Marcus Rashford - der wichtigste Fußballer Englands

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Leipzig-Gegner Manchester United

Marcus Rashford - der wichtigste Fußballer Englands

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Marcus Rashford ist gerade der wichtigste Fußballer Englands - wegen seines Einsatzes neben dem Platz. Mit seiner Kampagne für kostenlose Mahlzeiten für Schüler stiftet der Stürmer von Manchester United Einigkeit in einer gespaltenen Gesellschaft und bewegt die Regierung zum Handeln.

Man kann in diesen Tagen leicht vergessen, dass Marcus Rashford erst 22 Jahre alt ist, beziehungsweise: 22 Jahre jung. Der englische Nationalstürmer in Diensten von Rekordmeister Manchester United, dem Champions-League-Gegner von RB Leipzig an diesem Mittwoch (28.10.2020), ist gerade der wichtigste Fußballer auf der Insel, und zwar wegen seines Einsatzes neben dem Platz. 

Rashford kämpft dafür, dass Schüler aus armen Elternhäusern in den Ferien nicht hungern müssen, und er tut das nicht alleine. Unterstützung bekommt er aus allen Teilen des Vereinigten Königreichs, das durch den Brexit eigentlich tief gespalten ist. Einmal ist die Regierung von Premierminister Boris Johnson schon vor Rashford eingeknickt. Es könnte gut sein, dass das in Kürze ein zweites Mal passiert. 

Kostenlose Mahlzeiten sind üblich in England

Aber der Reihe nach. In England ist es üblich, dass benachteiligte Kinder in der Schule kostenlose Mahlzeiten bekommen. Als die Welt im Frühjahr in den Corona-Lockdown ging, legte die Regierung ein Gutschein-Programm auf, das die betroffenen Schüler weiterhin mit Essen versorgte. Es sollte allerdings mit dem Start der Sommerferien enden. Rashford, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Wythenshawe am südlichen Rand Manchesters, sah das nicht ein. 

In einem offenen Brief an das Parlament warb er dafür, die Gutscheine weiterhin auszugeben. Dafür erhielt er so viel Zuspruch, dass die Regierung das Programm verlängerte. Was in den britischen Medien als demütigende Kehrtwende von Johnson dargestellt wurde, deutete Rashford als gemeinsamen Erfolg: “Schaut, was wir schaffen können, wenn wir zusammen arbeiten. DAS ist England 2020”, schrieb er seinerzeit bei Twitter. Er will nicht spalten. Er will, dass das Land einem kollektiven Problem kollektiv begegnet.

Kampagne geht in die zweite Runde

Im Moment ist seine Kampagne in der zweiten Runde. Das Parlament hat beschlossen, die Gutscheine in den Herbstferien und darüber hinaus nicht mehr auszugeben. Wieder geht Rashford dagegen vor. Im Internet hat er eine Petition gestartet, um die Regierung umzustimmen. Bis Dienstagmittag hatten fast 950.000 Menschen unterzeichnet. Außerdem haben sich in den vergangenen Tagen im ganzen Land Stadtverwaltungen, Unternehmen und Restaurants bereit erklärt, kostenlose Mahlzeiten an arme Kinder auszugeben. Konzerne wie McDonald’s sind ebenso dabei wie der Fish-and-Chips-Laden um die Ecke. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Johnson dem Druck ein zweites Mal nachgibt. 

Mit seinem Aktivismus ist Rashford vom Fußballer zum Staatsmann geworden. Von den sogenannten "back pages", also dem Sportteil auf den hinteren Seiten der englischen Zeitungen, hat er es auf die Titelseiten geschafft. Aus allen Richtungen wird er für sein Engagement gepriesen. Die konservative “Daily Mail” vergleicht den Angreifer mit Jesse Owens oder Muhammed Ali, die ebenfalls über den Sport hinaus gewirkt haben. Der linksliberale “Guardian” schreibt, dass Rashford auch die englische Nationalmannschaft ins WM-Finale schießen könnte – das würde immer noch zurückstehen hinter seinem Einsatz für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft: “Die Leben von Menschen zu verbessern übertrumpft Medaillen.” 

Rashford überwindet sogar fußballerische Rivalitäten

Der Stürmer überwindet fußballerische Rivalitäten. Jürgen Klopp, der Trainer des FC Liverpool, lobte Rashford für sein “absolut unglaubliches” Engagement, und Leeds United spendete 50.000 Pfund, um arme Kinder mit Mahlzeiten zu versorgen. Liverpool und Leeds sind zwei Klubs, die Manchester United eigentlich in tiefer Abneigung verbunden sind. 

Auch außerhalb des Sports wird Rashfords Engagement anerkannt. Die Queen ernannte ihn gerade ihn zum MBE (Member of the Order of the British Empire), und die University of Manchester machte ihn schon im Juli zum jüngsten Träger der Ehrendoktor-Würde. In seiner Heimatstadt träumen viele Menschen von einem Premierminister Rashford. Halb im Scherz natürlich, aber auch mit ernstem Hintergrund: Der Norden Englands fühlt sich in der Corona-Krise von der konservativem Regierung im Stich gelassen.

Die Herkunft erklärt den Aktivismus

Rashfords Herkunft erklärt auch seinen Aktivismus. In der Kindheit war er selbst auf kostenlose Mahlzeiten in der Schule angewiesen. “Ich habe immer gesagt: Wenn ich irgendwann in der Position sein sollte, einen Unterschied zu machen, dann würde ich es tun”, sagte er im Mai im Interview mit der "New York Times”. Als Profi beim englischen Rekordmeister ist er in dieser Position. 

Schon mit 18 Jahren debütierte er bei Manchester United und weckte damals höchste Erwartungen mit vier Toren in seinen ersten beiden Spielen. Mittlerweile ist er auf Linksaußen unbestrittener Stammspieler und ein wichtiger Teil des vom Verein propagierten Neuaufbaus unter dem seit Dezember 2018 amtierenden Trainer Ole Gunnar Solskjaer. Die abgelaufene Saison war Rashfords bisher beste mit 17 Toren in der Premier League (wobei er vor der Corona-Zwangspause und einer Rückenverletzung besser war als danach). Vor einer Woche schoss er den 2:1-Siegtreffer gegen Paris Saint-Germain zum Start der Champions League. Es war der Höhepunkt in einer bislang trüben Saison für Manchester United.

Wie erfolgreich Marcus Rashfords Karriere sportlich wird, muss sich zeigen. Abseits des Rasens hat er schon jetzt viel bewegt.

Stand: 27.10.2020, 14:00

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