DFB-Pokal: Ausnahme bestätigt Abseits-Regel - und bringt Verwirrung

Paderborns Trainer Steffen Baumgart (R) diskutiert mit Schiedsrichter Tobias Stieler

Pokal-Achtelfinale

DFB-Pokal: Ausnahme bestätigt Abseits-Regel - und bringt Verwirrung

Von Dorian Aust

Dortmunds Siegtreffer gegen Paderborn hat für mächtig Wirbel gesorgt. Keine 24 Stunden später wird ein Kölner Treffer bei einer vergleichbaren Situation annulliert - Hintergrund ist eine Ausnahmeregelung.

Das DFB-Pokal-Achtelfinale hat für mächtig Wirbel gesorgt. Rekordverdächtige vier von acht Spielen gingen in die Verlängerung. Es gab packende Pokalschlachten wie in Kiel, Überraschungen wie in Regensburg und eine Sensation - in Essen. Es gab allerdings auch wieder reichlich Diskussionspotenzial.

Im Fokus dieses Mal: Abseitsentscheidungen und die Rolle des Videoassistenten. Vor allem geht es um einen Vergleich zweier Situationen: das 3:2 der Dortmunder und den vermeintlichen 3:1-Führungstreffer für Köln (in Regensburg). Zwei ähnliche Abseitsentscheidungen, aber nur ein Treffer zählte.

Die beiden Situationen im Vergleich

Die beiden Situationen haben eines gemeinsam: Es herrscht wohl Einigkeit darüber, dass Erling Haaland am Dienstagabend (02.02.2021) und Ondrej Duda am Mittwochabend jeweils im Abseits standen - Duda sogar deutlich.

Die Grundregel besagt: Spielt ein Spieler den Ball zu einem Gegenspieler, der im Abseits steht, liegt keine Abseitsposition vor, weil eine neue Situation entstanden ist. Wurde der Spieler nur angeschossen und hat den Ball unfreiwillig zum Gegner abgefälscht, liegt eine Abseitsposition vor, weil keine neue Spielsituation entstanden ist.

Abseits oder nicht? - die entscheidende Szene in Dortmund Sportschau 02.02.2021 02:13 Min. Verfügbar bis 02.02.2022 Das Erste

In Dortmund griff der erste Fall. Da der Paderborner Svante Ingelsson nach dem Ball grätschte, war es in jedem Fall eine aktive Bewegung zum Ball, und damit würde eine neue Spielsituation und demnach ein regelkonformes Tor vorliegen. Fraglich war hier, ob Ingelsson den Ball überhaupt spielte. Schiedsrichter Stieler war von einer Ballberührung ausgegangen - der Videoschiedsrichter konnte das nicht widerlegen.

In Regensburg schien auf den ersten Blick auch der erste Fall zu greifen. Ondrej Duda stand im Abseits, und Regensburgs Scott Kennedy hatte den Ball zuvor bewusst weggedroschen, also ebenfalls aktiv den Ball gespielt, es lag demnach auch eine neue Spielsituation und entsprechend ein regelkonformes Tor vor. Warum wurde hier also anders entschieden?

Abseits oder nicht? - das aberkannte 3:1 von Köln gegen Regensburg Sportschau 04.02.2021 02:15 Min. Verfügbar bis 04.02.2022 Das Erste

Nähe zum Tor mitentscheidend

Lutz Wagner, Lehrwart des DFB

Lutz Wagner, Lehrwart des DFB

Das Abseitsregelwerk sieht beim Spielen des Balls eine Ausnahme vor, erklärt der DFB-Lehrwart und Regelexperte Lutz Wagner der Sportschau: "Wenn ein Spieler bei einer Torabwehr-Situation den Ball spielt, spricht die Regel von einem 'save'. Den Ball aktiv zu spielen, hebt unter normalen Umständen eine strafbare Abseitsposition auf. Handelt es sich jedoch um eine Torabwehraktion, greift die Ausnahme."

Eine Torabwehraktion liegt immer dann vor, wenn der Ball auf oder sehr nah an das Tor geht. Es macht also einen Unterschied, ob ein Spieler den Ball auf Höhe der Mittellinie spielt und er beim Gegner landet, oder das gleiche unmittelbar vor dem eigenen Tor passiert.

Schiedsrichter Hartmann dennoch unglücklich

Der Schiedsrichter der Partie Regensburg gegen Köln war Robert Hartmann. Er wurde vom VAR auf die Abseitssituation hingewiesen. Wenn man das Regelwerk streng auslegt, hätte Hartmann sich die Szene dennoch am Bildschirm selbst anschauen müssen. Denn es wird unterschieden zwischen faktischen und bewertungstechnischen Entscheidungen.

Abseitstor im Spiel Regensburg gegen Köln

Abseitstor im Spiel Regensburg gegen Köln

"Faktische Entscheidung bedeutet: Hier gibt es schwarz und weiß. Er hat ihn berührt: ja oder nein. Das Foul war im Strafraum oder außerhalb. Aber es gibt ja auch die Entscheidungen, die einen Ermessensspielraum erfordern. Hat ein Spieler etwas mit Absicht getan oder nicht? Ist es zum Beispiel eine Torchance oder nicht?", so Lutz Wagner.

Nur bei bewertenden Entscheidungen ist der Unparteiische verpflichtet, sich die Szene selbst anzuschauen. Und vor allem letztere Frage ist im Fall Regensburg interessant. Wenn der Schuss - überspitzt gesagt - Richtung Eckfahne gegangen wäre, dann wäre Kennedys klärende Aktion nicht von der Ausnahmeregel gedeckt.

Stielers Verhalten in Ordnung

Daraus ergibt sich dann auch, warum sich Schiedsrichter Stieler die Situation bei Haalands Treffer nicht selbst angeschaut hat. Paderborns Trainer Steffen Baumgart hatte sich unter anderem darüber unheimlich aufgeregt.

Baumgarts Wutrede: "Sich das nicht anzugucken, finde ich viel frecher" Sportschau 02.02.2021 05:32 Min. Verfügbar bis 02.02.2022 Das Erste

Aber im Westfalenstadion stellte sich lediglich die Frage: War Ingelsson am Ball? Ja oder nein? Eine rein faktische Entscheidung.

Schiedsrichter wie die Polizei

Aber selbst wenn sich Hartmann, der Schiedsrichter in Regensburg, entschieden hätte, selbst noch einmal zum Bildschirm zu gehen, ist es fraglich, ob er anders entschieden hätte.

Fest steht aber auch, dass die Abseitsregel durch Ausnahmen kompliziert und undurchsichtig ist. Und der Fußball läuft Gefahr, Zuschauer und Fans zu vergraulen, weil immer weniger nachzuvollziehen ist, was auf dem Rasen überhaupt passiert.

Komplizierte Ausnahmen sind allerdings nicht Wille der Schiedsrichter. Lutz Wagner zur Sportschau: "Wir Schiedsrichter sind wie die Polizei, wir sind nur das ausführende Organ. Wir machen nicht die Regeln, sondern wir setzen sie nur um. Aber klar, je mehr Unterpunkte und Ausnahmen eine Regel hat, desto unübersichtlicher wird es."

Stand: 04.02.2021, 12:43

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