Atlético - Letzte Chance für Leverkusen

Peter Bosz (l.) und Jonathan Tah

In der Königsklasse ist Bayer noch punktlos

Atlético - Letzte Chance für Leverkusen

Von Christian Hornung

Wenn Bayer Leverkusen in der Champions League noch etwas bewegen will, gibt es zu einem Sieg am Mittwochabend (06.11.2019, Live-Ticker und Live-Audiostream ab 20.45 Uhr bei sportschau.de) gegen Atlético Madrid keine Alternative. Doch die Abwehrprobleme geben wenig Anlass zum Optimismus.

Der Fußball von Trainer Peter Bosz macht richtig Spaß. Er ist gekennzeichnet von Mut, Angriffslust, von Schnelligkeit und Lust am Spektakel. Doch gerade wird rund um die Arena mal wieder über die richtige Balance diskutiert. 15 Tore hat Leverkusen in den ersten zehn Bundesligaspielen erzielt, damit aber nur 15 Punkte geholt, weil es auch 15 Gegentore gab. Das bedeutet Rang zehn und damit mindestens sechs Plätze hinter der eigenen Zielvorgabe. In der Königsklasse sieht es bei Torverhältnis und Punktausbeute noch deutlich schlechter aus.

Noch nie "nullte" ein deutsches Team

Bayer ist Letzter in der Gruppe D, hat alle drei Partien verloren, darunter auch das vermeintlich leichteste in dieser hochanspruchsvollen Konkurrenz mit Atlético und Juventus Turin: das Heimspiel gegen Lokomotive Moskau. 1:6 Tore stehen zu Buche. Nur ein Erfolg gegen das Team des wilden Diego Simeone würde die theoretische Hoffnung auf die beiden Top-Plätze noch aufrechterhalten, bei einer Niederlage wären selbst Platz drei und das Weiterspielen in der Europa League unwahrscheinlich. Es droht sogar noch eine historische Fehlleistung: Noch nie blieb ein deutsches Team nach einer Vorrunde punktlos.

Leverkusen träumt gegen Atlético noch vom Achtelfinale Sportschau 04.11.2019 01:01 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 Das Erste

Was läuft falsch? Dass Bosz nicht als Lehrbuchautor für Defensivstrategien taugt, hat er bereits in Amsterdam und in seiner kurzen Dortmunder Zeit bewiesen, aber dafür hat ihn Rudi Völler auch nicht verpflichtet. Aber warum bekommt der Niederländer die Absicherung nach hinten einfach nicht hin? Am Fleiß seiner Spieler liegt es nicht, das beweisen die Statistiken. Das laufstärkste Team der Bundesliga heißt Leverkusen, 1.183,7 Kilometer hat Bayer bereits abgespult. Die meisten Zweikämpfe gewonnen hat: Leverkusen mit 1.082.

Leverkusen verweigert die Zweikämpfe

Das beweist zwei Dinge: Leverkusen kann Zweikämpfe führen und gewinnen. Es liegt also am Stellungsspiel. Und an der fehlenden Absicherung durch einen Kollegen. Das war beispielsweise am Samstag (02.11.2019) beim 1:2 gegen Mönchengladbach perfekt zu beobachten. Vor dem 0:1 verdarb sich kein Leverkusener die schöne Quote, weil erst gar kein Zweikampf geführt wurde. Laut DFL-Definition ist dann von einem Zweikampf die Rede, wenn zwei gegnerische Spieler die "physische Möglichkeit besitzen, Ballkontrolle entweder zu erlangen oder zu erhalten und dieses auch versuchen".

Leverkusen mit "Bewusstsein" gegen Madrid

Sportschau 06.11.2019 01:48 Min. Verfügbar bis 06.11.2020 ARD Von WDR-Reporterin Daniela Müllenborn

Mangels Nähe zum Gegenspieler (früher galt bei der Bundesliga-Datenbank die Distanz von weniger als einem Meter Abstand der beiden um den Ball kämpfenden Kontrahenten als Maßstab) hatte kein Bayer-Spieler die physische Möglichkeit, Marcus Thuram am Pass in die Mitte zu hindern. Und Vollstrecker Oscar Wendt stand am Fünfmeterraum genauso frei. Vor dem beinahe baugleichen 1:2 blieb die Bilanz der geführten Duelle ebenfalls unangetastet: Diesmal musste Patrick Herrmann bei seinem Zuspiel von der rechten Seite keinen Zweikampf bestreiten, und auch Torschütze Thuram hatte einfach keinen Gegenspieler. Er stand, wie die Fußballreporter es so gerne formulieren, frei vor dem leeren Tor.

Einsicht ist vorhanden

Sowohl Kevin Volland als auch Sven Bender sprachend anschließend die richtigen Themen an. Volland monierte sinngemäß, dass sich zu oft der eine auf den anderen verlassen würde und beide Bayer-Profis folgerten, dass man nicht als Mannschaft verteidige. Natürlich sah in den beiden Gegentor-Szenen jeder die Unpässlichkeiten von Wendell, dem Völler anschließend öffentlich fehlende Professionalität bei der Schuhauswahl vorwarf: "Es gibt keinen Bundesligaspieler, der so oft ausrutscht wie Wendell." Aber als Wendell überspielt war, war eben auch kein anderer da: kein Bender, vor allem auch kein Jonathan Tah, der oft nur die Zweikämpfe annimmt, die er auch sicher gewinnt.

Dazu kommt der Mangel an Alternativen. Aleksandar Dragovic, für den Bayer 2016 18 Millionen Euro an Dynamo Kiew überwies, hat schon viel zu oft gezeigt, dass er Leverkusen nicht dauerhaft helfen kann - zuletzt verschuldete er beispielsweise beim 0:3 gegen Eintracht Frankfurt alle drei Gegentore. Panagiotis Retsos kam 2017 für 17,5 Millionen Euro aus Piräus und ist immer noch nicht über den Talent-Status hinausgekommen.

Jetzt gegen Diego Costa und João Félix

Also müssen es am Mittwoch gegen internationale Top-Spieler aus der Kategorie Diego Costa, João Félix, Álvaro Morata oder Vitolo wieder Bender und Tah in der Abwehrzentrale richten. Aber diesmal brauchen sie im Gegensatz zum Gladbach-Spiel die Unterstützung von den Außenbahnen, und auch das defensive Mittelfeld mit dem formschwachen Julian Baumgartlinger darf sich von der Kritik Benders und Vollands angesprochen fühlen: Ohne gemeinschaftliches Verteidigen droht Bayer der GAU in der Königsklasse.

Stand: 06.11.2019, 05:00

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