Thomas Müller - auf einmal öfter außen vor

Bankdrücker Thomas Müller

FC Bayern

Thomas Müller - auf einmal öfter außen vor

Von Frank Hellmann

Niko Kovac hat am Samstag (20.10.2018) nach dem eher beruhigenden als befreienden Auswärtssieg beim VfL Wolfsburg (3:1) für sich das Recht - nicht das Grundgesetz - reklamiert, bei der Personalauswahl sehr frei zu sein. "Wir haben hier nur Nationalspieler", sagte der Trainer des FC Bayern.

Ein Luxuszustand, den Kovac aus seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt in dieser Form nicht kannte. Härtefälle seien in München nunmehr an der Tagesordnung. Wenn er sich mal für "diese Jungs" entscheide, gemeint waren Niklas Süle und Serge Gnabry, sei das "keine Sensation, sondern normal". Kovac: "Es spricht nicht für die einen oder gegen die anderen."

So fingen die Fernsehkameras  die Gesichter von Thomas Müller, Jérôme Boateng und Franck Ribéry ein, die in blauen Reservistenleibchen einträchtig nebeneinander auf der Ersatzbank saßen. Als Trio infernale ohne eine einzige Minute Spielzeit.

Wenn zwei deutsche Weltmeister und ein französischer Altstar außen vor bleiben - wobei Ribéry am Montag wegen einer Wirbelblockade die Dienstreise zur Champions-League-Partie beim griechischen Meister AEK Athen (Dienstag 18.55 Uhr) nicht mitmachte -, wird darüber diskutiert. Zumal speziell Müller vier Tage zuvor bei der deutschen Nationalmannschaft im Nations-League-Duell gegen Frankreich (1:2) auch erst ganz, ganz spät aufs Feld durfte.

Noch nimmt er sein Ego zurück

Bemerkenswert, dass sich erst der Bundestrainer Joachim Löw und dann der Bayern-Coach in einer eigenen Drucksituation gegen den eigentlichen Unterschiedsspieler entschieden. Weitere Parallele: Genau wie Dienstag in Paris stellte sich der prominente Bankdrücker am Samstag auch in Wolfsburg dem Verhör. "Ein Trainer braucht nicht immer alles zu begründen. Wir haben einen sehr breiten Kader. Der Trainer hat aufgestellt, wir müssen schauen, dass wir die Einheit, die wir sein wollen, auch ausstrahlen. Es gibt keinen Grund, negative Stimmen zu äußern", sagte der 29-Jährige.

Müller - "Es gibt keinen Grund, negative Stimmen zu äußern"

Sportschau | 22.10.2018 | 00:24 Min.

Wohl wissend, dass er das von den Bayern-Bossen am Freitag wortgewaltig beschworene Zusammengehörigkeitsgefühl konterkariert hätte, wenn er am Tag danach persönliche Beschwerden geführt hätte. Nebenbei bringt es Sympathiepunkte, wenn Stars sich in ihrem Ego zurücknehmen.

Präsident Uli Hoeneß hatte es als das größte Problem für den Trainer bezeichnet, dass "die Spieler, die nicht spielen, sauer sind." In Diktion des polternden Patriarchen: "Das ist auf Dauer viel leistungstödlicher, als wenn er einen jungen Spieler in den Kader nimmt (sic)." So überwölbt die Frage die nächsten bayrischen Wochen, ob der Verzicht auf einen der größten Spaßmacher der Liga nur eine Momentaufnahme ist oder sich zum Dauerzustand ausweitet. Kovac befeuerte die Debatte naturgemäß nicht, sondern der 47-Jährige unterstrich erneut, wie wichtig es sei, aus einem Pool von 16, 17 Spielern zu schöpfen und das Personal zu tauschen: "Es geht einfach nicht, vier, fünf, sechs Wochen lang jeden dritten Tag auf diesem Niveau zu spielen."

Es müllert nur noch selten

Und doch ist es neu, wenn Müller zweimal hintereinander in Schlüsselspielen nur Randfigur ist. Der ulkige Herumtreiber galt lange als verlässlicher Retter, der sich überall und nirgends auf dem Spielfeld blicken lässt, um dann irgendwann, irgendwo, irgendwie ein wichtiges Tor zu erzielen. Die Quote in der DFB-Auswahl (98 Länderspiele/ 38 Tore) und in der Bundesliga (293/ 106) spricht für sich. Und auch die Champions-League-Bilanz (101/42) ist beim bayrischen Unikum ja nicht so schlecht. Doch in dieser Saison hat es nur je einmal an den ersten beiden Spieltagen gemüllert.

Dass den schlitzohrigen wie beliebten Oberbayern, für den Verein noch viel mehr Identifikationsfigur als fürs Nationalteam, der Instinkt bisweilen verlassen hat, ist offenkundig. Die "Müller-spielt-immer"-These eines Louis van Gaal hatte vor einem Jahr schon Carlo Ancelotti ohne Ankündigung kassiert, was dem Italiener größere Schwierigkeiten bescherte, als ihm lieb sein konnte.

Aber spätestens als Jupp Heynckes zurückkehrte, konnte sich Müller der alten Wertschätzung sicher sein. Letztlich brachte er es in der Vorsaison pflichtspielübergreifend wieder auf 33 Scorerpunkte, und auch für die WM war Müller gesetzt, schließlich kam er als derjenige nach Russland, der bei seinen ersten beiden Turnieren 2010 und 2014 je fünfmal getroffen hatte. Doch seine dritte WM geriet zum Reinfall, der Formverfall wirkte besorgniserregend.

Löw entschied sich für mehr Tempo

Es spricht nicht gegen Löw, so lange wie möglich am verdienten Leistungsträger festgehalten zu haben, doch jeder konnte im Stade de France sehen, wie wichtig das Tempo für die Offensive ist. Und da sind Klubkollege Gnabry, Timo Werner (RB Leipzig) und Leroy Sané (Manchester City) einfach auf flotteren Füßen unterwegs. Als Außenangreifer sieht sich Müller ohnehin nicht mehr, was zum Kardinalproblem neben der verlorenen Leichtigkeit führt.

Das 75-Kilo-Leichtgewicht ist im Laufe der Karriere fast zu universell geworden, um nun auf einen festen Platz zu pochen. Kovac sieht in seiner Nummer 25 einen Mittelfeldspieler, aber da sind Thiago und James Rodriguez spielstärker. Genau wie neuerdings Löw setzt Kovac auf einen festen Sechser - hier Joshua Kimmich, dort Javier Martinez - ,  dem zwei flexible Achter zur Seite stehen.

Ballsicherheit wird in diesen Systemen wichtiger als Raumdeutung, was definitiv die wichtigste Waffe des Schleichers mit den dünnen Beinen darstellt. Dass Kovac übrigens schmunzelnd anmerkte, er habe sich in heiklen Personalfragen mit Löw abgesprochen, könnte Thomas Müller irgendwann noch als schlechten Scherz auffassen.

Stand: 22.10.2018, 11:49

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