Friedrich Curtius - Strippenzieher mit Profilierungsdrang

DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius

DFB-Generalsekretär

Friedrich Curtius - Strippenzieher mit Profilierungsdrang

Von Frank Hellmann

Generalsekretär Friedrich Curtius dient seit 2006 dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Für seinen Wikipedia-Eintrag hat der Verband viel Geld gezahlt. Wer ist der Mann, der als größter Gegenspieler von Präsident Fritz Keller gilt?

Vor einigen Jahren hat Friedrich Curtius die Geschichte im persönlichen Gespräch gerne erzählt: Wie er, der Generalsekretär im Deutschen Fußball-Bund (DFB), überhaupt beim größten Einzelsportverband landete.

Der promovierte Jurist mit dem Schwerpunkt Verwaltungsrecht war von jener Fußball-Begeisterung infiziert, die vor der WM 2006 durchs Land schwappte. "Ich wollte bei der WM im eigenen Land unbedingt aktiv mit dabei sein und hätte auch als Volunteer Tickets kontrolliert."

Eine Bewerbung für ein Referendariat lag schon seit einiger Zeit im DFB-Hause, immer wieder fragte der ungeduldige Curtius in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise nach, bis ein Vorstellungsgespräch zustande kam. Bald war der im März 2006 eingestiegene Neuling schon Büroleiter des damaligen Generalsekretärs und späteren Präsidenten Wolfgang Niersbach, dem er auch als Leiter des Präsidialbüros folgte.

Die Satzung gibt ihm viel Macht

Die Karriereleiter nahm er hernach zügig: Seit fast fünf Jahren fungiert Curtius, mit vier Geschwistern erst in Bonn, dann Darmstadt aufgewachsen, als DFB-Generalsekretär. Sein Aufgabenbereich gemäß Satzung könnte umfangreicher kaum sein: Dem 44-Jährigen obliegt die Zuständigkeit für die Zentralverwaltung mit fast 500 Mitarbeitern, für die vor drei Jahren neue Strukturen und Zuständigkeiten geschaffen worden sind. Der Strippenzieher: Curtius, der anfänglich die Glitzerwelt des Fußballs mit staunenden Augen angeschaut hat.

Seit längerem laufen bei ihm die Bereiche Medienrechte, Marketing und Sponsoring zusammen, er steuert operative Angelegenheiten zum DFB-Pokal, zu den Regional- und Landesverbänden, betreut FIFA- und UEFA-Themen, hält den Kontakt zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und ist für die Organisation von DFB-Veranstaltungen wie Länderspielen verantwortlich. Das ist eine unglaubliche Machtfülle.

Böser Sturz von der Leiter

Und trotzdem war der Stratege, der in der Jugend für den SV Darmstadt 98 gekickt hat, einer größeren Öffentlichkeit nicht wirklich bekannt. Was sich änderte, als der 1,98 Meter-Mann im Herbst vergangenen Jahres nach den ersten publik gewordenen Dissonanzen als großer Gegenspieler von Präsident Fritz Keller identifiziert wurde. Vorweg: Nicht nur die völlig unterschiedlichen Biografien - der leutselige, oft etwas hemdsärmelige Gastronom vom Kaiserstuhl und Ex-Präsident des SC Freiburg kam erst 2019 zum DFB - trennt die beiden.

Es sind auch gegensätzliche Vorstellungen davon, wie ein gesellschaftliches Schwergewicht wie der DFB geführt und ausgerichtet werden soll. Curtius zog sich im Herbst vergangenen Jahres beim Aufhängen der Gardinen in seiner Wohnung in Sachsenhausen durch einen Sturz von der Leiter einen doppelten Ellbogenbruch zu. An internen Sitzungen konnte er nicht mehr teilnehmen.

Ein Stratege aus dem Hintergrund

Er versteht sich ohnehin besser auf die Hinterzimmer-Diplomatie als auf die freie Rede am Podium. Lieber diskret agieren als öffentlich taktieren. Er hat schließlich mitbekommen, wie Niersbach über den WM-Skandal 2006 stürzte, wobei Curtius stets beteuerte, von den Machenschaften erst erfahren zu haben, als das Nachrichtenmagazin "Spiegel" einen Fragenkatalog ins Haus schickte.

An der Seite von Nachfolger Reinhard Grindel hat der General dann schnell gespürt, dass es nicht hilfreich ist, so viele Themenfelder (und Posten) zu bespielen. Dafür besitzt die Branche zu viele Minenfelder. Dem Generalsekretär wird bis heute ein gutes Verhältnis zu Schatzmeister Stephan Osnabrügge und vor allem dem mächtigen Vizepräsidenten Rainer Koch nachgesagt.

Im Machtkampf hat er gute Verteidiger

Mitarbeiter stellen seinen Ehrgeiz, seinen Fleiß und seine Gründlichkeit heraus. Die im Verband hoch geschätzte Direktorin Heike Ullrich hat er zu seiner Stellvertreterin gemacht. Sein verbandsinternes Netzwerk dürfte ihm im Machtkampf mit dem Präsidenten geholfen haben, um die von Keller erhobenen Anschuldigungen auf der mehr als sechsstündigen Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag (15.01.20021) zu kontern.

