Rassismus auf Schalke - die Rolle des Schiedsrichters

Harm Osmers stellt Jordan Torunarigha vom Platz.

Beleidigungen gegen Torunarigha

Rassismus auf Schalke - die Rolle des Schiedsrichters

Von Chaled Nahar

Wenn es zu rassistischen Beleidigungen im Fußballstadion kommt, sollen Schiedsrichter in drei Stufen reagieren: Stadiondurchsage, Spielunterbrechung, Spielabbruch. Bei den Pöbeleien gegen Herthas Jordan Torunarigha kam es aber nicht mal zur ersten Stufe. Warum?

Am 25. Juli 2019 forderte Generalsekretärin Fatma Samoura in einem Rundschreiben sämtliche Mitglieder des Weltverbands auf, den "Drei-Stufen-Plan" der FIFA bei rassistischen Beleidigungen in allen Wettbewerben anzuwenden. Damit wolle man "eine Null-Toleranz-Politik gegenüber rassistischen und diskriminierenden Vorfällen im Fußball verfolgen und ein solches Verhalten streng bestrafen", hieß es in dem Brief, der auch an den DFB gerichtet war.

Dieser "Drei-Stufen-Plan" sieht so aus:

  • Stufe 1: Wenn der Schiedsrichter rassistische oder andere diskriminierende Beleidigungen wahrnimmt oder von seinen Assistenten darauf aufmerksam gemacht wird, soll er das Spiel unterbrechen und eine entsprechende Stadiondurchsage verlangen.
  • Stufe 2: Ändert sich das Verhalten der damit angesprochenen Menschen nicht, soll der Schiedsrichter das Spiel für mehrere Minuten unterbrechen, die Mannschaften in die Kabinen schicken und eine weitere Durchsage verlangen.
  • Stufe 3: Sollte es nach einer Wiederaufnahme des Spiels weiter zu entsprechenden Beleidigungen kommen, soll der Schiedsrichter im letzten Schritt das Spiel abbrechen.

Harm Osmers, der am Abend des Spiels auf Anfrage keine Stellungnahme abgab, sah sich nach den Beleidigungen gegen Herthas Jordan Torunarigha beim Pokalspiel bei Schalke 04 jedoch nicht einmal zur ersten Stufe veranlasst. Dabei zog auch auf Seiten der beschuldigten Schalker niemand in Zweifel, dass es die Beleidigungen gegeben hat. Warum gab es also keine Durchsage?

DFB: "Osmers hat erst nach der regulären Spielzeit davon erfahren"

"Harm Osmers hat erstmals nach der regulären Spielzeit und vor der Verlängerung von dem Vorfall erfahren", sagt Peter Sippel, der beim DFB im Team Elite-Schiedsrichter arbeitet, im Gespräch mit sportschau.de. Herthas Sportdirektor Michael Preetz sei auf Osmers zugekommen und habe ihn auf die Beleidigungen hingewiesen. Da sich der Vorfall laut Osmers aber bereits im Laufe der zweiten Halbzeit, zirka in der 70. Minute ereignet habe, wäre bei einer Durchsage "der Kontext nicht mehr herzustellen gewesen", sagte Sippel. Problematisch sei zudem, dass Osmers den Vorfall selbst nicht wahrgenommen habe. Aus diesen Gründen habe er von einer Durchsage abgesehen.

Armin Lehmann über die Rassismus-Vorwürfe im DFB-Pokal-Spiel

Sportschau 05.02.2020 02:12 Min. Verfügbar bis 05.02.2021 ARD

Nach den Hinweisen der Berliner habe Osmers in der Verlängerung zudem keine weiteren Vorfälle wahrgenommen. In diesem Fall hätte er eine Durchsage des Stadionspsrechers verlangt. Nach Spielende hätten sich Osmers und Preetz nochmals in der Kabine unterhalten und Osmers habe auch einen Sonderbericht geschrieben. Dieser könnte nun Grundlage für ein mögliches sportgerichtliches Verfahren gegen Schalke 04 sein. Denn der Kontrollausschuss des DFB hat Ermittlungen aufgenommen, Schalke kündigte "null Toleranz" gegen die Fans an, die sich schuldig gemacht haben. Jordan Torunarigha, der die rassistischen Beleidigungen ertragen musste, wird für ein Spiel gesperrt. Denn Osmers stellte Torunarigha in der Verlängerung des Schalker 3:2-Siegs mit Gelb-Roter Karte vom Platz, nachdem er an der Schalker Bank eine Wasserkiste umgeworfen hatte.

Schiedsrichter-Experte: "Osmers muss es selbst hören"

Die Hertha reagierte enttäuscht auf den Ablauf. "Wir haben die Schiedsrichter darauf hingewiesen: Ihr müsst auf den Jungen aufpassen, ihr müsst den Jungen schützen", sagte Herthas Trainer Jürgen Klinsmann in der ARD. Und er beschrieb die Reaktion des Schiedsrichterteams: "Sie hätten es nicht so richtig mitbekommen."

Aber das bleibt wohl der Knackpunkt. "Wenn Osmers das nicht selbst mitbekommt, kann er auch keine Durchsage fordern", sagt Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt vom Podcast "Collinas Erben" im Gespräch mit sportschau.de. "Wenn Jürgen Klinsmann oder Michael Preetz ihn darauf hinweisen, kann er verstärkt darauf achten und dann reagieren. Aber mitbekommen muss er es schon selbst." Auch die anwesenden Medienschaffenden wurden auf den Vorfall erst aufmerksam, als Niklas Stark von Hertha BSC am ARD-Mikro sagte: "Jordan hat mir erzählt, dass es rassistische Beleidigungen gab." Stark selbst hatte sie also auch nicht gehört.

2006 rief Michael Weiner in Aachen Fans zur Ordnung

In Deutschland kam der "Drei-Stufen-Plan" im Profibereich bislang nicht zum Einsatz. Einer wendete ihn jedoch teilweise an, bevor es ihn überhaupt gab: Schiedsrichter Michael Weiner. Als es in einem Bundesligaspiel zwischen Alemannia Aachen und Borussia Mönchengladbach 2006 diskriminierende Rufe gegen Gladbachs Kahê gab, sagte der Stadionsprecher: "Ich soll vom Schiedsrichter ausrichten, dass er das Spiel unterbrechen wird, wenn er nochmals das Wort 'Asylant' hört."

Stand: 05.02.2020, 12:23

Darstellung: