Messi auf Maradonas Spuren

Lionel Messi jubelt

Champions League

Messi auf Maradonas Spuren

Wenn der FC Barcelona im Champions-League-Achtelfinale beim SSC Neapel antritt, dreht sich mal wieder vieles um Lionel Messi. Denn erstmals bekommt das neapolitanische Publikum den Erben seines Helden Diego Maradona zu sehen.

Es ist nun wahrlich nicht zu behaupten, dass der traditionsreiche SSC Neapel in der Champions League als Zuschauermagnet taugt. Nirgendwo erscheinen in den Fernsehbildern die Lücken auf den Rängen so auffällig groß wie bei den Übertragungen aus dem San Paolo.

Dafür ist die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete, aber erst 1959 eröffnete Betonschüssel schlicht zu alt, zu zugig, zu weitläufig, als dass das Publikum dort draußen nach Fuorigrotta, dem Stadtteil, wo das Stadion steht, in Massen strömt.

Endlich ist San Paolo wieder ausverkauft

Die drei Vorrundenspiele in der Königsklasse sahen diese Saison nach offiziellen Angaben 31.335 Besucher im Schnitt, die meisten (38.878) kamen gegen den Titelverteidiger FC Liverpool, die wenigsten (22.265) gegen den Außenseiter KRC Genk. Aber ausverkauft? Das ist Ewigkeiten her.

Am Dienstagabend (25.02.2020) wird es nun mal wieder mit fast 55.000 Menschen richtig voll sein. Das hat in erster Linie mit dem Achtelfinalgegner FC Barcelona zu tun. Denn der bringt mit Lionel Messi den Erben des in Neapel wie einen Heiligen verehrten Diego Maradona mit. Und wie es der Zufall so will: Der Argentinier hat tatsächlich noch nie in Neapel vorgespielt.

"Ich bin wirklich sehr aufgeregt"

"Schon seit einer langen Zeit wollte ich in diesem Stadion spielen, aber es hat sich einfach nicht ergeben. Jetzt kommt endlich die Gelegenheit und ich bin begierig darauf, diese Erfahrung zu machen. Ich bin sicher, dass es ein großartiges Erlebnis für mich sein wird", sagte der 32-Jährige in einem Interview mit Mundo Deportivo: "Ich bin wirklich sehr aufgeregt.“

Es ist eine besondere Geschichte, dass sich die Linien von zwei der weltbesten Fußballer dort noch nie gekreuzt haben. Der SSC Neapel wird für immer mit Maradona verwoben bleiben. 1984 wechselte der Ausnahmekünstler für die damals unfassbar hohe Summe von 13,5 Milliarden Lire (rund 7,5 Millionen Dollar) vom FC Barcelona nach Neapel.

Wie ein Gott behandelt

Es war damals der teuerste Transfer der Fußball-Geschichte. Aber für das Selbstgefühl der Neapolitaner war es das Beste, was passieren konnte. Maradona machte den Klub, der sich immer von den Reichen und Schönen aus Mailand und Turin benachteiligt sah, im Fußball groß.

Diego Maradona jubelt

Diego Maradona jubelt

Lorenzo Insigne, aktueller Kapitän von Napoli, weiß aus Erzählungen seiner Eltern, wie der heute 59-jährige Maradona vergöttert wurde und immer noch wird. Der italienische Torjäger kam 1991 in Neapel zur Welt, kurz nachdem die sieben erfolgreichen Jahre Maradonas mit einem Drogenskandal hässlich zu Ende gegangen waren.

"Maradona steht immer an erster Stelle, so sieht man das hier bis heute. Aber nach ihm ist Messi für mich der beste Spieler der Welt", sagte Insigne. Zwei Mal sicherte sich der SSC Neapel zu Maradonas Hochzeiten die Meisterschaft, 1987 und 1990, und oft fanden 100.000 Menschen im San Paolo Platz, weil die Ordnungskräfte es mit den Kontrollen nicht so genau nahmen.

Herrschaften mit tiefen Schwerpunkten

An Maradona wollten und sollten sie alle teilhaben. Direkt nach der Auslosung des Achtelfinals kam sogar das Gerücht auf, der von den bösen Verlockungen des Lebens gezeichnete Volksheld könnte sogar vorbeikommen, um dieses Spiel zu erleben. Aber vielleicht reicht es schon, wenn Messi auf dem Platz an ihn erinnert.

"Es ist der ewige Wettbewerb zwischen zwei genialischen Linksfüßen mit italienischen Vorfahren, zwischen zwei Herrschaften mit tiefen Schwerpunkten und intuitiver Wendigkeit", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Das neapolitanische Publikum sei als Volksjury geeignet, obwohl es parteiisch sei. Nun sind die Vergleiche zwischen dem Fußball der 80er und 90er Jahre, in denen Maradona dribbelte, und dem Sport, den Messi heute noch auf höchsten Niveau ausübt, eigentlich nicht rechtens.

Messi ist ein Wunder

Dafür sind Raum und Zeit im modernen Fußball ein zu kostbares Gut geworden. Maradona zauberte gegen Teams, bei denen mitunter nur sechs, sieben Mann seriös gegen den Ball arbeiteten. Messi trickst gegen Mannschaften, bei denen immer alle zehn Feldspieler konsequent verteidigen. Maradona musste nur seinen Manndecker ausspielen, dann fand er endlose grüne Wiese vor. Messi kann einen Gegenspieler fintieren, dann stürzen sich die nächsten drei auf ihn.

Immer noch ist es ein Wunder, wie der sechsmalige Weltfußballer Lücken findet, die nur er sieht. In einer Zeit, wo nicht nur die Kameras jeden Winkel des Spielfelds ausleuchten, sondern auch Abwehrreihen wie automatisiert jeden Quadratzentimeter beschatten. Messi aber schert das nicht. Er schießt trotzdem Tor um Tor. Wie am Wochenende gerade die vier beim 5:0 gegen Eibar.

Gattuso fürchtet sich, Demme freut sich

Daher verwundert es nicht, wenn Gennaro Gattuso, der frühere italienische Haudegen und Giftzwerg, jetzt als Napoli-Trainer sagt, er habe Kopfschmerzen, wenn er an Barcelona denke. Gattuso hat von seinem im Dezember geschassten Vorgänger Carlo Ancelotti eine Menge Probleme geerbt.

Immerhin hat Gattuso jetzt aber einen Winter-Neuzugang zur Verfügung, der als Ordnungshüter im Mittelfeld auf Anhieb eingeschlagen hat: Diego Demme, von RB Leipzig gekommen, will auch gegen die Katalanen, die nach traumatischen Niederlagen beim AS Rom (2018) und FC Liverpool (2019) auf Wiedergutmachungstour sind, ein stabilisierender Faktor sein. Der Vorname des 28-jährigen Deutschen weist nicht zufällig Parallelen mit der Klublegende auf: Demmes Vater ist Italiener und war glühender Maradona-Verehrer.

red, sid | Stand: 24.02.2020, 14:18

Darstellung: