AS Rom-Trainer Jose Mourinho an der Seitenlinie im Spiel gegen Leicester City

Europa Conference League Mister "Títuli": Mourinho will die AS Rom zu Titelglanz führen

Stand: 23.05.2022 11:00 Uhr

Die Euphorie ist groß in Rom vor dem Endspiel der Europa Conference League. Gegen Feyenoord Rotterdam will Italiens Hauptstadtklub endlich wieder einen Titel gewinnen. Als wichtigster Hoffnungsträger gilt der Mann auf der Bank.

Von Jörg Seisselberg

Mister "Títuli" - José Mourinho steht in Italien auch dafür. Der 59 Jahre alte Portugiese ist der selbsternannte "Special One". Aber beim Stichwort "Títuli" wissen die Tifose und Tifosi ebenfalls: Es geht um den aktuellen Trainer der AS Rom. 2009 erfand Mourinho dieses portugiesisch-italienische Phantasiewort in einer denkwürdigen Pressekonferenz - um sich seiner gewonnenen Titel zu rühmen. Vor dem Finale der Europa Conference League in Tirana erinnern Italiens Sportmedien daran in Dauerschleife. Denn mit der AS Rom will Mourinho im Endspiel gegen Feyenoord Rotterdam auch die Trophäe im jüngsten europäischen Wettbewerb holen.

Der "Títuli"-Ausspruch Mourinhos hat in Italien ähnlichen Kultstatus wie der "Flasche leer"-Auftritt Giovanni Trapattonis in Deutschland. Mourinho lieferte sich vor 13 Jahren als Trainer Inter Mailands ein Kopf an Kopf Rennen mit der von Luciano Spallettis AS Rom (sic!). Auf eine Schiedsrichterkritik Spallettis nach dem Spiel reagierte Mourinho auf für ihn typisch provokant-überheblicher Manier und watschte seinen Kollegen mit dem Hinweis ab, dieser habe bislang in seiner Karriere "zero títuli" gewonnen.

Seitdem ist "Títuli" in Italien Chiffre für Mourinhos Ergebnis- und Titeldenken. Und triggert aktuell bei den Fans der AS Roma die Hoffnung, der eigenwillige Portugiese könne den Giallorossi endlich, endlich wieder einen europäischen Titel bescheren.

Bis zu 70.000 AS-Rom-Fans in Tirana erwartet

Die Vor-Endspieleurophorie in Italiens Hauptstadt lässt glauben, die Roma spiele um den Titel der Champions League. 60.000 bis 70.000 Anhänger der AS Rom werden zum Finale in Tirana kommen, prophezeit angesichts der Flug- und Fährenbuchungen der Direktor des albanischen Fußballverbands, Kejdi Tomorri. Ein Ansturm, der Besorgnis weckt am Endspielort.

Denn nur 4.000 Roma-Anhänger haben ein Ticket für die 22.000 Zuschauer fassende Endspiel-Arena. Der Enthusiasmus der rotgelben Fangemeinde soll kanalisiert werden unter anderem durch Public-Viewing-Angebote in Tirana. Auch daheim in Rom wird kollektiv mitgefiebert werden. Für das Public-Viewing im Olympiastadion waren 40.000 Tickets innerhalb von Stunden vergriffen.

AS-Rom-Fans hungrig nach Titeln

Ein Grund für die Conference-League-Begeisterung der Roma-Fans: Anders als ihr Trainer ist die AS Rom seit Jahrzehnten auf Titeldiät. Vor mehr als 30 Jahren (1991) verlor die Roma das UEFA-Cup-Finale gegen Inter Mailand. Fast 40 Jahre (1984) ist es her, dass die Giallirossi im heimischen Olympiastadion den Europapokal der Landesmeister verspielten, gegen den FC Liverpool im Elfmeterschießen.

Die einzige europäische Trophäe, mit der sich die AS Rom schmücken kann, ist der mäßig glorreiche Messepokal - gewonnen vor mehr als einem halben Jahrhundert, 1961. Zuhause in Italien reichte es zuletzt 2008 zum Gewinn des nationalen Pokals, der Coppa Italia. Seitdem gab es "zero títuli" für die Roma.

José Mourinho: "Wichtigste Finale meiner Karriere"

Ändern soll das jetzt der Experte in Sachen Titelgewinne. In dem für ihn üblichen Pathos (für das er im sehr zum Pathos neigenden Rom geliebt wird), nannte Mourinho das anstehende Duell mit Feyenoord Rotterdam das "wichtigste Finale seiner Karriere". Die Erklärung für den Superlativ lässt durchblicken, dass es für Mourinho in Tirana ein Stück weit auch um Genugtuung geht.

Viele hatten den oft selbstherrlichen Portugiesen nach seinen letzten Stationen Manchester United und Tottenham Hotspur als Trainer von gestern einsortiert, nach unter anderem zwei Champions-League-Titeln (mit Inter Mailand und Porto), zwei Triumphen im UEFA-Cup beziehungsweise in der Europa League, insgesamt acht Meistertitel in England, Italien, Spanien und Portugal.

In Rom hat Mourinho die Aufgabe übernommen, einen zuletzt erfolglosen Verein wieder in die Champions League und an die italienische Spitze zu führen. Drei Jahre haben ihm die US-amerikanischen Besitzer, die Friedkin-Familie, dafür Zeit gegeben. Im ersten Jahr ist für die Roma jetzt zumindest schon die Qualifikation für die Europa League herausgesprungen, gesichert am letzten Spieltag der Serie A durch einen 3:0-Erfolg beim FC Turin. Und dann ist da noch die Titelchance in der Conference League.

Tammy Abraham - von Tuchel aussortiert, in Rom gefeiert

Ins Finale geschafft hat es eine Mannschaft "made by Mourinho". Aggressiv, defensiv- und konterstark. An guten Tagen in der Lage, den Gegner zu dominieren und Spiele mit Mentalität zu gewinnen. Gezeigt hat es die Roma über die gesamte Saison in noch zu wenigen Spielen - aber wenn, dann in Begegnungen, die wichtig waren: Im Derby gegen Lazio, im Halbfinale der Conference League gegen Leicester City, zum Serie-A-Saisonabschluss gegen Torino.

Für die Roma wichtig in dieser Saison sind Spieler gewesen, die von Mourinho gewollt waren, beziehungsweise geformt wurden. Allen voran Tammy Abraham. Keinen Spieler hat Mourinho im vergangenen Sommer mit derartigem Nachdruck von der Vereinsführung gefordert, wie den 24 Jahre alten Stürmer von Chelsea. Abraham hat in Italien nach Anfangsschwierigkeiten 27 Tore für die Roma gemacht, 17 allein in der Serie A - nie war ein Torjäger der AS in seiner Premierensaision erfolgreicher.

Tammy Abraham im Conference League-Spiel gegen Leicester City

Tammy Abraham im Conference League-Spiel gegen Leicester City

Publikumsliebling Tammy Abraham

Nicht nur deswegen ist der sechsfache englische Nationalspieler Publikumsliebling in Rom. Auch weil er Bälle verteilt, technisch auf hohem Niveau spielt, mit einer Ballbehandlung, die viele überrascht bei einem Stürmer, der vom Körperbau eher für Wucht und Kraftfußball prädestiniert scheint.

Vor allem aber mögen die Fans der Giallorossi, wie Abraham die Spiele mit Inbrunst und gelegentlich auch ein bisschen Drama lebt. Keiner motiviert mit rudernden Armen häufiger das Publikum, niemand feuert enthusiastischer seine Mitspieler an, niemand verarbeitet vergebene Chancen mit dramatischerer Gestik als Tammy Abraham.

Die Leistungsträger der Mourinho-Roma

Seinen Anteil hat Mourinho auch an der Rückkehr Nicolo Zaniolos. Der in jungen Jahren schon als neuer Heilsbringer des italienischen Fußballs gefeierte Zaniolo war nach zwei Kreuzbandrissen 2020 fast 19 Monate weg vom Fenster. Mourinho baute ihn mit Fingerspitzengefühl auf, stärkte dem schnellen, kräftigen und technisch starken Stürmer die gesamte Saison den Rücken.

Der Leader der Mourinho-Roma ist Lorenzo Pellegrino. Kapitän, romano di Roma (in Rom geborener Römer) und von sehr wohlwollenden Kritikern sogar mit Rom-Legendären Francesco Totti verglichen. Als torgefährlicher offensiver Mittelfeldspieler und Freistoßspezialist hat Pellegrini in dieser Saison Führungsqualitäten gezeigt. Für Mourinho ist Pellegini mit Abwehrmann Gianluca Mancini wichtigster Ansprechpartner im Team.

Weitere Leistungsträger sind alte Bekannte Mourinhos, wie der ehemaliger Dortmunder Henrikh Mikytarian und Chris Smalling. Der Trainer mit dem speziellen Charakter hatte mit beiden Spielern Schwierigkeiten in seiner Zeit in Manchester. Es zählt zu den erstaunlichen Geschichten, dass beide Routiniers, nachdem Mourinho sie in Rom wiedergetroffen hat, ihre stärksten Saisons seit langem spielen. Sowohl Mikytarian als auch Smalling waren zuletzt angeschlagen, bei beiden hofft Mourinho, sie gegen Feyenoord einsetzen zu können.

As Rom-Spieler Nicolo Zaniolo mit Trainer Jose Mourinho

Nicolo Zaniolo mit Trainer Jose Mourinho

Was am Ende zählt, sind "Títuli"

Insgesamt war es für die Roma eine erste Saison unter Mourinho, die erste Fortschritte brachte, insgesamt aber wechselhaft war. Mit denkwürdigen Tiefpunkten, wie der 1:7-Niederlage im Conference-League-Gruppenspiel bei Bodö/Glimt. Eine historische Blamage für den Verein, hieß es damals. Für Mourinho eine Episode, nicht mehr. Denn kaum jemand weiß wie er: Was am Ende zählt, sind "Títuli".