Wenige Beleidigungen - viel Raum für Kritik

Plakat mit Tönnies' rassistischen Zitaten auf Schalke

Streit um den Drei-Stufen-Plan

Wenige Beleidigungen - viel Raum für Kritik

Von Chaled Nahar

Kritik am DFB, Ärger über den Schutz von Dietmar Hopp und manchmal Humor - Fußballfans in Deutschland haben die Diskussion um den Drei-Stufen-Plan fortgesetzt. Auf Schalke kam es zu einer ironischen wie kniffligen Situation - und es bleiben Fragen offen.

In voller Pracht entrollten einige Schalker Fans die mittlerweile berühmt-berüchtigten rassistischen Thesen ihres Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen. Und sie hören auf, wenn es dunkel ist, Kinder zu produzieren." Das Plakat mit Tönnies' Worten hing im Schalker Stadion vor dem Anpfiff bis in die erste Spielhälfte hinein. Rassismus auf einem Plakat während eines Bundesligaspiels - ein Fall für den Drei-Stufen-Plan? Wohl kaum, handelt es sich doch um ein Zitat und keine konkrete Beleidigung mit Bezug auf das Spiel, zumal auch noch die Worte des Schalker Vorstandes folgten, der nach eigenen Worten "keine Bagatellisierung bei diffamierenden Äußerungen" dulden wolle. Doch eine gewisse Ironie hatte die Situation.

Und so pfiff Schiedsrichter Sven Jablonski aus Bremen das Spiel an. Weitere Plakate folgten: Die Schalker baten auf einem Transparent Prostituierte um Entschuldigung, weil sie diese mit Hoffenheims Mehrheitseigner Dietmar Hopp in Verbindung gebracht hätten, was natürlich eine Bezugnahme auf die "Hurensohn"-Beschimpfungen gegen Hopp war. "Ob Tönnies oder Hopp - Milliardäre sind keine schutzbedürftige Minderheit", war ebenfalls zu lesen. Am Ende pfiff Sven Jablonski ab. Er hatte offenbar nichts gesehen, was eine Durchsage, eine Unterbrechung oder gar einen Spielabbruch laut des Drei-Stufen-Plans gerechtfertigt hätte. Mit Ausnahme eines Vorfalls in Jena war das in allen Stadien bei den Spielen im deutschen Profifußball am Samstag (07.03.2020) so. Und das war gut für die aktive Fanszene.

Wenige Bedrohungen - viel Raum für Kritik

Ein Fadenkreuz, das viele Beobachter nicht als Protest gegen von Investoren geführte Klubs, sondern als Morddrohung gegen Hopp bewerten, war nicht auf den Köpfen von konkreten Personen zu sehen. In einigen Stadien stand stattdessen das Logo des DFB im Fadenkreuz. Der DFB war auf der Mehrzahl der Plakate ohnehin der Adressat der Kritik - und nicht Dietmar Hopp. Der weitgehende Verzicht auf Bedrohungen und Beleidigungen ließ viel Raum für Kritik. Die meist auf Transparenten geäußerten Proteste der Fans waren oft pointiert, fast immer rau im Ton, aber nur selten richtig daneben.

Sportschau-Expertin Nora Hespers über die Bundesliga-Proteste gegen den DFB

Sportschau 07.03.2020 01:44 Min. Verfügbar bis 07.03.2021 ARD


Im Mittelpunkt stand eine Doppelmoral, die viele Fans dem DFB und den Funktionären in den Klubs vorwerfen. "Wenn ein Milliardär heult, ist der Aufschrei groß! Aber eine Unterbrechung wegen Rassismus? 'Kontextlos'!", schrieben die Hertha-Fans im Spiel gegen Bremen. Bei den rassistischen Beleidigungen gegen Herthas Jordan Torunarigha hatte sich der DFB auf die Position bezogen, dass zwischen der Beleidigung (85. Minute) und dem Zeitpunkt der Kenntnisnahme des Schiedsrichters (90. Minute) "kein Kontext herzustellen" gewesen sei. Der vermeintlich laxe Umgang mit Rassismus, Homophobie und Sexismus in den Stadien oder Korruption in den Verbänden im Vergleich zum Schutz von Hopp stößt vielen Fans auf.

Hauptthemen: Katar, Rassismus und Korruption

So auch in Kaiserslautern, wo wie in vielen Stadien die Hauptthemen des Protests gezeigt wurden. "Menschenrechtsverletzungen in Katar? Nie gesehen! Rassismus im Stadion? Nie gehört? Korruption in den eigenen Reihen? Nie passiert! Beleidigung eines Premiumpartners? Zuschauerausschluss, Spielabbruch, Sippenhaft! Das erinnert an ganz dunkle Zeiten, Fick Dich DFB." Die Erinnerung an "dunkle Zeiten" bezieht sich auf ein Zitat von Hopp aus der Vorwoche, die von ihm gegründete Softwarefirma ist Sponsor des DFB und des FC Bayern - beide hatten besonders deutlich Stellung für Hopp bezogen.

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In Mönchengladbach kritisierten einige Fans ihren Sportdirektor Max Eberl, der sportlich der Champions League angehöre, fanpolitisch aber Kreisliga sei. Wohl ein Bezug auf Eberls klare Worte gegen die Hopp-Plakate und seinen indirekten Vergleich zwischen den Plakaten und den neun Toten bei dem rechtsextremen Terroranschlag von Hanau.

Ein Banner mit der Aufschrift "Eberl: Sportlich Champions League, fanpolitisch Kreisliga"

Ein Banner mit der Aufschrift "Eberl: Sportlich Champions League, fanpolitisch Kreisliga"

Ganz große Fehlleistungen in den Fanblöcken blieben die Ausnahme: Homophobe Beleidigungen beim Regionalligisten Wuppertal und ähnlich Widerwärtiges aus dem Duisburger Block beim Drittligaspiel des MSV gegen Magdeburg waren zumindest bis Samstagabend die deutlichsten Ausreißer nach weit unten.*

Die Ausnahme des Samstags: Stufe 2 in Jena

Einen Fall für den Drei-Stufen-Plan gab es am Samstag dann doch. "Die Doppelmoral des DFB ist der Hohn - und D. Hopp ein Hurensohn", schrieben Fans von Carl Zeiss Jena im Drittligaspiel gegen 1860 München auf ein Plakat. Schon in der 3. Minute veranlasste Schiedsrichter Florian Exner deshalb eine Durchsage, später rief er Stufe zwei aus und schickte die Spieler in die Kabinen. Schließlich führte er das Spiel zu Ende.

Der Vorgang sorgte für Verwunderung, denn der DFB hatte unter der Woche geschrieben: "Kritik gegen Institutionen und Personen ist selbstverständlich zulässig. Selbst wenn sie beleidigend oder grob unsportlich sein sollte, kann das Spiel auch künftig weiterlaufen und gegebenenfalls wie bisher nur ein sportgerichtliches Verfahren (ohne die Anwendung des Drei-Stufen-Plans) nach dem Spiel eingeleitet werden."

Das sollte wohl heißen, dass der Drei-Stufen-Plan wieder allein für Diskriminierung wie Rassismus, Homophobie und Sexismus gedacht ist, nicht aber für persönliche Beleidigungen, die immer noch im Nachgang vom DFB-Sportgericht sanktioniert werden könnten. Das Wort "kann" im Wortlaut der DFB-Erklärung sorgt allerdings für eine Hintertür.

Es bleibt Klärungsbedarf

Der Subtext lautet wohl, dass man sich den Einsatz des Drei-Stufen-Plans auch bei Beleidigungen für "bestimmte Konstellationen" offen halten müsse. DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch wollte am Samstag im Gespräch mit sportschau.de keine Stellungnahme abgeben. Dass der Vorgang in Jena mit all dem nicht so recht zusammenpasste, zeigt vor allem eins: Beim Drei-Stufen-Plan besteht weiter Klärungsbedarf für Fans, Schiedsrichter und Funktionäre.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir ein Plakat den Fans des 1. FC Magdeburg zugeordnet, das aber im Duisburger Bereich gezeigt worden war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Stand: 07.03.2020, 20:31

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