Jetzt besteht eine eigenartige Pattsituation. Keller und Curtius wollen "letztmalig", hieß es in der Pressemitteilung, einen Versuch unternehmen, "Regeln und Rollen für eine künftige gemeinsame professionelle Zusammenarbeit zu diskutieren und festzulegen". Für viele Beobachter ist das nur ein Waffenstillstand auf Zeit. Übrigens auch zwischen den fünf Vertretern der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im DFB-Präsidium und dem Rest des Gremiums.

DFL-Chef Christian Seifert hat sich abgewendet

Dass die DFL bereits vor Weihnachten entschieden hatte, Curtius von allen Sitzungen auszusperren, könnte ihm sogar geholfen haben. Denn nichts hassen manche DFB-Funktionäre mehr, als eine besserwisserisch wirkende Einmischung der DFL-Vertreter. Vielleicht hätte Curtius ohne diese Solidarisierungseffekte den Showdown gar nicht überstanden. Tiefes Misstrauen hegt die DFL-Spitze weiterhin gegenüber Curtius, auch DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat sich von ihm enttäuscht abgewendet.

Nicht, weil die von Curtius einst groß angekündigte Zusammenarbeit mit China platzte. Zu viel Angriffsfläche bieten persönliche Medienberater außerhalb der Kommunikationsabteilung, der 2017 ohne Ausschreibung erfolgte Langzeitvertrag an einen Schulfreund zur Übertragung von Amateurspielen auf der Plattform sporttotal.tv, die Nachforschungen der Firma Esecon oder eine Markenberatung zwecks eigener Profilierung.

Einträge bei Wikipedia nahm ein PR-Mann vor

Dazu gehört auch der Eintrag bei Wikipedia. In der Online-Enzyklopädie ist über Curtius erstaunlich viel nachzulesen. Wo er sein Abitur machte (Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt), wo er sein Studienjahr absolvierte (Dickinson College in Pennsylvania), wo er Rechtswisssenschaften studierte (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg). Und, und, und.

Wie kommt das? Allein zwischen dem 22. August und 28. November 2019 sind insgesamt sieben Änderungen erfolgt. Laut "Spiegel" wurde dafür professionelle Public-Relations-Arbeit in Anspruch genommen, die einen finanziellen Umfang von 15.000 Euro hatte. Einen entsprechenden Vertrag hatten sowohl Curtius als auch Osnabrügge unterschrieben.

Wikimedia ist arg verärgert

Der PR-Mann, der die seitenlangen Änderungen vornahm und drei Dutzend Weblinks ans Profil heftete, ist inzwischen vom Wikipedia-Administrator gesperrt. Ein entsprechender Vermerk ("Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten") findet sich gleich unter Curtius‘ Namen. Zudem gibt es einen Eintrag unter der Überschrift "Image-Pflege bezahlt vom DFB". Denn der Profilierungsdrang ist offensichtlich.

Der Geschäftsführende Vorstand von Wikimedia Deutschland ist hochgradig verärgert über den Vorgang. "Das Paid Editing, also die bezahlte Erstellung oder Überarbeitung von Artikeln, steht im Widerspruch zur Idee ehrenamtlicher Mitarbeit und ist nur unter Einhaltung strenger Auflagen geduldet", sagte Abraham Taherivand der "Frankfurter Rundschau". Er sprach von einem "schwerwiegenden Verstoß gegen die Richtlinien von Wikipedia" denn: "Insbesondere wurde eine mögliche bezahlte Überarbeitung des betreffenden Artikels nicht transparent gemacht."

DFB entschuldigt sich

Der DFB selbst äußerte sich am Freitagnachmittag (22.01.2021) zu der Causa. In einem Twitter-Beitrag hieß es, man habe Verständnis für die Kritik. Es sei "versäumt" worden die "Änderungen als 'paid editing' zu kennenzeichnen". Der Dienstleister habe sein Bedauern eingeräumt.

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Bundesliga-Vertreter irritiert

Der DFB berief sich darauf, dass der Auftrag im Oktober 2020 beendet worden sei. Konsequenzen für Curtius würden nicht folgen. Ein mit dem DFB gut vertrauter Bundesliga-Manager sagt, dass die für den Generalsekretär aufgemotzten Wikipedia-Seiten zwar kein Skandal wären, aber natürlich für Irritationen sorgen würden.

Wenn mitten in Pandemiezeiten, wo allseits zu Verzicht, Bescheidenheit und Zurückhaltung gemahnt wird, herauskäme, welche Anstrengungen auch finanzieller Art einer der mächtigsten DFB-Funktionäre unternommen hat, um im digitalen Nachschlagewerk gut dazustehen, dann sei das "vor allem peinlich". Der Vorgang kratzt an der ohnehin schon ramponierten Glaubwürdigkeit des Verbandes.

Stand: 22.01.2021, 16:50

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