Chelsea-Coach Lampard - gute Erinnerungen an die Bayern

Frank Lampard, der Trainer des FC Chelsea

Champions League

Chelsea-Coach Lampard - gute Erinnerungen an die Bayern

Von Frank Hellmann

Keiner verbindet Vergangenheit und Gegenwart für den Champions-League-Klassiker FC Chelsea gegen FC Bayern so gut wie Frank Lampard. Der Chelsea-Trainer kann aus den Ereignissen 2012 als Aktiver einige Zuversicht schöpfen.

Selbst für einen Anführer wie Frank Lampard war es in dieser flirrenden Nacht des 19. Mai 2012 plötzlich unmöglich, den Zusammenhalt zu bewahren. Als in der Münchner Arena die ersten Spieler des FC Bayern enttäuscht auf den Rasen sanken, weil Didier Drogba den entscheidenden Elfmeter für den FC Chelsea im Finale der Champions League zum 4:3 (1:1 nach Verlängerung) verwandelt hatte, wussten die "Blues" zunächst nicht, wohin mit ihrem Glück.

Völlig versprengt jubelten Lampard und Co. an den verschiedensten Stellen der Arena. Der Kapitän lief allerdings instinktiv zuerst zu den im Norden der Arena untergebrachten Fans. Zuvor hatte die Ikone den vielleicht wichtigsten und schwierigsten Strafstoß in der irren Abfolge im Tor untergebracht.

Dritten Elfmeter verwandelt

Gerade hatte nämlich der scheinbar in die Heldenrolle wachsende Manuel Neuer einen Elfmeter flach in die Ecke von Petr Cech geschoben, als der adrenalindurchflutete deutsche Nationaltorwart auf den Schützen Lampard wartete - mit dem psychologischen Vorteil, jetzt dieses "Finale dahoam" entscheiden zu können. 3:1 führten die Münchener in der Nervenschlacht vom Kreidepunkt.

Frank Lampard beim Gewinn der Champions League 2012 mit dem FC Chelsea

Frank Lampard beim Gewinn der Champions League 2012 mit dem FC Chelsea

Doch wie es sich für einen Anführer gehört, blieb die Nummer acht der Londoner kalt wie eine Hundeschnauze, katapultierte die Kugel mit voller Wucht fast mittig und hoch in die Maschen. Der Rest wurde Geschichte: Erst scheiterte Ivica Olic, dann Bastian Schweinsteiger, dessen Ball der Neuer-Gegenüber Cech mit den Fingerspitzen berührte. Dieser Fehlschuss geriet in allen Nachbetrachtungen zum Monument des Scheiterns.

2012 triumphierte die Defensivtaktik

Lampard, der seit Saisonbeginn für den wieder nach Italien zurückgekehrten Maurizio Sarri an der Stamford Bridge als Cheftrainer fungiert, wird genau überlegen, inwieweit er nun diese prägenden Erinnerungen in die Vorbereitungen auf das Champions-League-Achtelfinale am Dienstag (25.02.2020) an selber Stelle einfließen lässt. Der 41-Jährige gibt somit die überwölbende Klammer für diesen Europapokal-Klassiker.

Der kollektive Kraftakt kam 2012 insofern unerwartet, weil die Londoner in der Premier League nur Sechster geworden waren. Und eigentlich galt Roberto di Matteo auf der Trainerbank nur als Übergangslösung. Aber: Er holte diesen Titel. Und so konnte es sich der Schweizer Fußballlehrer auch erlauben, bei der Reporterfrage, ob der defensive Spielstil seiner Mannschaft auch schön sei, sich wortlos umzudrehen und zu gehen.

Platz vier ist aller Ehren wert

Auch 2020 wird Chelsea, Heimvorteil im Hinspiel hin oder her, der defensiven Grundordnung große Beachtung schenken. Denn genau wie 2012 gelten die Engländer ungeachtet der in der Vor-Saison gegen den Stadtrivalen Arsenal gewonnenen Europa League - mit einem Sieg nach Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Eintracht Frankfurt - eher als Außenseiter.

Platz vier in der Premier League gilt gerade als das Höchste der Gefühle. Zur angestrebten direkten Qualifikation für die "Königskasse" könnte allerdings wegen des verhängten Ausschlusses von Manchester City auch Rang fünf reichen. Weiter nach oben geht wenig: Leicester auf Platz drei ist sechs Punkte weg, der Tabellenzweite Manchester City schon 13 Punkte. Und die Meisterschaft scheint ja ohnehin bereits zugunsten des FC Liverpool entschieden, der 32 Zähler Vorsprung auf Chelsea hat.

Transfersperre tut weh

Dass der Klub aus dem Südwesten der englischen Hauptstadt keine höheren Ziele mehr anpeilen kann, hängt mit der vom Weltverband FIFA verhängten Transfersperre zusammen. Edeltechniker Eden Hazard wechselte für 100 Millionen Euro zu Real Madrid, Ersatz konnte nicht beschafft werden. Den Transfer von US-Nationalspieler Christian Pulisic hatte Chelsea schon vorab getätigt und formal im Winter 2019 abgewickelt.

Lampard, der insgesamt 13 Jahre dem Klub als Profi diente, machte aus der Not eine Tugend. Von Angreifer Tammy Abraham, der in der Premier League bei 13 Toren steht, über Mittelfeldmann Mason Mount, Innenverteidiger Fikayo Tomori bis zu dem vergeblich vom FC Bayern umworbenen Flügelflitzer Callum Hudson-Odoi, haben sich einige Talente unter Lampard freischwimmen können. Dass sich so viele Akteure Anfang 20 zu Leistungsträgern aufschwingen, hätte niemand gedacht. Und dass die jungen "Blues" teilweise risikoreichen Offensivfußball boten, macht die Story noch besser.

Abramowitsch lebt inzwischen in Israel

Der für seine Ungeduld berüchtigte Roman Abramowitsch beobachtet vieles nur noch aus der Ferne. Denn der russische Milliardär hält sich nicht mehr in London auf: Nachdem sein britisches Visum ausgelaufen ist, ist der 51-Jährige nach Israel abgewandert und hat die israelische Staatsbürgerschaft angenommen. Die diplomatischen Verwicklungen zwischen Großbritannien und Russland in der Affäre um den Spion Sergej Skripal hatten auch andere russische Oligarchen und Geschäftsleute getroffen.

Viele haben seitdem den Wohnsitz gewechselt. Abramowitsch lebt nach Angaben der englischsprachigen Internetzeitung "The Times of Israel" in einem Herrenhaus in Tel Avivs Künstler- und Gründerviertel Neve Tzedek. Als neuer Staatsbürger muss er auf Einnahmen keine Steuern zahlen, die er zehn Jahre lang im Ausland verdient hat und muss die Quellen auch nicht offenlegen. Bis seine Visaprobleme begannen, hatte Abramowitsch in London kaum ein Spiel seiner "Blues" versäumt. Auch der Klubbesitzer dürfte gespannt sein, wie der Lackmustest auf der großen Bühne gegen Bayern München ausgeht.

Schwachstelle zwischen den Pfosten

Sportlich scheint eine entscheidende Schwachstelle bei Chelsea die frühere Cech-Position zu sein: Weder der argentinische Keeper Willy Caballero noch der spanische Schlussmann Kepa genügen höchsten Ansprüchen.

Zuletzt hatte Lampard auf den bereits 38-jährigen Caballero gesetzt. Der 13 Jahre jüngere Kepa trägt zwar das 80-Millionen-Preisschild aus seinem Wechsel von Athletic Bilbao, doch der Baske bewies bislang nicht, so viel wert zu sein. Und eine Weigerung, sich beim Ligacupfinale im Vorjahr auswechseln zu lassen, brachte ihn zusätzlich in Misskredit.

Eine erhebliche Schwächung stellt der Ausfall von N'Golo Kante dar, der als Ordnungshüter im zentralen Mittelfeld das Lampard-Erbe verwaltet. Der französische Weltmeister fällt wegen einer Muskelverletzung aus. Bei optimalem Heilungsverlauf sollte ein Einsatz im Rückspiel in München am 18. März möglich sein. Nicht völlig abwegig übrigens, dass dann wieder Elfmeter geschossen werden müssen. Lampard könnte in diesem Fall wirklich aus dem Nähkästchen plaudern, wie es gegen Neuer geht.

Stand: 24.02.2020, 11:21

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