Fanarbeit auf links gedreht - Rechtsruck bei Zuschauerrückkehr?

Die Dortmunder Tribüne im Signal Iduna Park

Ein Jahr Geisterspiele

Fanarbeit auf links gedreht - Rechtsruck bei Zuschauerrückkehr?

Von Dorian Aust

Die Fanarbeit von Vereinen und Fanprojekten ist seit Beginn der Pandemie auf den Kopf gestellt. Ein Blick auf die zukünftigen Fankurven gleicht einem in die Glaskugel. Experten warnen allerdings: Rechte Gruppen könnten Raum bekommen.

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursiert im Fußball-Kosmos immer wieder dieser eine Begriff. Die Entfremdung der Fußballfans. Angesichts der Geisterspiele seit mittlerweile einem Jahr, zunehmender Kommerzialisierung und der Sonderrechte für Profifußballer ist das keine Überraschung.

Diese Entwicklung bekommen Fanbetreuer und Fanprojekte der Vereine als Erstes zu spüren. "Uns und den Kolleg:innen geht es nicht gut, weil unsere Arbeit extrem von direkten Kontakten zu den Fans lebt", berichtet Bremens Fanbetreuerin Julia Düvelsdorf der Sportschau.

"Das ist schon sehr hart"

Diese Kontakte werden überwiegend an Spieltagen gesucht und gepflegt - bei Geisterspielen fällt dies selbstverständlich komplett weg. Spieltage sind für viele Fans, vor allem für aktive und organisierte Fans ein bedeutender Teil der Lebenswelt. "Keine Heimspiele, keine Auswärtsfahrten, keine gemeinsamen Erlebnisse", so Düvelsdorf, die seit 2010 für Werder arbeitet. "Das ist schon sehr hart."

Sie ist für Jugendliche und junge Erwachsene da, die im Fußball-Kontext ihre Grenzerfahrungen machen, dort aber auch viel lernen. "Wenn ein so fester Bestandteil wie das gemeinsame Erlebnis beim Fußball wegbricht, kann das schon einschneidende Folgen haben", meint Düvelsdorf.

Durch das Wegbrechen fester Strukturen und Routinen können jungen Fußballfans Bezugspersonen fehlen. Das Austesten und Kennenlernen von Grenzen in einem gesteckten Rahmen fällt weg. Das sind wichtige Aspekte in der Persönlichkeitsentwicklung.

Einschnitt für Sozialarbeit in Fanprojekten

Für die 68 Fanprojekte in Deutschland sind die Geisterspiele in der alltäglichen Arbeit eine noch größere Zäsur. Die von den Vereinen finanziell und organisatorisch unabhängigen Fanprojekte betreiben klassische Sozial- und Jugendsozialarbeit und haben häufig Kontakt zu Jugendlichen, die ohnehin eher auf die schiefe Bahn abzurutschen drohen.

Ronald Bec vom Fanprojekt Dynamo Dresden erzählt, dass der Bedarf an Beratungsgesprächen gestiegen sei: "Zwar geht es jetzt weniger um polizeiliche Sachen, aber um Herausforderungen im Privaten." Man profitiere allerdings von den langjährigen Beziehungen zu den Jugendlichen.

Irgendwie Kontakt halten

Und die Erfahrungen gelten auch über die Dresdner Stadtgrenze hinaus. Michael Gabriel leitet die Koordinationsstelle der deutschen Fanprojekte (KOS) und kennt die Stimmungslage an den Standorten. Überall stehe man vor großen Herausforderungen: "Unser Hauptfokus liegt darauf, den Kontakt zu denjenigen zu halten, von denen wir wissen, dass sie es schwer haben." Für sie sei Corona eine zusätzliche Belastung.

Viele Kolleginnen und Kollegen würden sich Sorgen machen, was die aktuelle Phase mit der Entwicklung junger Fans, aber eben auch den Menschen dahinter macht. Das gehe über den Fußball hinaus und sei ein gesamtgesellschaftliches Thema, so Gabriel.

Fanprojekt-Leiter Gabriel: "Es ist eine reale Gefahr, wenn aktive Fans sich abwenden" Sportschau 12.03.2021 11:45 Min. Verfügbar bis 12.03.2022 Das Erste

In Zeiten eines zweiten Lockdowns und von Kontaktbeschränkungen ist es schwierig, die Fans nicht zu verlieren. An den Standorten sind digitale Angebote entstanden, von Workshops über Video-Calls bis hin zu virtuellen Stadionführungen. Zum Teil haben Sozialarbeiter und Streetworker Fans zu Hause am Fenster besucht, um irgendwie den Kontakt aufrechtzuerhalten.

Digitale Angebote erreichen nur Teile der Fans

Julia Düvelsdorf, die auch Bundessprecherin der Fanbetreuer ist erklärt, dass solche Angebote grundsätzlich angenommen würden: "Aber man erreicht nur einen kleinen Teil der Fans." Und mit der Sorge, Fans könnten sich vom Fußball abwenden, stellt sich auch die Frage: Wie sehen die Fankurven von morgen aus, wenn Fans wieder in die Stadien dürfen?

Die Experten sind sich einig, dass die allermeisten Fans zurückkehren werden. Die Stadien seien Sehnsuchtsorte. Die Fans würden die gemeinsamen Erlebnisse und Emotionen vermissen. Immer wieder heißt es aber auch, es könne ein bisschen anders werden. "Und was heißt das?", fragt Düvelsdorf: "In diesem 'ein bisschen anders' -  ich denke, da liegt der Knackpunkt."

Blick in die Glaskugel

Es gleicht einem Blick in die Glaskugel. Die Zusammensetzung der Fans könnte allerdings eine andere sein, wenn Zuschauer wieder zugelassen werden. Die Kurven könnten neu zusammengewürfelt werden: Fan-Nachwuchs aus mindestens einem Jahr fehlt, und manch andere Fans haben sich abgewandt.

Julia Düvelsdorf meint, das könnte sogar zur Gefahr werden und zwar dann, wenn Meinungsführer in den Kurven wegfallen: "Die Erfahrungen haben gezeigt, dass, wenn ein Regulativ wegfällt, rechte Tendenzen Chancen haben können."

Ist die Gefahr von rechts realistisch?

Auch der studierte Politikwissenschaftler und Fanforscher Jonas Gabler sieht diese Gefahr. Spiele mit Teilauslastung seien zwar keine potenzielle Bühne für rechte Gruppen und Parolen, allerdings könnten veränderte Zusammensetzungen in der Ultra-Szene zur Gefahr werden.

"Das ist sehr spekulativ, aber wenn sich Ultra-Gruppierungen auflösen oder innerhalb der Gruppen durch die Fluktuation neue Meinungsführer bilden, dann können sich auf einmal rechte Gruppen im Stadion Gehör verschaffen", so Gabler.

Der 39-Jährige ist Teil der "Kompetenzgruppe für Fankulturen & Sport bezogene Soziale Arbeit". Gabler warnt gegenüber der Sportschau, dass rechte Szenarien auch in vollen Stadien eine Rolle spielen könnten: "Die Erfahrung zeigt, dass, wenn eine Ultra-Szene wegbricht und die Stimmung nicht mehr orchestriert wird, auf einmal Gesänge von kleinen Gruppen gehört werden", so Gabler. Das Gefühl von Einfluss könne dann selbstverstärkende Wirkungen haben.

So theoretisch diese Gefahr auch ist, so sinnvoll wäre es, dass Klubs und Politik präventiv dagegen vorgehen.

Stand: 16.03.2021, 07:51

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