Andrea Agnelli - die Hassfigur des europäischen Fußballs

Andrea Agnelli

Juve-Präsident als Treiber der Super League

Andrea Agnelli - die Hassfigur des europäischen Fußballs

Von Tom Mustroph

Juventus-Präsident Andrea Agnelli hat es mit dem Projekt Super League geschafft, zum Erzfeind von Fußballfunktionären wie Fußballfans zu werden. An der Idee will er dennoch festhalten.

Geliebt wird ein Juventus-Präsident außerhalb des eigenen Lagers nur selten. Zu groß sind die Erfolge des Klubs, zu schnell mischt sich ins Selbstbewusstsein Überheblichkeit. Die Welle an Feindschaft, die über Andrea Agnelli nach Bekanntgabe der Pläne zur Super League schwappte, ist aber selbst auf der nach oben offenen Juve-Hass-Skala enorm.

Dabei scheint das Projekt Super League knapp drei Tage nach ihrer Ausrufung schon wieder Geschichte zu sein. Wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung aus dem Umfeld von Agnelli am Mittwoch vermeldete, werden die Pläne für die neue Eliteliga im europäischen Fußball nach dem Rückzug der sechs englischen Teams verworfen. Auf die Frage, ob die Super League trotzdem umsetzbar sei, sagte Agnelli der Nachrichtenagentur Reuters: "Um offen und ehrlich zu sein: Nein, das geht offensichtlich nicht."

Ceferin und Agnelli - Ende einer Freundschaft

Die Anfeindungen gegenüber Agnelli hatten es vor den Rückzugsmeldungen in sich gehabt. Einen "Judas", einen Verräter, nannte ihn Urbano Cairo, Präsident des Stadtrivalen FC Turin und zugleich Besitzer des mächtigen Medienimperiums rings um die "Gazzetta dello Sport". Als "Person, die von allen Leuten, die ich kenne, am meisten und am intensivsten lügt", bezeichnete ihn UEFA-Präsident Aleksander Ceferin.

Ceferin war bis vor kurzem sogar eng mit Agnelli befreundet. Der Slowene kam in den Genuss, einen Ferrari aus der zum Familienimperium gehörenden Sportbolidenfirma zu fahren und ist Taufpate eines der Kinder Agnellis. Doch mit der Bekanntgabe der Super League ist die Freundschaft zerbrochen.

Super League spaltet den europäischen Fußball Tagesthemen 19.04.2021 02:06 Min. Verfügbar bis 19.04.2022 Das Erste

"Fußball sehr geeignet für Kapitalrendite"

Dabei hätten weder Ceferin noch Cairo überrascht sein dürfen. Gut einen Monat zuvor, auf der 25. Generalversammlung der Vereinigung der Europäischen Fußballklubs ECA, sprach Agnelli ganz offen von den Segnungen der Super League. Er betonte explizit das Interesse der US-Bank JP Morgan am neuen Wettbewerb.

"Das weiß jeder, das war in den Medien", sagte Agnelli ganz direkt. Der Juventus-Präsident und damalige ECA-Chef geriet regelrecht ins Schwärmen. "Wenn es Interesse von solchen Finanz-Institutionen gibt, dann haben wir in unserer Industrie das Potenzial für eine glänzende Zukunft. Aber im Gegensatz zu anderen Beteiligten haben diese Institutionen kein allzu großes Interesse an Solidarität, sie haben Interesse an Kapitalrendite." Am Mittwoch (21.04.21) hat Klubchef Nasser Al-Khelaifi vom französischen Meister Paris Saint-Germain die Nachfolge von Andrea Agnelli als Präsident der Europäischen Club-Vereinigung angetreten.

"Solidarität" betonte Agnelli dabei eher abwertend, wichtiger war das Wort "Kapitalrendite". Er wurde sogar noch konkreter: "Das bedeutet, dass unsere Industrie sehr geeignet ist für Kapitalrenditen. Und wenn wir uns ändern, können wir selbst von diesen Kapitalrenditen profitieren. Wir haben das Produkt: Fußball. Wir haben das Interesse der Finanzwelt, und das muss man jetzt zusammenbringen. Wir befinden uns an einer Weggabelung."

Eine Karikatur von Andrea Agnelli

Agnelli nahm dabei den Abzweig in Richtung noch mehr Geld.

Von Schulden getrieben

Teils tat er das als Getriebener. Denn der Juve-Präsident braucht die Millionen. Die Verpflichtung von Cristiano Ronaldo im Jahr 2018 riss ein dickes Loch in die zuvor soliden Bilanzen des Klubs. Zu den 115 Millionen Euro Ablöse kommen pro Jahr 60 Millionen Euro Bruttogehalt hinzu. Das macht 355 Millionen Euro.

Die aktuelle Schuldenlast von Juventus beträgt laut Recherchen des Wirtschaftsblatts "Il Sole 24 Ore" 358 Millionen Euro. Ein Schelm, wer da einen Zusammenhang mit der Begeisterung für die Super League erkennt.

Juventus zu groß für Italien?

Agnelli ist also zur Geldsuche verpflichtet. Andererseits will er als aktuelle Nummer zwei in der Hierarchie der Industriellendynastie auch den nächsten Schritt machen. Seit seiner Amtsübernahme 2010 hat er Juventus stabilisiert und - zumindest bis zur letzten Saison - zum Branchenführer in Italien entwickelt. Er hat dem Klub ein eigenes Stadion gegeben, inklusive Hotel, sportmedizinischer Klinik und Museum. Die Infrastruktur stimmt.

Juventus ist damit auch der chronisch defizitären Serie A entwachsen. Nur mit dem eigentlichen Ziel, dem Gewinn der Champions League, wurde es bislang nichts. Klubs mit weniger Finanzkraft wie Ajax, Lyon und Porto kegelten die "Alte Dame" zuletzt aus der Königsklasse.

Die Ultras meutern

Und Agnelli, der den Klub einerseits wie ein Feudalherr führt, ihn andererseits zu einem Finanz- und Wirtschaftsimperium aufgebaut hat, wollte nun den nächsten Entwicklungsschritt vollziehen. Eben mit einer Noch-mehr-Geld-Liga. Nicht zu stören scheint ihn dabei, dass er die eigene Fanbasis zu verlieren droht. "Es ist die übliche Schweinerei. Es geht nur um Geld, nichts als Geld", meinte Massimo, der in vorpandemischen Zeiten zwei Mal wöchentlich die Vereinsbar der Drughi aufschloss, zur Sportschau.

Die Drughi sind der größte und mächtigste Fanklub von Juve, gefürchtet nicht nur wegen der Wucht der Fäuste, sondern auch wegen Verwicklungen in Drogenhandel und andere kriminelle Geschäfte. Der Veteran der Kurvenschlachten klang im Gegensatz zu den Funktionären noch nicht einmal empört, sondern nur gelangweilt. "Die Sache mit der Super League wissen wir doch schon seit Jahren", meinte er, und spielte dabei auf die Enthüllungen der Whistleblowerplattform Football Leaks an.

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Schon damals hatten Agnelli und Co. an der Super League gebastelt. Am Sonntag waren sie soweit, dass sie sogar die Posten verteilt hatten. Präsident wäre Real Madrids Klubchef Florentino Perez, Vizepräsident Andrea Agnelli. In der Biografie auf der Juventus-Website wurde diese Funktion schon aufgeführt, als sei sie ein Ehrentitel - eine schon stoisch anmutende Ruhe angesichts der hochbrandenden Wellen des Zorns.

Seine eigenen Spieler würden gern an der Super League teilnehmen, betonte Agnelli, und zwar trotz der Drohungen, eventuell nicht für WM und EM spielberechtigt zu sein. "Sie können es kaum erwarten", sagte der Juve-Boss der Zeitung.

"Super League - Superflop"

Ob das Starrsinn ist, ein Zeichen von Realitätsverlust gar oder im Gegenteil Führungsstärke, wird die Zukunft zeigen. Mehr Geld mit der "Industrie Fußball" umsetzen wollen ja auch viele von denen, die gerade noch "Judas" und "Lügner" schreien.

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Stand: 21.04.2021, 21:34

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