Arsenal gegen Chelsea - Finale an einem heiklen Ort

Fotowand in der Fanzone in Baku

Diskussionen um Baku und Mchitarjan

Arsenal gegen Chelsea - Finale an einem heiklen Ort

Von Marcus Bark

Mit dem FC Chelsea und dem FC Arsenal bestreiten zwei Klubs aus London das Finale der Europa League in Baku. Aserbaidschans Hauptstadt ist ein heikler Ort, nicht nur wegen Henrich Mchitarjan.

Der 28. Mai ist ein Feiertag in Aserbaidschan. Im Jahr 1918 erklärte die Demokratische Republik Aserbaidschan an jenem Tag ihre Unabhängigkeit von Russland. Die Republik galt als sehr fortschrittlich, mit der Volksrepublik Krim als früheste Demokratie in der muslimischen Welt.

Nahe des Parlaments, das 1919 und damit weit früher als viele andere Staaten ein Wahlrecht für Frauen beschloss, findet sich in Baku City ein Platz mit einem Obelisken. Dort werden jeweils am 28. Mai Blumen niedergelegt. Vor allem Aktivisten, die sich gegen die vom autokratischen Präsidenten Ilham Aliyev gelenkte Regierung der heutigen Republik Aserbaidschan wenden, versammeln sich dann am Obelisken.

Im Jahr 2019 gelten allerdings starke Einschränkungen, berichten Oppositionelle. Zunächst sei sogar ein Versammlungsverbot im Gespräch gewesen, weil der große Fußball in der Stadt gastiert.

"Das macht mich wütend"

Am Mittwoch, 29. Mai, bestreiten der FC Arsenal und der FC Chelsea das Finale der Europa League in Baku. Tage vorher seien daher schon Straßen in der Innenstadt gesperrt worden. "Das macht mich wütend", sagte Khadija Ismayilova, "wir dürfen unseren Tag der Republik wegen eines Fußballspiels nicht vernünftig feiern."

Khadija Ismayilova

Khadija Ismayilova im Mai 2016 nach ihrer vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis.

Ismayilova, die als Journalistin über Korruption und Geldwäsche im Machtapparat ihrer Heimat berichtete und weiterhin berichtet, hat 16 Monate im Gefängnis verbracht. Verurteilt wurde die 46-Jährige wegen angeblicher Steuerhinterziehung. Diesem Vorwurf sehen sich viele der aserbaidschanischen Regimekritiker ausgesetzt, die von Menschenrechtsorganisationen als politische Gefangene eingestuft werden.

Ismayilova gehört dazu, sie ist zwar aufgrund internationaler Proteste vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen worden, aber darf das Land nicht verlassen, muss sich einmal im Monat bei Gericht melden. Zudem, so die Journalistin, seien ihre Konten eingefroren.

Sportereignisse fürs Image des Autokraten

Khadija Ismayilova schimpft auf die UEFA, die das Endspiel nach Baku vergeben hat. Sie schimpft auf den europäischen Fußballverband, der drei Gruppenspiele der Europameisterschaft 2020 und ein Viertelfinale nach Baku vergab.

Sie schimpft auf die Formel 1, die jedes Jahr durch die Metropole am Kaspischen Meer düse. All diese großen Sportveranstaltungen dienten dazu, das Bild der Regierung und vor allem das Bild des Präsidenten Aliyev zu schönen.

Seit Jahrzenten verfeindet

Ismayilova schimpft allerdings auch auf einen Fußballer, der sich weigert, an diesem Bild mitzumalen. Henrich Mchitarjan, früher bei Borussia Dortmund und aktuell beim FC Arsenal unter Vertrag, verzichtete zum wiederholten Mal auf eine Reise nach Aserbaidschan, weil er Armenier ist.

Seit Jahrzehnten sind die Staaten verfeindet wegen des Konflikts um die Region Berg-Karabach. Alle Optionen seien geprüft worden, teilte Mchitarjan vage über das soziale Netzwerk Instagram mit, "wir mussten dann die harte Entscheidung treffen, nicht mit zum Finale der Europa League zu reisen".

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Ohne es auszusprechen, meldete der in seiner Heimat als Superstar verehrte Mchitarjan Sicherheitsbedenken an. "Er war überhaupt nicht in Gefahr", schrieb Ismayilova bei Facebook, "wir sind keine Tiere und wir beißen nicht."

Mchitarjan habe sich für politische Ziele seiner Regierung missbrauchen lassen, warf Ismayilova dem Armenier vor. Sie verurteilte sein Verhalten gar als "rassistisch".

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"Lächerlich und respektlos"

Ein prominenter Armenier hält das wiederum der anderen Seite vor. "Die Garantie, dass er lebend zurückkomme, ist lächerlich und respektlos", sagte Arsen Julfalakyan dem Portal "Eurasianet". Der ehemalige Ringer, Medaillengewinner bei Olympia 2012, sitzt für das Regierungsbündnis im armenischen Parlament.

Jemanden nur aufgrund seiner Nationalität zu diskriminieren, sei "rassistisch". Es gibt auf allen Ebenen Diskussionen, Vorwürfe und Beschimpfungen. Vertreter der jeweiligen Außenministerien sind dabei noch diplomatisch, in Medien und sozialen Netzwerken werden die Grenzen häufig überschritten.

Baku ist unter vielen Gesichtspunkten ein fragwürdiger Austragungsort für ein bedeutendes Sportereignis. Der Sonderfall Mchitarjan lenkte den Blick noch ein bisschen zielgerichteter auf einen Staat, dem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem Report für 2019 attestiert, systematisch zu foltern, Aktivisten zu Unrecht einzusperren, Rechtsanwälte an ihrer Arbeit für jene Aktivisten zu hindern und die Pressefreiheit einzuschränken.

UEFA kommentiert lapidar

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin

Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" wurde Aleksander Ceferin auf die Verhältnisse in Aserbaidschan angesprochen. Der Präsident der UEFA antwortete: "Die Menschenrechtslage ist hier ein Problem, das ist sie in anderen europäischen Staaten jedoch auch. (…) Die Menschen dort lieben den Fußball. Und der darf von der Situation nicht gestoppt werden."

Weiter geht es auch für Socar. Der staatliche Öl-Konzern Aserbaidschans bleibt bis 2022 einer der Topsponsoren der UEFA. Mindestens.

Stand: 27.05.2019, 14:15

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