Bayern München - neue Schwerpunkte unter Hansi Flick

Joshua Kimmich (l.), Manuel Neuer (m.) und Thomas Müller

Champions League

Bayern München - neue Schwerpunkte unter Hansi Flick

Von Frank Hellmann

Neues Personal, neue Ausrichtung: Unter Hansi Flick hat der FC Bayern die defensive Stabilität zur obersten Priorität erhoben. Das könnte auch der Ansatz im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund sein. Die Analyse.

Vermutlich wird es dem Stadionbesucher in München-Fröttmaning nicht viel anders gegangen sein als dem Fernsehzuschauer: Was bitte war der 2:0-Arbeitssieg des FC Bayern in der Champions League gegen Olympiakos Piräus wirklich wert? Selten in dieser Saison schien die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der internen Wertschätzung größer.

Beinahe schon überschwänglich lobten die Protagonisten ihr Tun. Als habe der geringe Unterhaltungswert nichts mit ihnen zu tun. "Wir haben eine gute Leistung gezeigt, wir haben unser Spiel durchgezogen über 90 Minuten. Wir haben uns die Griechen so zurechtgelegt, wie wir sie haben wollten", sagte Manuel Neuer.

Und Thomas Müller klang ganz ähnlich: "Wir haben hier dominant zu Hause gewonnen: So, wie wir uns den FC Bayern vorstellen." Immerhin räumte der Oberbayer ein: "Das war nicht das höchste der Gefühle, aber wer das Spiel gesehen hat, hat gesehen, dass wir da waren."

Kimmich spielt wie bei der Nationalmannschaft

Die unterschiedlichen Deutungen ließen sich leicht erklären: Die Münchner Führungsspieler legten die Messlatte an anderer Stelle an. Defensive Disziplin als oberste Priorität, um endlich wieder gegentorfrei über die Runden zu kommen. Den Gegner weg vom eigenen Strafraum halten, um überhaupt nicht in Gefahr zu geraten.

Neuer strahlte wie ein Kind vor der Bescherung über die Zu-Null-Erfahrung, die dem Kapitän wegen der schludrigen Abwehrhaltung seiner Vorderleute immer wieder verwehrt geblieben war. "Es ist für uns und unser Selbstbewusstsein gerade in der Defensivarbeit sehr wichtig. Wir haben sehr gut nach vorne verteidigt und sehr hoch gestanden und den Gegner unter Druck gesetzt." Auch Müller pflichtete seinem weitgehend beschäftigungslosen Torwart bei: "Ich weiß nicht, ob Manu überhaupt eine Parade hatte. Der Situation sind wir in den letzten Wochen hinterhergelaufen: zu Null spielen, den Gegner dominieren. Das haben wir heute geschafft."

Nur ein Teil des Flick-Versprechens erfüllt

Insofern setzte Interimstrainer Hansi Flick einen Teil seines Vorhaben um: durch schnelle Balleroberungen gar nicht in Bedrängnis zu geraten. In der Statistik war das an nur drei Torschüssen des Gegners abzulesen. Im Schnitt war Olympiakos in der Königsklasse auf elf Abschlüsse gekommen. Im Hinspiel in Piräus (2:3) hatte der griechische Rekordmeister noch zehnmal auf Neuers Gehäuse gezielt und durch Youssef El Arabi und Guilherme prompt getroffen.

Flick: "Heute bin ich sehr zufrieden, weil die Null steht" Sportschau 07.11.2019 01:19 Min. Verfügbar bis 07.11.2020 Das Erste

Jetzt wurde schon der bayrische Strafraum zur Sperrzone. Flick hatte sich dafür einfach an der Methodik orientiert, die sein langjähriger Vertrauter Joachim Löw in der Nationalmannschaft anwendet: Joshua Kimmich als ersten Ordnungshüter ins zentrale Mittelfeld zu stellen, sorgt für eine gewisse Verlässlichkeit.

Der 24-Jährige hatte die meisten Ballkontakte (137), schaute immer in den Rückspiegel. Der Münchner Musterprofi denkt nicht daran, die Gegenspieler frei herumlaufen zu lassen, wie das bei Thiago regelmäßig passierte. Dass der spanische Filigrantechniker, bekannt für seine feine Ballbehandlung, aber berüchtigt für seine laxe Rückwärtsbewegung, am Mittwochabend (07.11.2019) keine Minute spielte, sprach Bände.

Thiago ist vorerst außen vor

Interessant: Bereits beim Hinspiel in Piräus (3:2) hatte Ex-Trainer Niko Kovac reagiert und - nach einem deutlichen Hinweise von Präsident Uli Hoeneß - mit Javier Martinez einen echten Abräumer aufgestellt. Nach der Pause kam damals Corentin Tolisso für Martinez, Thiago orientierte sich ein Stück zurück: Der 28-Jährige sammelte eine famose Passquote, 69 seiner 73 Zuspiele kamen an, auch acht seiner zehn langen Pässe. Aber er taugt trotzdem nicht wirklich fürs kollektive Pressing, da weist er lieber gestenreich die Mitspieler an.

Flick entschied sich im Rückspiel für eine andere Lösung: Eben Kimmich als klarer Sechser, ihm stand Leon Goretzka zur Seite, der sich jedoch in der Regel auf der Achter-Position aufhielt. Der lauf- und zweikampfstarke Mittelfeldallrounder, einer von fünf deutschen Akteuren in der Startelf, fand die Intensität gegen den Ball "gut, darauf haben wir das Augenmerk gelegt".

Muss die Bayern jetzt auf Dortmund vorbereiten: Hansi Flick

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Die Bayern agierten in einem 4-1-4-1-System, in dem die Außen durch Kingsley Coman und Serge Gnabry ständig besetzt waren. So sammelten die Bayern bei 65 Prozent Ballbesitz und  den Pässen (714:320) ein klares Übergewicht. Das garantierte eine deutlich bessere Balance. Die Laufleistung unter Flick war gegen Piräus mit 114,6 Kilometer fast dieselbe wie unter Kovac (114,4).  

Zuerst ein Fundament legen

Einfallslos wirkte das Offensivspiel in der ersten Halbzeit, weil die Außenverteidiger Benjamin Pavard und Alphonso Davies zu selten anschoben. Flick räumte diesen Mangel zwar ein, wollte aber generell das Positive herausstellen: "Es ging jetzt vor allem darum, nach vorne zu verteidigen, die Initiative hochzuhalten und das hat die Mannschaft sehr gut gemacht. Wir haben sehr hoch verteidigt, den Gegner immer wieder unter Druck gesetzt und waren dominant." Der Ansatz des Nothelfers ist klar: Zunächst will er der verunsicherten Mannschaft wieder ein Fundament verschaffen, notfalls auch mit Zureden.

Die Devise wird auch für  das Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund (Samstag 18.30 Uhr) sein: Stabilität vor Kreativität. Kampf vor Kunst. Ordnung vor Durcheinander. Dass gleich der Lackmustest für die Neuausrichtung ansteht, macht es für Flick nicht einfach. In nur zwei Tagen Trainingsarbeit kann er fehlende Automatismen, die Kovac offenbar zu wenig eingeübt hat, nicht einschleifen.

Es zeichnet sich eine Achse ab

Aber er kann eine Mannschaft aufstellen, die mit Neuer, Kimmich, Müller und dem in allen Systemen treffsicheren Robert Lewandowski wieder über eine Achse verfügt, was sich auch positiv aufs Binnenklima auswirken könnte - abgesehen davon, dass neben Thiago wohl auch Leihgabe Philippe Coutinho zu den großen Verlierern gehört, so lange Flick das Kommando führt.

"Ich muss mich entscheiden für eine Elf, und diese hat gut zurückgezahlt", erklärte der 54-Jährige, der als erstes Manko den Abschluss bemängelte. Zwei Treffer bei 26 Torschüssen seien "zu wenig". Dasselbe Klagelied hatte allerdings auch sein Vorgänger immer wieder angestimmt.

mit dpa | Stand: 07.11.2019, 11:25

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