DFB - der Verband muss mehr Frauen vertrauen

Eine Grafik mit mehreren abgebildeten Frauen

Führungskrise

DFB - der Verband muss mehr Frauen vertrauen

Von Frank Hellmann

Nur mit neuen Strukturen und neuen Personen ist es beim krisengeschüttelten Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht getan. Ohne Frauen in verantwortlichen Positionen kann keine Besserung gelingen.

Macht- und Muskelspiele sind typisch für Männerrunden innerhalb des DFB. Verletzte Eitelkeiten werden auf höchster Verbandsebene gerne mit ausgefahrenen Ellbogen gekontert, versteckte Angriffe mit einer noch schärferen Attacke beantwortet - erst recht in der Pandemie, wo das versöhnende Gespräch unter vier Augen fast unmöglich geworden ist.

Die Zerwürfnisse auf oberster Ebene beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) sind eben auch eine Folge davon, dass fast ausschließlich Männer das Sagen haben. Seit 2007 sitzt im Präsidium mit Hannelore Ratzeburg, 69, nur eine einzige Frau. Die gebürtige Hamburgerin, Vizepräsidentin Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfußball, will sich derzeit nicht zu den Hahnenkämpfen äußern.

Fritz Keller hat den Reformbedarf erst am Weltfrauentag benannt

Dem größten Einzelsportverband der Welt fehlt Frauenpower. Und es mangelt an ausgleichenden Charakteren. Eigentlich weiß das auch der schwer unter Druck geratene Präsident Fritz Keller. Der hielt nämlich am Weltfrauentag vor zwei Monaten auf der Verbandshomepage fest: "Wir brauchen mehr Frauen im Fußball, weil wir die Gesellschaft so vielfältig abbilden wollen, wie sie tatsächlich ist. Weil grauhaarige Funktionäre vielleicht immer dasselbe denken und manchmal viel zu schnell die Ellbogen ausfahren." Und weiter: "Viele Beispiele zeigen, dass Unternehmen und Verbände dann, wenn Frauen mit in Führungspositionen sind, viel, viel bessere Ergebnisse erzielen. Nachhaltigere."

Katja Kraus

Unternehmerin, Buchautorin, Mutter: Katja Kraus

Keller hatte damals ausgesprochen, was jetzt viele fordern. Die Schlammschlacht und Abgründe, die Anfeindungen und Anschuldigungen lassen sich rückblickend auch damit erklären, was die Unternehmerin und Buchautorin Katja Kraus bereits im Herbst vergangenen Jahres bei der Bundespressekonferenz ansprach: Der Sport ist von Gleichheit noch weit entfernt. "Insbesondere im Fußball sind die Zahlen noch verheerender als in der Wirtschaft, der Politik oder der Kultur. Dafür gibt es keinen Grund, außer, dass die gegenwärtig handelnden Personen, allesamt Männer, es so wollen", sagte die 49-Jährige damals.

Auch der Bundestag ist schon hellhörig geworden

Der fast geschlossene, aber doch heillos zerstrittene Männerbund auf oberster DFB-Ebene hat ein halbes Jahr später jegliches Vertrauen in der Gesellschaft und an der Basis verspielt. Dagmar Freitag, 68, Vorsitzende im Sportausschuss im Deutschen Bundestag, fordert eine radikale Reform: "Der DFB gibt seit Jahren ein desaströses Bild ab und hat damit auf nationaler und internationaler Ebene Schaden genommen. Eine solche Verbandsspitze haben die Amateure und die unzähligen Ehrenamtlichen an der Basis nicht verdient", sagte die SPD-Politikerin. In den vergangenen Jahren hätten sich zu viele Verfehlungen aneinander gereiht, "die in der Summe wahrlich genügend Gründe für einen kompletten Neuanfang fernab von alten Seilschaften bieten".

Die teils schon irreparablen Zerwürfnisse etwa unter Präsident Fritz Keller auf der einen Seite und dem Vizepräsidenten Rainer Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge auf der anderen Seite wären in dieser Form wohl nicht passiert, wenn die obersten Führungszirkel im deutschen Fußball nicht ausnahmslos aus Männern bestehen würden. Speziell der umstrittene Koch, der in seinen vielfältigen Funktionen einerseits den Amateuren, andererseits als Vertreter im UEFA-Exekutivkomitee auch den Profis dient und dann noch parallel dem Bayrischen und Süddeutschen Fußball-Verband vorsteht, steht für den männlich geprägten Klüngel.

Zwei Frauen auf Direktoren-Ebene: Mirjam Berle und Heike Ullrich

Den Veränderungsbedarf hinterlegte die von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eingesetze Taskforce "Zukunft Profifußball" zu Jahresanfang: Im Maßnahmenkatalog steht unter Punkt 15 die "Förderung von Frauen im Fußball". Wörtlich heißt es: "Durch Vielfalt mit mehr Frauen in Führungspositionen wird für den Profifußball längerfristig ein Wettbewerbsvorteil entstehen."

Der DFB beschäftigt auf Führungsebene zu wenige Frauen, im Grunde sind es nur zwei: Die Direktorin Fans und Öffentlichkeit, Mirjam Berle, die zuvor die Kommunikation bei einem Reifenhersteller leitete, trat erst im Herbst vergangenen Jahres ihre Tätigkeit an und kann es in der schwersten Vertrauenskrise des Verbands gerade niemandem Recht machen. Zudem hat Heike Ullrich als Direktorin Vereine, Verbände und Ligen seit 2018 weitreichenden Einfluss. Ihre Kompetenz ist verbürgt, ihre Meinung wird geschätzt, ihre Gelassenheit wirkt wohltuend, aber als Präsidentin sieht sich die gebürtige Hildesheimerin vermutlich selbst nicht. Bereits bei ihrer Beförderung zur stellvertretenden Generalsekretärin hinter Friedrich Curtius erbat sie sich eine Nacht Bedenkzeit.

Katja Kraus kritisiert das hermetisch abgeriegelte System

Katja Kraus, zwischen 2003 und 2011 zusammen mit Bernd Hoffmann als Vorstandsmitglied beim damals sehr erfolgreichen Hamburger SV für Marketing und Kommunikation zuständig, sagt: "Die Funktionärsebene ist ein hermetisches System, das sich um sich selbst dreht und aus sich selbst nährt." Weil dort nur Männer am Werk sind, die ihre Macht und Kontrolle sichern und den Fußball gegen Einflüsse von außen abschotten.

Die ehemalige Bundesliga-Torhüterin und dreifache Mutter plädiert seit längerem für Veränderung. Ihr Kritikpunkt auf besagter Bundespressekonferenz: "Das Bewusstsein für die enorme Bedeutung von Unterschiedlichkeit in den verschiedenen Dimensionen fehlt nach wie vor oder wird bewusst außer Acht gelassen." Der DFB biete gerade ein besonders destruktives Beispiel für den Umgang miteinander. "Kooperationsfähigkeit, die Bereitschaft verschiedene Positionen zu verbinden sind wichtige Führungsfähigkeiten dieser Zeit. Deshalb braucht es mehr Frauen, sie können mit einem komplett anderen, unverstellten Blick Strukturen verändern, die sie nicht selbst erschaffen haben", sagt sie der Sportschau. Ihr würden rasch eine Reihe von Namen für jede Spitzenposition im Fußball einfallen.

Die ersten Frauen trauen sich zu, im Saustall auszumisten

Wobei die ersten Frauen sich durchaus zutrauen, im Saustall DFB einmal ordentlich auszumisten. Zum einen Sylvia Schenk, 68, die für eine zeitweilige Führungsrolle zur Verfügung stehen würde. Ihre Zukunft sehe sie zwar nicht als DFB-Präsidentin, aber wenn jemand mal vorübergehend Ruhe reinbringen und aufklären soll, kann sich die angesehene Anti-Korruptions-Expertin und Sportfunktionärin das durchaus vorstellen.

Zum anderen Ute Groth, 62, die zwei Jahre nach ihrer vergeblichen Bewerbung eine erneute Bewerbung erwägt. Die Düsseldorferin hält eine große Erneuerung - personell und strukturell - für alternativlos.

Über Nadine Keßler muss man nachdenken

Zudem muss über Nadine Keßler, 33, nachgedacht werden. Die ehemalige Nationalspielerin hörte wegen einer schweren Knieverletzung 2016 auf, schob danach in Windeseile bei der UEFA ihre Karriere an. Mittlerweile leitet die Pfälzerin den Bereich Frauenfußball, war maßgeblich bei der Einführung einer Champions-League-Gruppenphase für die Frauen auf Vereinsebene beteiligt, hat ein internationales Netzwerk aufgebaut. Es wäre töricht, würde der DFB die Weltfußballerin von 2013 nicht in mittel- oder langfristige Überlegungen einbeziehen.

Klar ist, dass es mit dem Austausch von Personen an den bisherigen Stellen nicht getan ist. Wenn die neue Akademie wirklich die Türen öffnet, sollte nicht allein die DFB GmbH mit ihrem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb ausgegliedert, sondern auch ein Aufsichtsrat installiert werden, der die Geschäfte des Vorstandes kontrolliert. Hier könnte sich für Frauen aus vielfältigen Bereichen die Tür öffnen. Mit symbolischen Alibiaktionen ist es nicht getan. Gerade der DFB benötigt statt Einfalt mehr Vielfalt - jetzt geht an der Einbindung beider Geschlechter auf den obersten Entscheidungsebenen kein Weg mehr vorbei.

Stand: 10.05.2021, 15:01

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