Trotz Geisterspielen: Warum wurden mehr als 1.000 neue "Gewalttäter Sport" registriert?

Polizisten vor dem Stadion des FC Bayern München

Bundesregierung antwortet auf Kleine Anfrage

Trotz Geisterspielen: Warum wurden mehr als 1.000 neue "Gewalttäter Sport" registriert?

Von Niklas Schenk

Zwischen März und Dezember 2020 wurden mehr als 1.000 Personen neu in die Datei Gewalttäter Sport aufgenommen - trotz weitgehender Geisterspiele. Eine Kleine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung gibt dafür nun erste Erklärungen. Sie zeigt auch: Russische Behörden fragten erneut nach Daten deutscher Fans.

Die Antworten auf die Kleine Anfrage liegen dem WDR-Magazin Sport inside exklusiv vorab vor. Die Bundesregierung antwortet auf 14 Seiten ausführlich auf den Fragenkatalog, den die Grünen-Fraktion um die sportpolitische Sprecherin Monika Lazar eingereicht hatte.

Die zentrale Frage, wie sich die insgesamt 1.056 Neueinspeicherungen in die Datei im Zeitraum von März bis Dezember 2020 erklären, beantwortet die Bundesregierung mehrteilig. So sei zum einen der "Zeitpunkt der Neuspeicherung einer Person in der DGS nicht zwingend an den Tatzeitpunkt gebunden." Eine umfangreiche Prüfung eines Einzelfalls sei "notwendig, sodass zwischen Tatzeitpunkt und Eintrag durchaus mehrere Monate liegen können."

Anwalt Lau und Politikerin Lazar sind von Erklärung nicht überzeugt

Jedoch geht aus der Anfrage auch hervor, dass selbst im letzten Quartal des vergangenen Jahres noch fast 200 Personen neu in die Datei eingetragen wurden. Altfälle aus den Vorjahren, die erst viel später eingetragen wurden? René Lau, Mitglied der AG Fananwälte, glaubt das nicht: "Meine Erfahrung ist, dass die Polizei relativ schnell Eintragungen vornimmt und nicht Monate ermittelt", sagt Lau, der als Strafverteidiger häufig Mandanten im Zusammenhang mit der DGS vertritt, im Gespräch mit Sport inside.

Fananwalt René Lau zur Neueintragung in der Datei Gewalttäter Sport Nr. 1 Sportschau 18.02.2021 00:36 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

Monika Lazar, sportpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, meint: "Das glaube ich eben nicht, dass es nur diese lange Bearbeitungszeit ist. Ich kann mit der Antwort nicht viel anfangen, auch wenn ich der Polizei zugestehe, dass gute Arbeit länger dauern kann." Auch im Dezember 2020 seien etwa noch 46 Personen neu in die Datei aufgenommen worden: "Das waren sicher keine Fälle von vor der Pandemie, ich kann mir nicht vorstellen, dass die Polizeibehörden so langsam arbeiten."

Monika Lazar zu den Erklärungen der Bundesregierung bei der Datei Gewalttäter Sport Sportschau 18.02.2021 00:57 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

So nennt die Bundesregierung als weiteren Grund für die Neueintragungen, dass es auch "im Zusammenhang mit sogennanten Geisterspielen teilweise zur Zusammenkunft von Fan-/Störergruppen, zum Beispiel in Verbindung mit dem organisierten Abbrand von Pyrotechnik sowie in Einzelfällen auch zu sogenannten Drittort-Auseinandersetzungen" gekommen sei. Drittort-Auseinandersetzungen ist der juristische Begriff für sogenannte Ackermatches, bei denen sich größere Fan-Gruppen zu oft gewaltsamen Auseinandersetzungen an einem neutralen Ort, zum Beispiel auf einem Acker, treffen.

Vorfälle bei Geisterspielen oder Ackermatches?

Anwalt René Lau, Experte für Sportrecht, hält auch diese Begründungen für "genauso absurd". Nach seiner Erinnerung habe es nur eine größere Fanzusammenkunft beim Rheinderby zwischen Mönchengladbach und Köln im März 2020 gegeben - es war das erste von vielen Geisterspielen. Ansonsten hätten sich die Fans während der Pandemie "vorbildlich" verhalten. "Und selbst wenn es da zu Vorfällen gekommen ist, reicht das nicht für diese Zahl an Neueintragungen." Allerdings war es auch zum Saisonende 2019/20 an einigen Orten zu vereinzelten Fan-Zusammenkünften gekommen. Ob diese für einen Teil der Neueintragungen mitverantwortlich sind, ist nicht bekannt. Gegen viele Eintragungen, die auf sogenannte Ackermatches zurückzuführen sind, spricht für Lau, dass laut Auskunft der Bundesregierung kaum Personen wegen des Tatvorwurfes der Körperverletzung neu in die Datei aufgenommen wurden - dabei wäre das ihm zufolge der klassische Straftatbestand bei einem solchen Geschehen.

Fananwalt René Lau zur Neueintragung in der Datei Gewalttäter Sport Nr. 2 Sportschau 18.02.2021 00:54 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

Klar ist durch das Schreiben der Bundesregierung nun auch, dass knapp die Hälfte der mehr als 1.000 Neueintragungen in die DGS seit März 2020 wegen Landfriedensbruchs vollzogen wurden. Dies war damit der häufigste Grund. Und: Insgesamt nahm die Anzahl der Einträge tatsächlich ab - so wurden ab März 2020 nur noch gut 100 Personen durchschnittlich im Monat aufgenommen, während es 2019 im selben Zeitraum noch mehr als 200 Personen monatlich waren. Zum Stand 4. Februar 2021 sind laut Bundesregierung 7.841 Personen in der DGS erfasst - vor einigen Jahren war die Anzahl schon einmal fünfstellig.

Hauptkritik: Neu eingetragene Personen werden nicht proaktiv informiert

Die Datei Gewalttäter Sport gibt es seit 1994. Als Grund für die Errichtung der Datei nennt die Polizei, dass diese sie in eine Lage versetze, zielgerichtet polizeiliche Maßnahmen zu treffen und dabei zwischen Störern und Nichtstörern zu unterscheiden.

Kritiker monieren, dass nicht nur Gewalttäter aufgenommen werden, sondern etwa eine einfache Feststellung der Personalien bei der Anreise zum Stadion für einen Eintrag als "Gewalttäter Sport" genügt. Der betroffene Fan müsse dann mit den Konsequenzen leben. Außerdem wird bemängelt, dass bisher nur das Bundesland Bremen neu eingetragene Personen proaktiv über ihren Eintrag in der DGS informiert.

Fananwalt René Lau zur Neueintragung in der Datei Gewalttäter Sport Nr. 3 Sportschau 18.02.2021 01:28 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

Unklar bleibt auch nach der Antwort der Bundesregierung, wie viele der Neueintragungen sich wirklich auf Taten aus dem Zeitraum der Geisterspiele beziehen und welche konkrete Vorfälle im Umfeld von Fußballspielen diesen Neueintragungen vorausgingen. Die Personen in der DGS nach Vereinszugehörigkeit aufzuschlüsseln, lehnte die Bundesregierung "aus Gründen des Staatswohls" ab. Eine veröffentlichte Auflistung könnte als "Rangfolge missverstanden" werden.

Russland stellte Antrag auf deutsche Fan-Daten für EM 2020

Die Antwort der Bundesregierung bringt jedoch noch ein anderes, brisantes Detail an die Öffentlichkeit. So wird bestätigt, dass russische Behörden im Rahmen der ehemals für 2020 geplanten Fußball-EM ein Auskunftsersuchen zu deutschen Fan-Daten gestellt hätten. Das Bundesinnenministerium habe dies jedoch abgelehnt. An dem erfolgten Datenaustausch im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 hatte es viel Kritik gegeben. Seinerzeit hatte Deutschland die Daten von 37 Fußball-Fans nach Russland übermittelt.

Stand: 19.02.2021, 05:00

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