Corona im Europapokal - der Wettbewerb bleibt manchmal auf der Strecke

Die Spieler von Slovan Liberec gehen nach der Niederlage gegen Hoffenheim vom Platz

Champions League und Europa League

Corona im Europapokal - der Wettbewerb bleibt manchmal auf der Strecke

Von Chaled Nahar

Die TSG Hoffenheim hat Slovan Liberec in der Europa League mit 5:0 besiegt - wohl auch deshalb, weil Liberec wegen Corona-Erkrankungen 15 Spieler fehlten. Die UEFA feiert sich für den fortlaufenden Spielbetrieb, bei dem der Wettbewerb manchmal auf der Strecke bleibt.

Am Tag des 3. Spieltags der Europa League veröffentlichte die UEFA einige Zahlen zum Spielbetrieb ihrer Wettbewerbe im Lichte der Coronavirus-Pandemie. 526 Spiele seien seit dem 5. August ausgetragen worden, bei den Klubs, den Nationalmannschaften, bei Frauen und bei Nachwuchsspielen. Nur drei Prozent der angesetzten Partien hätten abgesagt werden müssen, das Hygienekonzepte mit insgesamt fast 62.000 Corona-Tests im besagten Zeitraum greife. "Es ist eine unglaubliche Leistung, mehr als 97 Prozent der Spiele wie geplant organisiert zu haben", wird UEFA-Präsident Aleksander Ceferin in einer Mitteilung zitiert.

Die Mitteilung lässt allerdings aus, unter welch zumindest bedenklichen Umständen einige dieser Spiele ausgetragen wurden. So auch das am Donnerstag (05.11.2020) in Sinsheim.

Neun Europapokal-Debütanten bei Liberec

Jeder Klub gibt der UEFA vor Saisonbeginn eine sogenannte A-Liste an Spielern bekannt. Von Slovans A-Liste fehlten 15 Spieler. Die acht Akteure, die von der Liste übrig geblieben waren, wurden durch Jugendspieler verstärkt. Nur 17 Spieler standen insgesamt im Kader.

Der 19 Jahre alte Torwart Lukas Hasalik war gerade aus der U19 in die B-Mannschaft aufgestiegen, hat noch kein Spiel in der derzeit ausgesetzten tschechischen Liga bestritten und debütierte nun in der Europa League. "Es ist wie im Reich der Träume", sagte Hasalik vor dem Spiel laut des tschechischen Portals sport.cz, am Ende des Traums stand ein 0:5 mit einigen schwerwiegenden Fehlern von ihm. Für insgesamt neun Spieler des Klubs war es das erste Spiel in einem europäischen Klubwettbewerb.

Mehrfach traten regelrechte Jugendmannschaften an

Was für Jugendspieler eine spannende Erfahrung sein kann, hilft der Integrität des Wettbewerbs allerdings nicht immer weiter - welchen sportlichen Wert haben solche Spiele noch? In der Qualifikation zu den beiden Europapokal-Wettbewerben und in der Nations League fanden einige Spiele mit regelrechten Jugendmannschaften statt. So musste Tschechiens Nationalmannschaft gegen Schottland mit einem Kader antreten, in dem nur zwei Spieler zuvor ein A-Länderspiel bestritten hatten. Darunter Roman Hubnik, der eigentlich längst zurückgetreten war.

In der Champions League reisten Ajax Amsterdam und Dynamo Kiew zuletzt arg dezimiert zu ihren Spielen in der Gruppenphase an. In der Europa League spielte der Wolfsberger AC aus Österreich trotz acht positiver Tests bei Dinamo Zagreb in Kroatien, das fünf positive Tests mitteilte. Mit dem Spiel in Sinsheim zwischen Hoffenheim und Liberec ist nun der deutsche Fußball erstmals an dieser Art von Spielen beteiligt gewesen.

Öffentlich beschwert sich kaum jemand

Öffentlich Ärger gab es nur selten. In der Qualifikation wurden drei Spiele abgesagt und gewertet, nachdem es bei den Teams vom FC Drita, vom FC Pristina (beide Kosovo) und von Slovan Bratislava (Slowakei) zu viele positive Tests gegeben hatte und die jeweils zuständigen Behörden die Spiele nicht zuließen. Bratislava fühlte sich von den Behörden auf den Färöer um das Spiel betrogen, zog vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS: "Wir werden versuchen, das zu erreichen, was uns rechtlich gehört." Der Versuch blieb erfolglos.

Auch Erik ten Hag, Trainer von Ajax Amsterdam, beklagte vor dem Spiel beim FC Midtjylland in Dänemark eine ungerechte Behandlung seiner Spieler durch die Behörden. "Ist das noch Fairplay? Oder geht es Richtung Wettbewerbsverzerrung?" Kritische Stimmen zum Ablauf bleiben aber die Seltenheit.

Dass insgesamt wenig Groll gegen den mit Macht durchgedrückten Wettbewerb aufkommt, hängt wohl vorrangig mit finanziellen Interessen zusammen. Denn Geld verdient die UEFA nur, wenn die Spiele stattfinden und die Teilnehmer der folgenden Runden rechtzeitig zusammengestellt sind. Und dieses Geld leitet sie zum größten Teil an die teilnehmenden Klubs und Verbände weiter. Entscheidungen am grünen Tisch, Terminänderungen und dezimierte Teams sind im Profifußball für alle Beteiligten leichter hinzunehmen als Einnahmeverluste.

Slovan Liberec: "Eine tolle Erfahrung"

Auch Slovan Liberec machte aus der Situation zumindest nach außen das Beste und formulierte in der Kommunikation keine Vorwürfe. Die jungen Spieler hätten lernen können, das Spiel sei eine tolle Erfahrung gewesen, hieß es. "Ich musste eine Mannschaft aufstellen mit Jungs, die nicht mit uns trainieren und keine Erfahrung haben", sagte Trainer Pavel Hoftychon, der auf einer relativ leeren Bank Platz nahm: "Ich möchte mich bei den Jungs bedanken." Vielleicht braucht er sie bald wieder.

Lucien Favre: "Wir sind am Limit" Sportschau 03.11.2020 00:30 Min. Verfügbar bis 03.11.2021 Das Erste

Stand: 06.11.2020, 10:14

Darstellung: