Eine Gedenkstätte für die Opfer des Fluges PS752

Fußball Kanada gegen Iran abgesagt - die politische Dimension eines Testspiels

Stand: 27.05.2022 12:30 Uhr

Aus politischen Gründen ist das Fußballspiel zwischen Kanada und dem Iran abgesagt worden. Es war nur als Test gedacht, gibt aber einen Vorgeschmack auf die WM in Katar 2022, bei der die USA auf ihren Feind aus dem Nahen Osten treffen werden.

Von Marcus Bark

Auch die CONCACAF, der kontinentale Fußballverband von Nord-, Mittelamerika und der Karibik, startet im Juni mit ihrer Nations League. Kanada beginnt am 9. Juni mit einem Heimspiel gegen Curaçao, bevor vier Tage später die Partie in Honduras ansteht.

Als Vorbereitung auf die beiden Spiele, und auch als Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft, für die sich Kanada erst zum zweiten Mal nach 1986 qualifiziert hat, sollte es in Vancouver eine Begegnung mit dem Iran geben. Es wäre die sportlich wertvollste Partie gewesen, denn der Iran wird auch beim Turnier in Katar dabei sein, und er steht als 21. in der Weltrangliste deutlich vor Curaçao (79) und Honduras (82). Doch das Spiel gegen den Iran wurde abgesagt.

Ohne Begründung teilte "Canada Soccer" dies am Donnerstagnachmittag (26.05.2022) deutscher Zeit via Twitter mit.

Die Tragödie um Flug PS752

Etwa 20 Stunden später folgte eine Erklärung, in der diffus von einer politischen Lage gesprochen wird, die immer kontroverser geworden sei. Keine Erwähnung fand der Flug PS752, der ganz gewiss ein Grund für die Absage gewesen ist. Jener Flug der Airline "Ukraine International" endete am 8. Januar 2020 mit einer Katastrophe, denn iranische Raketen hatten das Flugzeug abgeschossen, das auf dem Weg von Teheran nach Kiew gewesen war.

Der Iran gab den Abschuss zu, nannte ihn einen "menschlichen Fehler", das Flugzeug sei mit einem Marschflugkörper verwechselt worden. An Bord waren nach kanadischen Angaben 85 Einwohner des nordamerikanischen Staates. Die hohe Zahl erklärt sich dadurch, dass es keine Direktflüge aus Teheran nach Kanada gibt, weil die diplomatischen Beziehungen 2012 abgebrochen worden waren und bis heute nicht wieder aufgenommen wurden.

Angehörige der Opfer hatten aufgrund der gut zwei Jahre zurückliegenden Tragödie bei "Canada Soccer" gegen die Ansetzung des Spiels protestiert. Auch Kanadas Premierminister Justin Trudeau nannte es "keine gute Idee", den Iran einzuladen, "aber das müssen die Organisatoren erklären".

Die Erklärung blieb dürftig. Wieso es kurz vor dem Spiel zur Absage kam, obwohl die Spannungen seit langem bekannt sind, bleibt offen. Für Kopfschütteln sorgt bei vielen Kanadiern, dass der Iran angeblich 400.000 US-Dollar (etwa 373.000 Euro) für das Spiel erhalten haben soll.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau zur Ansetzung Kanada-Iran: “Keine gute Idee“

Die Summe wurde zwar nicht bestätigt, aber der kanadische Verband gab zu, Geld gezahlt zu haben. Dies sei üblich, um dem anreisenden Verband die Flug- und Übernachtungskosten zu erstatten. Die Summe muss aber ziemlich üppig gewesen, denn der iranische Verband erklärte, er werde etwa 200.000 US-Dollar Gewinn machen.

Das liest sich allerdings bescheiden gegen jene Summe, die von offizieller iranischer Seite nun als Entschädigung gefordert wird: zehn Millionen US-Dollar. Sina Kallhor, stellvertretender Sportminister, schrieb bei Twitter, dass "die einseitige Absage" durch den kanadischen Verband "einmal mehr gezeigt" habe, "dass der Slogan, kein politischer Sport zu sein, ein Deckmantel für die Interessen der westlichen Länder" sei.

Die politische Komponente des Falls ist jedoch trotz dieser Summe bei weitem bedeutender. Dies zeigt sich auch an den Spekulationen, dass ein Foto von einer Geburtstagsfeier Einfluss bei der Absage gehabt haben könnte.

Irans Volksheld und Teammanager auf heiklem Foto

Das Foto zeigt Hamid Estili, aktuell Teammanager der iranischen Nationalmannschaft. Er schoss bei der WM 1998 beim 2:1-Sieg des Iran gegen die USA das erste Tor, seitdem ist er ein Volksheld.

Auf besagtem Foto posiert Estili mit Mahmoud Khazein, einem von den USA zur Fahndung ausgeschriebenen Iraner. Ihm werden unter anderem Geldwäsche und geplante Entführungen vorgeworfen, auch von Menschen in Kanada. Die USA und der Iran sind seit 1980 verfeindet, es gibt die latente Gefahr auch von kriegerischen Auseinandersetzungen der beiden Staaten.

Duell bei der WM in Katar

Die ohnehin schon politisch aufgeladene Weltmeisterschaft in Katar wird durch das erneute Duell der Feinde noch brisanter. Die USA und der Iran treffen am letzten Spieltag der Gruppe B aufeinander. Der Iran steht angeblich unter besonderer Beobachtung des Fußballweltverbands FIFA, weil er im März wiederholt Frauen verboten hat, Fußballspiele zu besuchen, obwohl sie gültige Eintrittskarten hatten. Vor den Stadiontoren war es daher zu Tumulten gekommen. Iranische Sicherheitskräfte waren gewaltsam gegen Frauen vorgegangen.

Verstoß gegen FIFA-Statuten?

Ginge es nach Masih Alinejad, müsste die FIFA aus einem anderen Grund untersuchen, ob der iranische Verband nicht suspendiert und damit von der WM ausgeschlossen werden müsste. Die iranische Journalistin und Aktivistin mit Sitz in den USA sagte im Zusammenhang mit dem abgesagten Spiel in Kanada und dem Wunsch des stellvertretenden Ministers, Sport und Politik nicht zu mischen: "Alle Sportverbände im Iran werden von den Revolutionsgarden kontrolliert."

Die Revolutionsgarden sind der militärische Arm des Regimes in Teheran. Sie werden seit 2019 von den USA als terroristische Einheit geführt. Die FIFA verbietet Einmischungen von Regierungen in die Angelegenheiten eines Fußballverbands. Die Verbände Kenias und Simbabwes sind daher aktuell suspendiert.