Ajax-Trainer Erik ten Hag - Erfolgsgarant mit Bayern-Gen

Erik ten Hag

Amsterdam vor dem Rückspiel gegen Tottenham

Ajax-Trainer Erik ten Hag - Erfolgsgarant mit Bayern-Gen

Von Frank Hellmann

Ajax Amsterdam hat vor dem Halbfinal-Rückspiel gegen Tottenham Hotspur die Tür zum Champions-League-Finale schon aufgestoßen. Trainer Erik ten Hag hat ein Team gebaut, das europaweit bewundert wird. Geholfen hat ihm seine Erfahrung in Deutschland.

In München erinnern sie sich noch gut an den Erfolgstrainer von Ajax Amsterdam. Erik ten Hag kann mit dem niederländischen Renommierklub eine Sensation vollbringen, wenn es im Halbfinal-Rückspiel gegen Tottenham Hotspur (Mittwoch, 21 Uhr) gelingt, den 1:0-Vorsprung zum Einzug ins diesjährige Champions-League-Finale zu nutzen.

Der Rückhalt für das beschwingte Ajax-Ensemble ist in der Grachtenstadt riesengroß, aber einen kleinen Teil hat offenbar auch der FC Bayern zu dieser Entwicklung beigetragen. Weil ihr Fußballlehrer hier einen Reifeprozess durchmachte. Und das ist gar nicht so lange her.

Vor fünf Jahren beim FC Bayern II

Erik ten Hag an der Seitenlinie

Erik ten Hag an der Seitenlinie beim FC Bayern II

Am 3. Juni 2014 musste ten Hag noch mit einem Rückschlag fertigwerden, der mit der Champions League noch nicht im Geringsten zu tun hatte. Im Gegenteil: Im Grünwalder Stadion lief das Aufstiegsspiel der zweiten Mannschaft des FC Bayern zur dritten Liga, und bis in die Nachspielzeit hinein sah es für das Nachwuchsteam richtig gut aus: Die 2:0-Führung gegen Fortuna Köln hätte nach dem 0:1 im Hinspiel gereicht, doch dann unterlief Torhüter Lukas Raeder in der vierten Minute der Nachspielzeit ein folgenschwerer Fehler.

Der Traum vom Aufstieg platzte jäh. Sportvorstand Matthias Sammer war auf der Tribüne genauso geschockt wie ten Hag. "Fußball ist manchmal sehr ungerecht. Das haben wir heute erfahren", sollte der im Sommer 2013 von Sammer nach München gelotste Talententwickler sagen, der ansonsten damit beschäftigt war, seinen Keeper zu trösten. Vorwürfe gegen seinen Torhüter erhob er keine. Viele Beobachter dachten: Dieser Trainer hat Größe. Mindestens jedoch ganz viel Einfühlungsvermögen.

Berühmte Vorbilder

Während Raeder inzwischen das Gehäuse des West-Regionalligisten Rot-Weiss Essen hütet und damit in seine Geburtsstadt zurückgekehrt ist, führt ten Hag nun Ajax Amsterdam womöglich auf die größte Bühne des Vereinsfußballs. Sein Trainerzimmer ist voll mit Hollands Lichtgestalten: der taktisch versierte Rinus Michels, der 1971 den Europapokal der Landesmeister gewann. Der genial veranlagte Johan Cruyff, der 1987 den Europapokal der Pokalsieger holte und die überwölbende Spielidee prägte. Und der eigenwillige Louis van Gaal, der 1995 die Champions League gewann und in der Vorschlussrunde den FC Bayern aus dem Wettbewerb katapultierte.

Ten Haag hat die Münchner in der Gruppenphase wiedergetroffen, als freilich nach zwei Punkteteilungen (1:1, 3:3) noch nicht gleich zu erahnen war, dass der Außenseiter später erst Titelverteidiger Real Madrid, dann Juventus Turin eliminieren würde. Ten Hags Rasselbande übertrifft alle Bestmarken der Cruyff-Ära. Seine Jungstars Frenkie de Jong, 21, und Matthijs Ligt, 19, sind Oranjes-Helden der Neuzeit. Mit ihnen schreibt der 49-Jährige die alte Erfolgsgeschichte einfach fort, als hätte der ungezügelte Turbokapitalismus nicht die Machtverhältnisse zugunsten der Superreichen zementiert.

Sein 4-3-3-System ist außerordentlich flexibel

Darum kümmert sich ten Hag bloß nicht. Stattdessen hat er den "Voetbal totaal" in die Moderne überführt. Parallelen zur Schule von van Gaal sind gewollt. Was ihn von Michels und Cruyff unterscheidet: dem Verteidigen denselben Wert wie dem Angreifen einzuräumen. Das in den Niederlanden oft noch heilige 4-3-3-System modifiziert er so, dass es den Gegner vor unlösbare Probleme stellt. Ausrechenbar ist sein Ensemble nur schwer. Es gibt Phasen mit hohem Ballbesitz, dann wieder steht das Team extrem tief.

Der Trainer als Pragmatiker, der die Stärken seiner Einzelspieler optimal herausbringt. Der 30 Jahre alte Serbe Dusan Tadic, der in vorderen Regionen alle Freiheiten genüsslich ausschöpft, deutete gegenüber "Voetbal International" an, dass der im Dezember 2017 von Sportdirektor Marc Overmars ausgewählte Coach keineswegs mit offenen Armen empfangen wurde. "Er kann sehr gut mit den Spielern umgehen. Ich spreche regelmäßig mit ihm über Fußball. Der Trainer ist taktisch stark. Die Kritik an ihm war nicht gerecht." Ten Hag hatte nicht den typischen Ajax-Stallgeruch und war trotz fast 300 Erstligaspielen nie in der "Elftal" aufgelaufen.

Sammer war sein Sechser im Lotto

Viele in seiner Heimat hat es überrascht, dass er nach seiner ersten Station 2012 als Cheftrainer bei den Go Ahead Eagle freiwillig in die Regionalliga Bayern als Trainer zur zweiten Mannschaft des FC Bayern wechselte. Doch ten Hag spürte, dass ihn neben Sammer vor allem der Einfluss von Pep Guardiola an der Säbener Straße weiterbringen würde. "Ich habe damals fast jedes Training geschaut, da habe ich methodisch viel mitgenommen", sagte er kürzlich im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Und weil sich Guardiola ja selbst von Cruyff hatte inspirieren lassen, schloss sich ein Kreis. Die Erfahrungen in München, dazu zählen ausdrücklich die langen Unterredungen mit dem Querdenker Sammer, seien wie ein "Sechser im Lotto" gewesen. Das Fachmagazin „Kicker“ hat ihn deshalb als Antreiber tituliert, der „halb Pep, halb Sammer“ sei.  Einen Unterschied könnte es aber am Mittwoch geben: So akribisch Guardiola und Sammer für die Bayern arbeiteten - ein Champions-League-Finale erreichte das Duo mit den Münchnern nicht.

Stand: 07.05.2019, 11:08

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