Jesse Marsch - Salzburgs Mängelverwalter

Salzburg-Trainer Jesse Marsch beim Europa-League-Spiel in Frankfurt

Frankfurts Gegner in der Europa League

Jesse Marsch - Salzburgs Mängelverwalter

Jesse Marsch, Trainer bei Frankfurts Gegner RB Salzburg, muss den zunehmenden Ausverkauf der Salzburger Red-Bull-Filiale verwalten. Für den US-Amerikaner ist es aber auch die Chance, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen.

Jesse Marsch, Trainer bei Red Bull Salzburg, erlebt man in Interviews als eher ruhigen Menschen, ganz der Typ netter amerikanischer Familienvater. Die große Fußball-Welt außerhalb der kleinen österreichischen Liga hat ihn allerdings ganz anders kennengelernt: Im vergangenen Oktober, bei Salzburgs Champions-League-Gastspiel in Liverpool, legte der Coach nach dem 3:3-Ausgleich seines Teams einen Jubelsprint zur Eckfahne hin, den man an der Anfield Road eher vom Heimcoach Jürgen Klopp erwartet hätte.

Vorausgegangen war eine wütende Halbzeitansprache, bei der Marsch die Spieler nach einem 0:3-Pausenrückstand erfolgreich durchgeschüttelt hatte - wobei er auch immer wieder seine Muttersprache zu Hilfe nahm, und deren beliebtestes Schimpfwort ("Es ist nicht ein fucking Freundschaftsspiel").

Weil der Mitschnitt aus der Kabine auch in einer vom Verein in Auftrag gegebenen Doku auftauchte, wurde daraus ein kleiner Internet-Hit. Liverpools Coach Klopp blieb von jenem wilden Abend eher die Art und Weise in Erinnerung, wie Salzburg überhaupt noch einmal ins Spiel zurückkam: "Es gibt Mannschaften, die komplett einbrechen, wenn sie in Anfield 0:3 hinten liegen", sagte Klopp nach dem Spiel. "Sie blieben völlig unbeeindruckt."

Ausrufezeichen in der Königsklasse

Am Ende scheiterten die Salzburger beim allerersten Auftritt in der Königklasse nur knapp in der stark besetzten Gruppe mit Titelverteidiger Liverpool und dem SSC Neapel. Mit ihrem mutigen Offensivstil und vor allem den Toren von Sturm-Juwel Erling Haaland, der jetzt in Dortmund verzückt, hatten sie dennoch Ausrufezeichen in Europa gesetzt.

Dabei hatte Salzburgs Coach bei seinem Antritt im vergangenen Sommer kein leichtes Erbe anzutreten, als Nachfolger des von Mönchengladbach abgeworbenen Marco Rose. Noch härter als seine Vorgänger traf Marsch die Strategie des von Red Bull gesponserten Fußballkonzerns, der den Standort Salzburg in seinem globalen Portfolio mehr denn je vor allem als Schaufenster nutzt, um selbst entwickelte Talente möglichst teuer und gewinnbringend zu verkaufen. Bereits im Sommer war den Salzburgern fast die halbe Stammelf weggebrochen. Dies konnte Marsch mit seiner Idee vom Angriffsfußball und schnellen Umschaltspiel noch kompensieren.

Marsch kämpft mit Salzburgs Ausverkauf

Doch im Winter ging der Ausverkauf weiter. Neben dem von halb Europa umworbenen Stürmerstar Haaland, der in der Hinrunde alleine 28 Treffer erzielte, wurden mit Mittelfeldwuseler Takumi Minamino (Liverpool) und Abwehrchef Marin Pongracic (Wolfsburg) zwei weitere Leistungsträger zu Geld gemacht. Mehr als 100 Millionen Euro hat RB Salzburg damit seit dem Sommer laut einschlägiger Transfermarkt-Portale eingenommen - doch vor allem die Winter-Abgänge gingen zuletzt merklich an die Substanz. Dies war auch beim 1:4 im Hinspiel des Europa-League-Sechzehntelfinales bei Eintracht Frankfurt zu besichtigen.

Frankfurt feiert Sieg gegen Salzburg Sportschau 21.02.2020 01:36 Min. Verfügbar bis 21.02.2021 Das Erste

In der Liga hat der österreichische Serienmeister zuletzt nach drei sieglosen Spielen sogar die Tabellenführung eingebüßt. Während aus Spielerkreisen inzwischen Kritik an der Transferpolitik zu vernehmen ist, nimmt der Trainer aus den USA die Salzburger Gegebenheiten zumindest nach außen hin klaglos hin.

Mentor Rangnick in Leipzig

Der frühere Assistenzcoach in der Leipziger Red-Bull-Filiale, der Ralf Rangnick als seinen Mentor bezeichnet, hat mehrfach betont, wie wohl er sich in Salzburg fühlt. Die Menschen seien "enstpannter, offener, ganz anders als Deutschland", sagte Marsch dem Newsportal "RBlive". Der 46-Jährige schwärmt von der Lebensqualität in der Mozartstadt, die sogar besser sei als in seinem früheren Wohnort New York. Dort, bei den New York Red Bulls, hat sich der langjährige College-Trainer einen Ruf im Profifußball gemacht, bevor ihn Rangnick nach Leipzig holte.

Den Wechsel nach Europa hat Marsch gegenüber dem Guardian als bewussten Karrierreschritt bezeichnet. Der Mann aus Wisconson ist ehrgeizig genug, dem Beispiel seiner Spieler zu folgen und sich in Salzburg als Trainer für höhere Aufgaben im Ausland zu empfehlen: "Das Jahr als Assistenzcoach in Leipzig hat mich definitiv weitergebracht, vor allem was meine Wahrnehmung angeht."

Erster US-Coach in der Bundesliga?

Bislang gab es, abgesehen von einem kurzen Gastspiel von Bob Bradley bei Swansea, keinen US-Trainer, der sich als Chefcoach in einer der großen europäischen Ligen etablieren konnte. Marsch weiß, dass die USA in Europa nach wie vor mit dem Ruf eines Fußball-Entwicklungslandes zu kämpfen haben - und lobte das Vertrauen, das ihm bei RB entgegengebracht wird: "In Salzburg werde ich nicht wie ein Trainer aus den USA behandelt", sagte er im Guardian.

Er habe weiter das Ziel vor Augen, soviel von der europäischen Kultur aufzusaugen wie möglich und als Coach in Europa Fuß zu fassen. Inzwischen spricht er fast perfekt deutsch. Womöglich kommt der nächste Coach, der aus Salzburg in die Bundesliga wechselt, aus den USA.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, Donnerstag, 27.02.2020, ab 22.50 Uhr

Stand: 27.02.2020, 08:48

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