Positionspapier vorgestellt

Neun Frauen setzen den DFB unter Druck

Stand: 19.05.2021, 11:30 Uhr

Neun prominente Frauen erheben acht Forderungen, um den deutschen Fußball krisenfester zu machen. Ihre Argumente wirken angesichts der chaotischen Zustände beim DFB schlüssiger denn je.

Von Frank Hellmann

Katja Kraus hat sich noch nie vor Verantwortung gedrückt. Nicht als ehrgeizige Torhüterin beim FSV Frankfurt, wo sie drei Meisterschaften und vier Mal den Pokal gewann und sieben Mal für die Frauen-Nationalmannschaft spielte. Nicht als Vorstandsmitglied beim Hamburger SV, wo sie den Verein in einer erfolgreichen Phase von 2003 und 2011 mit Bernd Hoffmann führte.

Neue Ideen sind gefragt

Und heute nicht als Geschäftsführerin der Agentur Jung von Matt Sports. Die 50-Jährige weiß also, wovon sie redet, wenn sie dem Profifußball kein gutes Zeugnis ausstellt. "Ein System wird nicht von denjenigen verändert, deren Macht es stützt. Nicht nur der DFB, sondern der Fußball insgesamt ist in einer Krise", hält Kraus in einem Interview mit der „Zeit“ fest.

Die Auseinandersetzungen innerhalb des DFB seien in einem hohen Maße destruktiv gewesen. "Es ging um Macht und Kontrollverlust und nicht darum, wie der Fußball in Zukunft sein soll. Wie man Kinder für Vereinssport begeistert oder wie man wieder mehr Identifikation mit dem Fußball ermöglicht. Dazu braucht es dringend Persönlichkeiten von außen, die neue Ideen mitbringen." Damit ist ein Anstoß beschrieben, warum sich neun prominente Frauen zusammengetan haben, um mehr Frauenpower in Verbände und Vereine zu bringen.

Frauen-Initiative im DFB: "Warum nicht eine Frau an der Spitze?" Sportschau 19.05.2021 03:15 Min. Verfügbar bis 19.05.2022 Das Erste

 Das Positionspapier kommt von prominenter Seite


"Ein zentraler Punkt der anhaltenden Diskussionen ist die Forderung nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit", heißt es in dem Positionspapier, das Almuth Schult (Torhüterin beim VfL Wolfsburg), Bibiana Steinhaus (Schiedsrichterin), Claudia Neumann (ZDF-Kommentatorin), Gaby Papenburg (Präsidentschaftskandidatin für den Berliner Fußball-Verband), Helen Breit (Vorsitzende der Fanorganisation Unsere Kurve), Jana Bernhard (Geschäftsführerin der Sponsorenvereinigung S20), Katharina Kiel (Geschäftsführerin talentzone) und Sandra Schwedler (Aufsichtsratsvorsitzende FC St. Pauli) gezeichnet haben.

 "Wir alle sind als Kommentatorin, aktive Fußballspielerin und Mutter, Aufsichtsratsvorsitzende, Schiedsrichterin, Vorstandsmitglied, Fanvorsitzende und Präsidentschaftskandidatin Exotinnen gewesen, oder sind es noch. Unser Anliegen ist es, dass es alsbald deutlich mehr Frauen in allen Bereichen des Fußballs gibt, die in Spitzenpositionen wirken und ein gerechtes und zeitgemäßes Bild des Fußballs zeichnen", heißt es in dem Schreiben. "Der Fußball funktioniert bislang nach eigenen Regeln, und es gibt jetzt erstmals Druck von außen. Den wollen wir erhöhen", erklärte Katja Kraus gegenüber der „Zeit“ den Vorstoß.


Katja Kraus als neue DFB-Präsidentin?

Ist die in Hamburg lebende 50-Jährige vielleicht sogar diejenige, die den Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus seiner Krise führt? Sie habe eigentlich "keine Ambitione" auf das Amt, würde sich aber genau anschauen, unter "welchen Umständen und vor allem in welchen Konstellationen" sie Verantwortung übernehmen könnte. Für die frühere Moderatorin Gaby Papenburg wäre Katja Kraus sehr wohl "die perfekte Kandidatin". Dass der DFB tief in der Krise steckt, kann nach ihrer Ansicht ein "Glücksfall" für die Ambitionen der Frauen werden, "weil offensichtlich ist, dass das bisherige System zerbröselt."

Vielleicht will aber niemand aus dem Neuner-Zirkel den DFB-Job, aber dass allein diese Drohkulisse für manch einen um seine Pfründe bangenden Funktionär im Raum steht, gefällt der Vorreiterrunde. Niemand aus der Frauen-Gruppe spricht es offen aus, aber es wird für ein Unding gehalten, dass Multifunktionär Rainer Koch gemeinsam mit Liga-Mann Peter Peters die Weichen für den Neuanfang stellen soll. Daran stoßen sich ohnehin viele im deutschen Fußball.

Der DFB wollte schon wieder die Muskeln spielen lassen

Der gerade zurückgetretene Präsident Fritz Keller schlug in seiner Abschiedserklärung einen "auf Vertrauen und Zuverlässigkeit aufbauenden Führungsstil, insbesondere unter Einbeziehung von Diversitätsgedanken" vor. Weil Frauen vermutlich nicht ein solches Ränkespiel aufgeführt hätten wie jene Männer, die sich unter dem DFB-Dach monatelang bekämpft haben wie halbstarke Jungs auf dem Pausenhof.

Bibiana Steinhaus | Bildquelle: Sven Hoppe/dpa

Erschreckend empfanden es die Initiatorinnen, dass der Verband Bibiana Steinhaus nahgelegt habe, sich doch sehr genau zu überlegen, ob sie Teil einer solchen Initiative sein will. Erstaunlich empfand Katja Kraus diesen Vorgang, "wir sind schließlich keine terroristische Zelle, sondern Frauen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit engagieren."

Auch die Profiklubs sollen auf oberster Ebene bis 2024 Frauen installieren

Die Forderung des Netzwerkes: 30 Prozent Frauen in Präsidium, Vorstand und Geschäftsführung bei Verbänden bis 2024, aber auch in Aufsichtsräten eines jeden Profivereins zu installieren. Jeder Klub soll bis dahin im Vorstand oder in der Geschäftsführung mindestens eine Frau haben. "Mit den von uns angestrebten mindestens 30 Prozent sind wir da noch relativ niedrig rangegangen. Doch selbst 30 Prozent übersteigen die Vorstellungskraft von vielen", sagt die frühere Moderatorin Gaby Papenburg.

Verlangt werden zudem Programme zur Chancengleichheit, Gehaltstransparenz, bessere Rahmenbedingungen, eine geschlechtergerechte Sprache auf allen Ebenen des Fußballs und eine konsequente Sanktionierung jeder Form von Sexismus und Diskriminierung.

Einzelne Karrieren ändern nichts am Grundproblem

"Der wirtschaftliche und kulturelle Nutzen gemischtgeschlechtlicher Teams ist in der Arbeitswelt hinlänglich nachgewiesen", heißt es weiter. Einzelne Protagonisten wie die DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg, die DFB-Direktorin Heike Ullrich oder die innerhalb der Uefa zur Abteilungsleiterin Frauenfußball aufgestiegene Ex-Nationalspielerin Nadine Keßler würden häufig als Argument genutzt, dass erfolgreiche Karrieren für Frauen durchaus möglich sind.

"Aus der Exotik entsteht allerdings keine Kraft. Und auch kein struktureller Unterbau", warnt die Initiative. Es gebe viele Frauen, "die die Kompetenz, die Erfahrung und die Integrität mitbringen, um Führungspositionen zu übernehmen." Ihnen müsste endlich die Chance gegeben werden, sich zu beweisen. Nach der Studie "Equal Play 2019“ würde die Hälfte der im Sport beschäftigen Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt. "Das ist ein verheerender Zustand, den es unmittelbar zu verändern gilt“, so das Positionspapier.