Kommentar - Die UEFA sagt statt "no" eher "jein" zu Rassismus

Istanbuls Co-Trainer Pierre Webó (R) wird des Platzes verwiesen

Champions League

Kommentar - Die UEFA sagt statt "no" eher "jein" zu Rassismus

Von Philipp Awounou

Die Vorfälle rund um das Champions-League-Spiel in Paris am Dienstagabend (08.12.2020) offenbaren, wie vielschichtig das Thema Rassismus ist, sagt Sportschau-Autor Philipp Awounou. Den Europäischen Fußballverband UEFA sieht er trotzdem in der Verantwortung.

Ist die Verwendung des rumänischen Wortes "negru" rassistisch? Die Diskussionen um den Zwischenfall beim Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Basaksehir zeigen wieder einmal, wie unterschiedlich die Auffassungen von Rassismus sind - und wie schwer es vielen Menschen fällt, auch bei diesem Thema in Grautönen und Abstufungen zu denken. Denn genau die gibt es hier.

Die Fakten - aus Ärger über ein Foul wird ein Rassismuseklat

Zunächst die Faktenlage: Nachdem sich Pierre Webó, Assistenztrainer bei Basaksehir, offenbar zu laut über ein Foulspiel beschwert hatte, wollte der Vierte Offizielle, Sebastian Coltescu, den Hauptschiedsrichter darauf aufmerksam machen. Um Webó gegenüber dem Spielleiter zu beschreiben, nutzte der Rumäne Coltescu mehrfach das rumänische Wort "negru". Das war über die Außenmikrofone gut zu hören.

Webó wähnte sich von diesem Ausdruck rassistisch beleidigt und reagierte erbost. Viele Beteiligte aus beiden Teams sprangen ihm bei, es kam zu Tumulten. Die Partie wurde zunächst unterbrochen, später endgültig abgesagt. 

"Négro" oder "negru"? Ein bedeutender Unterschied

Was diesen Fall zu allererst so kontrovers macht, sind die Vokale "o" und "u". Das rumänische Wort "negru" bezeichnen viele Muttersprachler als eine neutrale Bezeichnung für schwarze Menschen. Der französische Begriff "négro" hingegen entspräche im Deutschen dem N-Wort und gehört zu den schlimmsten Ausdrücken, mit denen man schwarze Menschen belegen kann. Webó ist Kameruner, spricht französisch und ging von Zweiterem aus. 

Coltescu wiederum beharrte darauf, das Wort "negru" ohne negative Intention gesagt haben zu wollen. Das ist durchaus möglich - und wäre definitiv besser als die Verwendung des offen rassistischen Begriffs "négro". Nichtsdestotrotz wäre der Referee gut beraten gewesen, dem Ex-Hoffenheimer Demba Ba ernsthaft zuzuhören, als dieser ihm erklärte, warum seine Wortwahl dennoch problematisch ist. 

Hätte der Vierte Offizielle auch "der Weiße da" gesagt?

"Du sagst nie: dieser weiße Typ. Du würdest sagen: dieser Typ", so Ba. "Warum aber sagst du, wenn es um Schwarze geht: dieser schwarze Typ?"

Natürlich ist die Hautfarbe (und die damit verbundene Herkunft) ein auffälliges äußeres Merkmal. Sie ist aber auch ein Merkmal, das mit zahlreichen Zuschreibungen und Vorurteilen belegt ist. Indem Coltescu Webó als "Schwarzen" bezeichnete, rückte er dessen Fehlverhalten in einen Kontext mit seiner Herkunft. Diese Verknüpfung gibt seiner Wortwahl einen rassistischen Unterton und bedient diskriminierende Stereotype. 

In einem anderen Kontext könnte der Begriff wohl ohne weitere Folgen verwendet werden. Wobei durchaus fraglich ist, wie unbelastet das Wort "negru" im Rumänischen tatsächlich ist: Es wird von einer Gesellschaft verwendet, in der schwarze Menschen eine extreme Minderheit darstellen und die Tonalität der Diskurse nicht mitbestimmen. Negru stammt zudem als Personenbeschreibung – genau wie die ähnlich klingenden Begriffe in Frankreich, Spanien oder Deutschland – aus einer Zeit, in der schwarze Menschen versklavt, kolonisiert und entmenschlicht wurden.

Wie rassistisch ist "negru" im Rumänischen?

Wie neutral dieser Begriff im Rumänien des 21. Jahrhunderts verwendet werden kann, scheinen beim genaueren Hinsehen viele Landeskenner selbst nicht zu wissen. Das zumindest geht aus einigen Gesprächen mit rumänischen Muttersprachlern hervor, die ich wegen der Vorfälle in Paris geführt habe. Die Einschätzungen reichen von einer kompletten Bejahung bis zu einer vehementen Verneinung des Rassismusbezugs. Am vielleicht treffendsten formulierte es der schwarze rumänische Boxer Benny Adegbuyi, der sagte: "Negru ist nicht wirklich neutral, aber auch nicht wirklich rassistisch."

Diese Antwort mag nicht sonderlich befriedigend klingen, aber sie liegt vermutlich näher an der Wahrheit als der Vorwurf, Coltescu sei ein Vollblut-Rassist oder aber das Wort "negru" vollkommen unverfänglich.

Ein Vierter Offizieller muss es besser wissen

Ganz unabhängig davon jedoch, wie belastet oder unbelastet der Begriff ist - und wie bewusst rassistisch Coltescus Wortwahl war oder nicht: Von einem Vierten Offiziellen auf Champions-League-Niveau sollte man schlicht erwarten, dass er einen Spieler, Trainer oder Betreuer mit anderen Merkmalen beschreiben kann als Herkunft oder Hautfarbe - insbesondere bei einem Fehlverhalten. Schließlich gehört es zu dessen Kernaufgaben, deeskalierend auf das Geschehen an der Seitenlinie, vor allem auf die Trainer, einzuwirken. 

Mit seiner Reduzierung Webós auf dessen Aussehen und dem beinahe trotzigen Auftreten im Anschluss bewirkte Coltescu das Gegenteil. Und die UEFA, die sich lange bemühte, Coltescu weiter einzusetzen und Basaksehir von seinem Boykott abzubringen, zeigte mit ihrer Reaktion, dass sie abseits von Werbebannern und Imagefilmen eher "jein" als "no" zu Rassismus sagt.

Stand: 09.12.2020, 19:01

Darstellung: