DFB will bei harter Linie bleiben

Schiedsrichter Tobias Stieler

Umsetzung der Regeln

DFB will bei harter Linie bleiben

Von Frank Hellmann

Die klare Linie gegen Unsportlichkeiten will der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ungeachtet der Debatten beibehalten. Auch im DFB-Pokal-Achtelfinale sind die Referees aufgefordert, Hinausstellungen wie Tobias Stieler auszusprechen.

Es ist nicht zu behaupten, dass der DFB-Pokal sich in der vergangenen Saison zu einer Ruhmesgeschichte fürs deutsche Schiedsrichterwesen entwickelt hat. Haften blieb trotz vieler spannender Spiele, faustdicker Überraschungen und einem interessanten Finale vor allem die Fehlentscheidung im Halbfinale zwischen Werder Bremen und FC Bayern (2:3).

In dem Evergreen hatten die Bremer gegen den alten Rivalen gerade einen 0:2-Rückstand aufgeholt, und das Publikum fühlte zumindest ein kleines Wunder von der Weser, als ein Pfiff von Daniel Siebert dazwischenkam. Der junge Berliner Schiedsrichter war auf einen Faller von Kingsley Coman gegen Theodor Gebre Selassie reingefallen, was grundsätzlich passieren kann. Nur hätte es ja gereicht, der damals bereits eingesetzte Videoassistent hätte sich eingeschaltet. Die Kommunikation ging so gründlich schief, dass der Verband später extra einen Rüffel aussprach. Werder half es wenig.

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Präzedenzfall Plea soll abschrecken

Wenn die Bremer nun gegen Borussia Dortmund im Pokal-Achtelfinale am Dienstag (04.02.2020, 20.45 Uhr/ARD) wieder auf großer Bühne vor einem Millionenpublikum antreten, wird Guido Winkmann im Weserstadion das Spiel leiten, Tobias Welz ist der Videoassistent. So etwas wie gegen die Bayern dürfte sich kaum wiederholen, dafür funktioniert das Zusammenspiel mit dem Kölner Kontrollraum inzwischen zu gut. Aber es gibt neuerdings ganz andere Reibungspunkte. Denn seit Jahresbeginn sind die Referees angehalten, im Profibereich grundsätzlich strenger gegen Unsportlichkeiten vorzugehen.

Mit der Gelb-Roten Karte gegen den Gladbacher Alassena Plea im Spitzenspiel zwischen RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach (2:2) ist am Samstagabend ein Präzedenzfall geschaffen worden, der dem DFB gar nicht so ungelegen kam. Die öffentliche Debatte, die vom aufgebrachten Sky-Experten Lothar Matthäus ad hoc angestoßen wurde, war insofern hilfreich, als dass nun niemand mehr behaupten kann, er habe von der Regelverschärfung nichts gewusst.

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Der Verband ist gewillt, diesen Erziehungsprozess im Sinne besserer Umgangsformen durchzuziehen. Peter Sippel, Leiter Training und Qualifizierung für die DFB-Schiedsrichter, hat die Entscheidung des Unparteiischen Tobias Stieler von der SG Rosenhöhe unterstützt. "Wir haben eine klare Linie zum Vorgehen gegen Unsportlichkeiten im Vorfeld der Rückrunde definiert und kommuniziert", sagte Sippel. Dieses konsequente Vorgehen im Rahmen der bestehenden Regel zu persönlichen Strafen wurde den Klubs der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga vor dem Rückrundenstart kommuniziert.

Folgende Verhaltensweisen werden als Unsportlichkeit definiert: Fordern einer Gelben Karte für einen Gegenspieler sowie das Fordern eines Video-Assists (verbal oder mit Gesten), außenwirksames Gestikulieren (zum Beispiel Abwinken) beziehungsweise Reklamieren, höhnische beziehungsweise respektlose Gesten, jede Form aggressiven Verhaltens gegenüber dem Schiedsrichter, Mobbing (zum Beispiel Umzingeln des Schiedsrichters), Zeitspiel/Verhinderung einer schnellen Spielfortsetzung (zum Beispiel Ball wegtragen, wegschießen oder wegwerfen), Simulation (ohne klaren Kontakt des Gegenspielers) und Auslösen einer Massenkonfrontation (Rudelbildung).

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Langfristiger Erziehungsprozess

Wer diesen Strafenkatalog liest, müsste eigentlich Bescheid wissen. Der DFB betont, dass es sich um gar keine Regeländerung handelt, nur wurde eben oft über Verhaltensweisen hinweggesehen, die sich im Laufe der Jahre eingeschlichen hatten. Verbesserungen kann es nur geben, wenn es auch zu Sanktionen kommt. Ähnlich wie bei der Erziehung von Kindern wird es kaum reichen, auf die Regeln nur hinzuweisen.

Ohne Bestrafung scheint es auch im Profifußball nicht zu funktionieren. Die Klubverantwortlichen sind gut beraten, selbst auf ein besseres Verhalten ihrer Angestellten einzuwirken statt den Verlust von Emotionen zu beklagen, die den Sportsgeist mit Füßen treten. Der DFB will nach Informationen von sportschau.de die strenge Linie durchziehen, damit nicht später der Vorwurf aufkommt, man sei beim ersten Gegenwind eingeknickt.

Verband wil Sittenverfall bekämpfen

Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt dem Gladbacher Plea die Gelb-Rote Karte

Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt dem Gladbacher Alassane Plea die Gelb-Rote Karte

Denn gerade der neue DFB-Präsident Fritz Keller hat dabei auch das große Ganze im Auge. Die Signalwirkung des ständigen Lamentieren und Reklamierens bei den Profis war für die  Amateurklassen fatal: Wenn schon in der Bundesliga auf fast jede Entscheidung ein Zetern und Hadern folgt, färbt das natürlich vor allem auf Kinder und Jugendliche ab, die ihre Idole im Stadion oder am Fernsehschirm bewundern.

Diesen Sittenverfall will der DFB gerade im Hinblick auf die viel zitierte Vorbildfunktion seiner Profis nicht zulassen. Übrigens ist die Anweisung nicht explizit an die ehrenamtlichen Unparteiischen gegangen, die im Amateurlager pfeifen. Dort können die Männer und Frauen an der Pfeife aber natürlich auch rigoros durchgreifen, heißt es.

Kein Pardon beim Reklamieren

Dass es bei den Profis kein Pardon mehr geben solle, hatte Lutz-Michael Fröhlich, sportlicher Leiter der Elite-Schiedsrichter, schon im Trainingslager im portugiesischen Lagos angedeutet. Über die Verbandshomepage hatte Fröhlich damals bereits angekündigt, mehr für Respekt und Gewaltprävention zu tun: Das heftige, gestenreiche Reklamieren, das unter Druck setzen des Schiedsrichters und Rudelbildungen, bis hin zu gewaltsamen Handlungen, würden dem Gesamtbild des Fußballs schaden.

"Das färbt von den Top-Ligen auf den Fußball der breiten Basis ab. Daher ist es wichtig, dass von allen Beteiligten der Top-Ligen keine negativen Signale für den gesamten Fußball ausgehen. Die Eilte-Schiedsrichter sollen hier einen klaren Weg gehen, durch konsequentes Vorgehen gegen Unsportlichkeiten und übermäßig aggressives Verhalten."

Andere Sportarten sind weiter

Fröhlich hat dabei durchaus andere Sportarten als Vergleichsgröße im Sinne. Im American Football raufen sich muskelbepackte Athleten voller Adrenalin, aber die harten Kerle behandeln den Schiedsrichter wie ein rohes Ei. Auch Handballer packen auf dem Feld kräftig zu, doch Unparteiische sind heilig. Und der Ball wird nach einem Pfiff sofort auf dem Feld liegengelassen, weil es ansonsten eine Zeitstrafe setzt. Ebenso vorbildlich das Verhalten im Hockey oder Basketball. Es scheint also auch eine Frage der Erziehung, wie sich einzelne Sportarten über den Umgang mit Schiedsrichtern verständigen.

Der deutsche Fußball braucht dringend ein besseres Erscheinungsbild. Das Pokal-Achtelfinale wird zum Lackmustest für die angesetzten Unparteiischen: Felix Brych (Eintracht Frankfurt – RB Leipzig), Bibiana Steinhaus (Bayer Leverkusen – VfB Stuttgart), Sascha Stegemann (FC Bayern – TSG Hoffenheim), Harm Osmers (FC Schalke – Hertha BSC), Markus Schmidt (1. FC Kaiserslautern – Fortuna Düsseldorf) und Sven Jablonski (SC Verl – Union Berlin) können es nach dem Fall Plea nicht durchgehen lassen, wenn ihnen gestandene Nationalspieler mit abfälligen Handbewegungen begegnen.

Entscheidend wird aber auch sein, konsequent vorzugehen: Noch am 19. Spieltag war im Bundesligaspiel zwischen Frankfurt und Leipzig (2:0) der Österreicher Marcel Sabitzer mit genau derselben Geste wie Plea nach einer Verwarnung noch durchgekommen. Der für seine recht großzügige Spielleitung geschätzte FIFA-Referee Brych muss in dieser Frage bei eben jener Partie im Pokal-Achtelfinale jetzt kleinlich sein.

Stand: 03.02.2020, 10:20

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