Real Madrid - Ende einer Ära

Der enttäuschte Toni Kroos (r.)

Nach dem Aus im Champions-League-Achtelfinale

Real Madrid - Ende einer Ära

Auflösungserscheinungen im Team, Spieler und Trainer in der Kritik - und aus der Ferne spukt schon wieder das Gespenst Jose Mourinho: Nach dem demütigenden Aus in der Champions League steht Real Madrid vor einem großen Umbruch.

Der Aufmacher der Sportzeitung "Marca" las sich am Mittwoch (06.03.2019) wie eine Todesanzeige: "Hier ruht ein Team, das Geschichte geschrieben hat" - damit war ein großes Foto überschrieben, das den Rasen im Bernabeu-Stadion zeigte. Die Schlagzeilen der anderen Zeitungen hatten ähnlich ultimativen Charakter - einig waren sich alle, dass am Dienstagabend beim 1:4 gegen Ajax Amsterdam und dem blamablen Aus im Achtelfinale der Champions League eine Ära zu Ende ging.

"So fällt ein Gigant auseinander", schrieb "Marca", das Reals "schlimmste Champions-League-Pleite der Geschichte" ausgemacht hatte. "AS" sprach von einem "Desaster", "El Mundo Deportivo" analysierte das "große Fiasko".

"Semana tragica" - Real am Tiefpunkt

Die Ära der Galaktischen endete in einer traumatischen Demontage, Real Madrid verfiel in kollektive Depression: Toni Kroos und die Superstars des spanischen Rekordmeisters, die "Königlichen", Titelverteidiger und Rekordsieger der Champions League, schritten gedemütigt vom Rasen des Estadio Santiago Bernabeu. 1011 Tage nach dem ersten von drei Champions-League-Titeln nacheinander wurde Real von den "jungen Wilden" von Ajax vorgeführt. Das 1:4 markierte die höchste Europapokal-Heimpleite Madrids und nach dem 2:1 im Hinspiel das sensationelle vorzeitige Aus. Erstmals seit 2010 steht der stolze Klub aus der spanischen Hauptstadt nicht unter den letzten Acht der Königsklasse. Die Fans machten ihrem Frust lautstark Luft, die Presse ging mit Real hart ins Gericht.

Coach Solari schließt Rücktritt aus

Denn die Pleite gegen Ajax war der traurige Tiefpunkt einer ruinösen Woche, einer "semana tragica" ("AS"), in der Real Champions League, Pokal und Meisterschaft verspielte - und zudem zweimal vor heimischer Kulisse den Clasico gegen den Erzrivalen FC Barcelona verlor. In der Copa del Rey war im Halbfinale Endstation, in der Liga beträgt der Rückstand kaum aufzuholende zwölf Punkte.

Santiago Solari

Santiago Solari

Die Gemengelage dürfte Folgen haben. "Nach dem Fehlschlag des Jahrhunderts werden Köpfe rollen", schrieb "Marca". Besonders in Gefahr: Santiago Solari. Der Trainer hat das Scheitern Reals mitzuverantworten, einen Rücktritt schloss er am Dienstagabend aber aus. "Ich bin nicht hierhergekommen und habe den Klub in einer schwierigen Phase übernommen, um aufzugeben", sagte der 42-Jährige, der seit Oktober 2018 im Amt ist. Seine Tage in Madrid dürften dennoch in absehbarer Zeit gezählt sein. Dass sich Ex-Coach Jose Mourinho aus der Ferne bereits selbst ins Gespräch brachte, passt ins Bild.

Ob der Portugiese Madrid auf Anhieb zu alter Stärke führen könnte, scheint jedoch fraglich. Der Zerfall der erfolgsverwöhnten Mannschaft begann früher. Womöglich erkannte Zinedine Zidane, dass das Team seinen Zenit überschritten hatte, als der französische Coach Ende Mai 2018 überraschend das Ende der Zusammenarbeit verkündete. Als schwerwiegend erwies sich zudem der Abgang von Superstar und Tor-Garant Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin. Als Führungsspieler und Goalgetter war der fünfmalige Weltfußballer nicht zu ersetzen. Spätestens im Sommer wird Real einen Umbruch einleiten müssen. Die tobenden Fans im Stadion verlangten auch den Abgang des mächtigen Präsidenten Florentino Perez.

Herbe Kritik auch an Kroos

Die Zukunft gehört Spielern wie dem brasilianischen Supertalent Vinicius Junior, dem 2014er-Weltmeister Kroos droht trotz Vertrag bis 2022 hingegen das Nachsehen. Nach einer abermals schwachen Vorstellung des Mittelfeldspielers stürzte sich Spaniens Presse auf Kroos. "Seine Batterien sind leer. Er hat keine Beine mehr, um wirkungsvoll zu erscheinen", schrieb "Sport". Kroos selbst gab sich kleinlaut und selbstkritisch, er sprach von "Enttäuschung" und "fehlender Konstanz" im Team. "Es tut weh", sagte er. Auch für Kroos ist eine Ära zu Ende gegangen.

sid/dpa | Stand: 06.03.2019, 12:30

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