Auf- und Abstieg nicht spannend - und damit auch für die Fans nicht attraktiv. Insgesamt sei die Super League "eine Horrorvision".

Super League wirft Fragen auf Mittagsmagazin 19.04.2021 01:53 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste Von Andreas Ahn

Michael Gabriel ist entsetzt

Und auch Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) sparte in einer Stellungnahme gegenüber der Sportschau nicht mit heftiger Schelte. "Egal ob nun die Super League oder die Pläne zur Reform der Champions League, die überragende Mehrheit der Fans wird in ihrer sowieso schon äußerst kritischen Wahrnehmung bestätigt, dass verantwortungslose Fußballfunktionäre ihren Sport im wahrsten Sinne des Wortes verkaufen", teilt Gabriel mit.

Der Zeitpunkt hätte aus Sicht des Frankfurter Fanexperten ungünstiger kaum sein können: "Dieser Eindruck wird noch dadurch befeuert, weil das während der Pandemie mit all ihren Belastungen und Herausforderungen stattfindet. Das ist zynisch und steht in einem augenfälligen Kontrast zum gesellschaftlich verantwortungsvollen und solidarischen Agieren der Fanszenen in den letzten Monaten."

ProFans-Sprecher Zelt: "DFB müsste auch ablehnen" Sportschau 19.04.2021 00:34 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

Die Sorge ist groß, dass die ohnehin durch die Geisterspiele entstandene Distanz sich ausweitet, wie Gabriel ausführt: "Ich befürchte, dass die Kluft zwischen Fans und Fußball bald unüberbrückbar sein wird. Was wir hier gerade beobachten können, ist eine große Gefahr für den Fußball insgesamt, und natürlich wird das die bestehenden Konflikte noch einmal deutlich verschärfen. Es wird aber ebenfalls dazu beitragen, dass sich die Fans vereinsübergreifend, ligenübergreifend und länderübergreifend gemeinsam dagegen wehren werden."

"Es geht schon lange nicht mehr um den Sport"

Auch der Fan-Zusammenschluss "Unsere Kurve" ging in einer ersten Reaktion auf die Barrikaden. "Die sogenannten internationalen 'Top-Klubs' haben offengelegt, was doch schon alle wussten: Es geht um mehr und mehr Geld, die Kontrolle des Fußballs und garantierten Zugang für sogenannte “Top-Klubs”. Schon lange nicht mehr um den Sport." Die sich dazu bekennenden Klubs seien "konsequent zu sanktionieren und sofort von allen verbandlichen Wettbewerben - national und international - auszuschließen".

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Die Super League sei nur die Spitze des Eisbergs. "Viel zu lange ist innerhalb der Verbände dem Treiben einiger Funktionäre und europäischer Klubs zugesehen worden", konstatiert die Organisation und folgert: "Schluss jetzt! Dem Gebaren dieser Klubs muss endlich Einhalt geboten werden! Die Verbände müssen unmittelbar Maßnahmen für einen fairen und integren Wettbewerb einleiten! Ernstzunehmende Konzepte für grundlegende Reformen im Fußball liegen seit Monaten von Fanseite vor." Es brauche endlich Taten für einen nachhaltigen, fairen und integren Wettbewerb. Doch wer glaubt noch an die grundlegenden Reformen für den gesamten Fußball?

Sig Zelt fordert DFB und DFL zum Handeln auf

Ein treuer Begleiter wie Zelt ist als bekennender Anhänger von Union Berlin zu lange im Fußball tätig, als dass ihn die Entwicklung überraschen würde. Er fordert nun, dass es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) nicht bei einer Ablehnung der Super-League-Planspiele belassen. "Wenn sie konsequent sind, müssten sie auch die geplante Reform der Champions League ablehnen."

