Probleme im Nachwuchsfußball - deutlich weniger Spielanteile

Wenn der Nachwuchs Sorgen macht: Deutschlands U21-Nationalspieler und Trainer Kuntz mit traurigen Blicken

Strategiepapier von DFB und DFL

Probleme im Nachwuchsfußball - deutlich weniger Spielanteile

Von Marcus Bark

Mit einem "Projekt Zukunft" will der DFB die Defizite im deutschen Nachwuchsfußball aufholen. Die Reformen sehen vor, das Leistungsprinzip aufzuweichen - der Nachwuchschef eines Bundesligisten sieht das kritisch.

Kurven und Balken sagen mehr als tausend Worte. Nach diesem Motto verfuhren Deutscher Fußball-Bund (DFB) und Deutsche Fußball Liga (DFL), als sie ihr vertrauliches "Grobkonzept" für das "Projekt Zukunft" erstellten, das der Sportschau in verschiedenen Versionen vorliegt.

Die "aktuelle Situation bei den Junioren" wird mit einem Satz beschrieben: "Im internationalen Vergleich drohen deutsche Nachwuchsspieler den Anschluss zu verlieren." Dann folgen Grafiken, mit denen die These untermauert wird.

So erreichten zwischen 2014 und 2017 die Auswahlmannschaften von U17 bis U21 sämtliche Endrunden von Europa- und Weltmeisterschaften. In den beiden Jahren danach wurden vier von sieben möglichen Turnieren verpasst.

Abschneiden deutscher U-Mannschaften
20152016201720182019
U21 EMHalbfinale1.2.
U20 WMViertelfinaleAchtelfinaleTurnier verpasst
U19 EMVorrunde5.VorrundeTurnier verpasstTurnier verpasst
U17 WMAchtelfinaleViertelfinaleTurnier verpasst
U17 EM2.HalbfinaleHalbfinaleVorrundeVorrunde

Auch an den Einsatzzeiten von Spielern, die potenziell für die U21 spielberechtigt waren, verdeutlicht der DFB die Probleme im Nachwuchs. Kam die Gruppe dieser Spieler in der Saison 2017/18 noch auf 7,8 Prozent Anteil an den Gesamteinsätzen, waren es 19/20 nur 2,9 Prozent.

Einsatzzeiten U21-Spieler in der Bundesliga

Eine Stichprobe der Sportschau für den 11. Spieltag der laufenden Bundesligasaison bestätigt den Trend. Von den 273 eingesetzten Spielern waren 18 für die U21 des DFB spielberechtigt (Stichtag: Geburt nach dem 1.1.1998), die 2021 an der EM teilnimmt. Nur sechs davon standen in der Startelf, das entspricht bei 198 Profis gerade einem Anteil von drei Prozent. Die Quote von U21-Spielern, die für andere Nationen spielen oder spielen dürften, war mit etwa 17 Prozent wesentlich höher. Von den 273 Spielern traf das auf 48 zu, von denen nur 14 eingewechselt wurden.

Die meisten U21-Spieler waren bei der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart im Einsatz, insgesamt 16. Neun davon spielten von Beginn an, aber nur drei von den 16 sind für die deutsche U21 spielberechtigt. Der 1. FC Köln hatte dagegen alleine vier Spieler im Einsatz, die für die deutsche Mannschaft spielen dürfen.

Der DFB rechnet vor, dass der Anteil deutscher U23-Spieler stetig zurückgehe. Seit 2010 habe sich der Anteil von 21 auf 6 Prozent verringert. Bei ausländischen Spielern stieg die Quote demnach von 8 auf 14 Prozent.

Einsätze U23-Spieler in der Bundesliga

VfB-Nachwuchschef: "Begrüßen sehr, dass Spieler in den Fokus rückt"

Noch ist es ein Grobkonzept, aber viele der Punkte dürften schon 2021 und in den folgenden Jahren umgesetzt werden. Thomas Krücken ist einer, um deren Meinung der DFB vor der Justierung bittet. Krücken leitet das Nachwuchsleistungszentrum des VfB Stuttgart.

VfB-Nachwuchschef Krücken: "Selbst Nationen wie Dänemark haben deutlich aufgeholt" Sportschau 14.12.2020 09:45 Min. Verfügbar bis 14.12.2021 Das Erste

Im Gespräch mit der Sportschau lobte Krücken den Kern der Reformen: "Wir begrüßen es sehr, dass der Spieler in den Fokus rückt." Zudem lobt der VfB, dass der DFB Leistungszentren etwa in der Traineraus- und -weiterbildung besser unterstützen wolle. So werde auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten einzelner Klubs besser eingegangen. Bislang etwa wurde die sogenannte Zertifizierung von Leistungszentren einheitlich vorgenommen, ob nun für Bayern München, den VfB Stuttgart, den VfL Osnabrück oder Halleschen FC.

Schwerpunkte in der Entwicklung sollen sich ändern

Die Entwicklung der einzelnen jungen Spieler, etwa beim Dribbling oder im Zweikampf, soll künftig viel stärker gefördert werden. In den vergangenen Jahren, das kritisierte Bundestrainer Joachim Löw schon während der EM 2016 mit der A-Auswahl, sei vielleicht zu viel Wert auf die gruppentaktische Ausbildung und das Passspiel gelegt worden.

Um den gewünschten Effekt zu erzielen, soll in den jüngeren Jahrgängen Druck genommen werden, etwa durch eine Reform des Ligabetriebs in geschlossene Klassen, also ohne Abstieg. Krücken hat bei diesem Thema aber vor allem die Ausbildung der Fußballlehrer im Blick: "Viele Trainer geben den Druck nur weiter, den sie selbst spüren."

Weniger Druck? "Ridle Baku war immer bei Druck besonders da"

Beim Ansatz, das Leistungsprinzip aufzuweichen und Ergebnisse als nicht mehr so wichtig zu erachten, sieht der Stuttgarter Nachwuchschef Nachbesserungsbedarf bei der U19, also im Übergang zum Seniorenbereich. "Ich finde es wichtig, dass wir ein Wettkampfsystem im Bereich U17/U19 finden, in dem die Spieler maximal gefordert und gefördert werden und sich auf höchstem Niveau messen können. Auch der Umgang mit Ergebnisdruck gehört dazu", sagt Krücken.

Er führt das Beispiel des Wolfsburgers Ridle Baku an, der im November beim 1:0-Sieg gegen Tschechien sein Debüt in der A-Nationalmannschaft feierte, bevor er dann wieder in der U spielte. Krücken kennt Baku aus gemeinsamer Zeit beim 1. FSV Mainz und sagt: "Ridle war immer dann besonders da, wenn er gefordert wurde und Druck da war, wenn wir gewinnen mussten, wenn er in die nächste Jahrgangsstufe übernommen wurde."

Daher bestehe die Gefahr, dass bei einem nach dem Grobkonzept reformierten Spielbetrieb das Kriterium "leisten, wenn es drauf ankommt" genommen werde. "Das halten wir für kritisch", so Krücken mit Bezug auf die U19. Diese Stimmen sind auch aus anderen Vereinen zu hören. Bis zur Verabschiedung des "Projekt Zukunft" durch die Gremien gibt es also noch Redebedarf.

Stand: 15.12.2020, 10:00

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