Rangnick will sein Leipziger Lebenswerk krönen

Ehrgeiziger Macher: Ralf Rangnick

DFB-Pokalfinale

Rangnick will sein Leipziger Lebenswerk krönen

Von Frank Hellmann

Erst mit der TSG Hoffenheim, nun mit RB Leipzig: Ralf Rangnick hat bewiesen, ein Projekt im Profifußball auf ein neues Niveau hieven zu können. Mit dem Pokalfinale gegen den FC Bayern (Samstag 20 Uhr/live im Ersten) will der rastlose Macher auch als Fußballlehrer noch ein spätes Meisterstück abliefern.

Ralf Rangnick hat artig die Hand gehoben, als der Applaus beim Betreten des Platzes anschwoll. Die kleine Tribüne war definitiv zu klein für die vielen Menschen, die bei der öffentlichen Einheit von RB Leipzig am Dienstagnachmittag (21.05.2019) im Trainingszentrum am Cottaweg dabei sein wollten. Jeder Spieler erhielt artig seinen Beifall, doch neben Publikumsliebling Yussuf Poulsen heimste nur der Cheftrainer die besondere Phonstärke an Unterstützung ein.

Warnung vor "freilaufenden Bullen"

In Leipzig wissen sie eben, wer den Status quo erschaffen hat. Das anstehende DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern ist ein Meilenstein für den jungen Klub.

Dass auf einem elektrisch betriebenen Eingangstor vor "freilaufenden Bullen" gewarnt wird, kann durchaus als Warnung gelten: Die "Roten Bullen" würden den Rekordpokalsieger sehr gerne auf die Hörner nehmen. Deswegen ist auch eine ganz ähnliche geartete Plakatierung in der Hauptstadt angelaufen.

Trainer war mit Schalke Pokalsieger

Schon unmittelbar nach dem  Halbfinale beim Hamburger SV (3:1) rief Rangnick in seiner Eigenschaft als Cheftrainer einen Qualifikationsmodus in seinem Kader für die Berliner Bühne aus. Alles hat der 60-Jährige diesem Showdown vor großem Publikum untergeordnet, weil auch er sein spätes Meisterstück machen möchte.

Ralf Rangnick mit dem DFB-Pokal

Ralf Rangnick mit dem DFB-Pokal

Klar, der ehrgeizige Schwabe hatte mit dem FC Schalke 04 schon 2011 einmal den Pokal in den Himmel gereckt, doch damals war er erst wenige Wochen vor Saisonende eingestiegen – und musste die vorher von Felix Magath gequälte Mannschaft allein den Zweitligisten MSV Duisburg (5:0) schlagen.

Der erste Titel wäre etwas Besonderes

Ein Erfolg gegen den sportlich und wirtschaftlich in der Liga enteilten FC Bayern besäße ungleich höhere Wertigkeit – und würde nebenbei dem kritisch beäugten Red-Bull-Konstrukt eine neue Form der Anerkennung einbringen. Der Baumeister fände es "großartig, wenn wir jetzt schon unseren ersten Titel gewinnen würden". Betonung auf "jetzt schon", nachdem er als Sportdirektor an diesem Standort 2012 anfing. Aber da war gerade es gerade drei Jahre her, dass für RasenBallsport Leipzig der Ball in der fünften Liga losgerollt war.

"Meine Babys waren auch Hoffenheim und Ulm, aber RB Leipzig ist schon so eine Art Lebenswerk“, sagt der Macher. Gut erinnert er sich an die Aufstiegsspiele der Regionalliga-Meister, die rückblickend das schwierigste Nadelöhr waren. "Wenn man bedenkt, dass wir vor sieben Jahren noch Viertligist waren und  uns erst in der Verlängerung des Rückspiels gegen die Sportfreunde Lotte für die dritte Liga qualifiziert haben, und was seitdem alles passiert ist, dann ist das schon außergewöhnlich." Ein Jahrzehnt wie im Brauseschritt.

Er hat gelernt, zu delegieren

Red-Bull-Impresario Dietrich Mateschitz, der sich erst nach einem ausgiebigen Spaziergang in der Messestadt für diesen Standort entschieden haben soll, wollte Rangnick damals zunächst als Trainer holen. Dieser lehnte allerdings ab. "Als er von mir wissen wollte, was ich anders machen würde, habe ich ihm gesagt, dass ich Spieler holen würde, die nicht ihren letzten oder vorletzten, sondern ihren ersten oder zweiten Vertrag unterschreiben."

Dietrich Didi Mateschitz (Eigentuemer Red Bull), Oliver Mintzlaff (Vorstandsvorsitzender / Geschaefsfuehrer RB Leipzig)

Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz (l.) und Oliver Mintzlaff

Heraus kam die Verantwortung als Sportdirektor, in der Rangnick auch zeitweise für Red Bull Salzburg arbeitete. Doch die Pendelei zwischen beiden Städten und seinem Heimatort Backnang ist längst Geschichte. Die boomende Stadt im Osten ist seine zweite Heimat geworden, weil er sich dort beruflich verwirklichen kann wie vielleicht nirgendwo anders.

Insofern interessant, wie ab Montag gemeinsam mit Vorstandschef Oliver Mintzlaff sein weiteres Wirken besprochen werden wird. Rangnick als Supervisor für die Standorte in New York und Brasilien? Rangnick als übergeordneter Kaderplaner in Leipzig? Oder ein Abgang nach England? Alles scheint nach Informationen von sportschau.de bei diesen Gesprächen noch möglich.

Delegieren an die Besten

Rangnick betont nicht zufällig, dass er zu 90 Prozent seiner Karriere als Trainer gearbeitet hat. Und dieser Antrieb hat ihn bewogen, 2015/2016 und 2018/2019 jeweils für eine Saison selbst das Steuerrad in die Hand zu nehmen. Der größte Unterschied beim rastlosen Antreiber von heute zu früher: Er macht nicht mehr alles selbst.

Reha-Trainer, Athletik- und Co-Trainer, Koch oder Physiotherapeuten müssen zwar seinen Vorgaben konsequent folgen, aber den Kontrollwahn hat er abgelegt, weil er inzwischen Topleute um sich herum wähnt. "Delegieren funktioniert dann, wenn du die bestmöglichen Leute hast."

Trägt auch mal RB-Kutte: Ralf Rangnick

Trägt auch mal RB-Kutte: Ralf Rangnick.

Rangnick hat auf Spielerseite die engste Verbindung zu jenen Protagonisten aufgebaut, die ihm schon beim Bundesliga-Aufstieg bedingungslos folgten: Torwart Petar Gulacsi, die Verteidiger Marcel Halstenberg, Lukas Klostermann und Willi Orban, der Abräumer Diego Demme, die Offensivallrounder Emil Forsberg und Marcel Sabitzer und natürlich Stürmer Yussuf Poulsen. Rangnicks sagt, solche Kontinuität mit denselben sechs, sieben Stützen gebe es sonst nirgendwo. Da hat er vermutlich sogar Recht.

Da dreht einer an jeder Stellschraube

In dem einem Hightech-Labor ähnelnden Domizil am Cottaweg scheint es keine Stellschraube zu geben, an der der Allesmacher nicht gedreht hat. Dass anhand einer kurzen Blutabnahme am Ohrläppchen vor jeder Trainingseinheit der Creatin-Kinase-Wert (cK-Wert) bestimmt wird, und die Profis Auskunft über ihren Energiezustand und ihre Schlafdauer abgeben, passiert auch anderswo, aber in Leipzig wirkt alles noch akribischer.

Aus eigener Erfahrung – Rangnick führte sein Burnout-Syndrom auch auf mangelhafte Essgewohnheiten zurück – wird die Ernährung genau überwacht. Gesüßt wird beispielsweise nur mit Galactose. Und zur Belastungssteuerung zählt eben auch, am vergangenen Samstag bei Werder Bremen (1:2) mal eine komplette B-Elf aufzustellen. Stars wie Timo Werner brauchten zur letzten Bundesligapartie gar nicht mitzureisen.

Alles soll nun im 52. Pflichtspiel – damit hat RB Leipzig letztlich sogar mehr Belastung gehabt als Eintracht Frankfurt – in eine Topleistung münden. Und am besten im Pokalsieg. Dann hätte sich die Gründungsstadt des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ein zweites Mal in die Siegerliste eingetragen.

Bislang hat das nur der VfB Leipzig vollbracht: Nach einem 2:1 am 3. Januar 1937 gegen den FC Schalke 04 jubelten laut der Aufzeichnungen 70.000 Menschen im Berliner Olympiastadion dem krassen Außenseiter zu. Rangnick hätte nichts dagegen, wenn sich diese Leipziger Geschichte wiederholt. Die ersten Ovationen hat er ja schon bekommen.

Stand: 22.05.2019, 10:00

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