Weil auch die unter UEFA-Hoheit entworfenen Änderungen das Gefälle innerhalb der nationalen Ligen vergrößern; weil sie mit einer verdoppelten Spielezahl den ohnehin proppevollen Terminkalender noch weiter aufblähen und damit letztlich auch die Bundesliga in die Bredouille bringen. Zelt wünscht sich schließlich, "dass der bezahlte Fußball von Überraschungen lebt; dass ein Aufsteiger wie früher der 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga auch mal Meister werden kann."

Super League bringt Europas Fußballwelt in Aufruhr - "Genug ist genug"

Sportschau 19.04.2021 02:13 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 ARD Von Tim Brockmeier


Da spricht in gewisser Form der Romantiker und Nostalgiker. Dass solch rührende Geschichten wohl nur noch aus der Konserve erlebbar sind, zeichnet sich seit längerem ab. Die Vertreter von Pro Fans sind nicht müde, die Fehlentwicklungen anzuprangern. Bereits am 29. März hatte die Organisation per Pressemitteilung ein "Nein zur Reform der europäischen Klubwettbewerbe" eingefordert.

Gewarnt wurde damals bereits vor einer noch stärkeren Abschottung einer geschlossenen Elite: "Unterm Strich wird damit jedoch das wirtschaftliche Hasardspiel noch angeheizt werden, die Abhängigkeit wird sich vergrößern." Zelt vermisst jegliche Demut vor der Corona-Krise und fürchtet einen "Weg in die Sackgasse, der dem Fußball auf allen Ebenen schadet."

Mal wieder fühlen sich die Anhänger übergangen

Gerade in Deutschland hatte sich die aktive Fanszene durch die europaweit einmalige Beteiligung an der "Taskforce Zukunft Profifußball", von der DFL zum interdisziplinären Meinungsaustausch ins Leben gerufen, Hoffnungen gemacht, bei der Gestaltung einer gerechteren und nachhaltigeren Zukunft zumindest gehört zu werden. Auch wenn der zusammenfassende Ergebnisbericht vom 3. Februar 2021 hinter den Erwartungen zurückblieb, so konnten ein halbes Dutzend Fanvertreter auf Augenhöhe diskutieren. So weit so gut.

Zelt von ProFans: "Fußball lebt von der Überraschung" Sportschau 19.04.2021 00:14 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

Was jetzt jedoch auf internationaler Ebene passiert ist, gleich einem Affront für die organisierten Anhänger, die sicherlich nicht den allgemeinen Querschnitt des Fußballinteressierten abbilden, aber eine wichtige Stimme bilden, da sie vor der Pandemie und dem Geisterspielbetrieb die treuesten (und lautesten) Dauergäste in den Stadien waren. Jetzt aber fühlen sie sich mal wieder übergangen.

Die Stoßrichtung der Fans war eine ganz andere

Als die Fanorganisation "Unsere Kurve" in ihrer Mitarbeit am Projekt "Zukunft Profifußball" im Herbst vergangenen Jahres erste Vorschläge unterbreitete, war die Stoßrichtung eine völlig andere. Demnach sollten vor allem die Profiteure der Champions-League-Gelder nämlich einen erheblichen Teil dieser Erlöse abführen und in einen gemeinsamen Topf zahlen, der sich aus nationaler und internationaler Vermarktung gespeist hätte.

Das alles mit einer Übergangsfrist von drei Jahren. Danach hätte der FC Bayern in der Saison 2019/2020 nicht 256 Millionen Euro aus allen Medienerlösen (UEFA, DFL) abgeschöpft, sondern nur 140 Millionen. Begründung von Sprecherin Helen Breit: "Wir können doch die Integrität des sportlichen Wettbewerbs national nicht aufgeben, um international erfolgreich zu sein." Die Fanvertreterin vom SC Freiburg wusste damals schon, dass sie mit ihren Forderungen nicht durchkommen würde - sie hätte allerdings nicht gedacht, dass ihr mal ein solcher Fußtritt verpasst werden würde.

Stand: 19.04.2021, 15:28

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