Karius' Albtraum hat gerade erst begonnen

Loris Karius

Nach dem Champions-League-Finale

Karius' Albtraum hat gerade erst begonnen

Von Jörg Strohschein

Nach seinen schweren Fehlern im Champions-League-Finale gegen Real Madrid entschuldigt sich Liverpool-Torhüter Loris Karius bei den Anhängern des Klubs. Der Abend von Kiew dürfte dem 24-Jährigen aber noch lange nachhängen.

Den Siegern ist es meist völlig egal, wie sie zu ihrem Erfolg gekommen sind. Das ist keine Herzlosigkeit oder fehlende Empathie, sondern das Wesen des Profisports, des professionellen Fußballs. Auf diese Weise werden die Spieler bereits in frühester Jugend geeicht. Und auf dem Niveau eines Champions-League-Finales zählt für alle Beteiligten ohnehin nur der Titel - egal wie dieser am Ende zustande gekommen ist.

Und vor diesem Hintergrund war auch die emotionsarm wirkende Reaktion von Toni Kroos am Samstag (26.05.2018) nach der Partie zu verstehen, als dieser auf die fatalen Fehler von Liverpool-Torhüter Loris Karius angesprochen wurde. "Mitleid ist sicher das falsche Wort. Es ist schon blöd, wenn einem so etwas in solch einem Spiel passiert", sagte der Nationalspieler, der gerade seinen vierten Titel in der europäischen Königsklasse gewonnen hatte.

Ohnehin dürften auch tröstende Worte von Kroos kaum Auswirkungen auf die Leiden des Loris Karius gehabt haben. Der 24-Jährige hatte es mit seinen gleich zwei haarsträubenden Fehlern verbockt. Für sich, für sein Team, für all die LFC-Fans, die so sehr gehofft hatten, dass vielleicht ihr Team das große Real Madrid an diesem Abend von Kiew stoppen kann.

"Es tut mir leid für alle, für das Team, für den ganzen Klub. Ich habe sie im Stich gelassen", sagte Karius, als er den ersten großen Schock verdaut hatte. "Diese Tore haben uns den Titel gekostet."

Liverpool-Fans spendeten freundlichen Applaus

Erst warf Karius bei einem eigentlich völlig ungefährlich aussehenden Abwurf dem listig lauernden Real-Angreifer Karim Benzema den Ball quasi auf den Fuß (0:1, 52. Minute), kurz vor dem Ende ließ er einen flatternden Distanzschuss von Gareth Bale (1:3; 84.) während der versuchten Aufholjagd der "Reds" durch die Finger flutschen. Nur beim fantastisch anzusehenden und technisch hochgradig anspruchsvollen Fallrückzieher-Treffer von Bale zum zwischenzeitlichen 1:2 (64.) war der deutsche Torhüter machtlos.

Die in die Ukraine mitgereisten Fans hatten nach dem Schlusspfiff schnell ein gutes Gefühl dafür entwickelt, dass ihr Torhüter in diesen schweren Stunden, nachdem der Titeltraum auf diese erschreckende Weise geplatzt war, Zuspruch benötigte. Karius ging weinend und sich gleichzeitig entschuldigend in die Kurve und die "Scousers", wie die Anhänger des Klubs auch genannt werden, stimmten "You'll never walk alone" an und spendeten freundlichen Applaus.

Trainer Jürgen Klopp nahm sich ebenfalls seinem Torhüter an, nahm ihn kurz in den Arm und sprach ihm Mut zu. Ansonsten blieb Karius aber erst einmal alleine auf dem Feld. Seine Mitspieler hatten genug mit sich selber zu tun.

Klopp bemüht sich um Beschwichtigung

Es war allerdings eines dieser besonderen Spiele, die wohl auch langfristig nachhallen werden. "Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht. Aber so ist das Leben. Da wird nicht gefragt", sagte Klopp und äußerte die große Sorge, dass Karius sehr lange mit diesem unerfreulichen Thema konfrontiert wird. "Manche Leute sind doof genug, dir das ein Leben lang aufs Brot zu schmieren", so Klopp.

Die langjährigen Erfahrungen im Zusammenspiel von Profifußball und Öffentlichkeit dürften den Coach zu dieser wenig erfreulichen Einschätzung gebracht haben.

Und wie realistisch die Befürchtungen des 50-Jährigen sind, unterstrich an anderer Stelle Steven Gerrard. "Er wird einen schweren Sommer haben", prophezeite die "Reds"-Legende. Der Albtraum des Loris Karius hat wohl gerade erst begonnen.

Stand: 27.05.2018, 11:28

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