Juventus Turin - Pirlo und die Suche nach der (Offensiv-)Form

Andrea Pirlo

Champions League

Juventus Turin - Pirlo und die Suche nach der (Offensiv-)Form

Von Marco Schyns

Der neue Juventus-Coach Andrea Pirlo sucht noch nach seinem idealen Offensiv-System. Seine Ansagen sollen mitunter für Verwirrung sorgen. Wenn die Turiner in der Champions League ein Wort mitreden wollen, müssen sie bald ihre Topform finden.

Es war Alvaro Morata, der Juventus Turin - und damit auch seinen Trainer Andrea Pirlo - vor einer Blamage bewahrt hatte. Sein Kopfball in der 92. Minute beim Champions-League-Spiel gegen Ferencvaros Budapest sorgte für einen glücklichen 2:1-Erfolg am vergangenen Dienstag (24.11.2020). Dritter Sieg im vierten Spiel, Achtelfinal-Einzug perfekt. Ende gut, alles gut?

Nicht so ganz. Zwar geht es in den verbleibenden zwei Champions-League-Spielen (am Mittwoch gegen Dynamo Kiew und zum Abschluss in Barcelona) "nur" noch um den Gruppensieg, aber das Duell mit dem ungarischen Außenseiter legte offen, wo die Probleme von "Juve" in dieser Saison liegen.

Juventus schießt zu wenig Tore

Zwei Tore pro Spiel schießt das Team von Pirlo in dieser Saison - wettbewerbsübergreifend. Acht sind es in vier CL-Spielen, deren 18 in neun Ligaspielen. Alleine in der Serie A sind fünf Teams treffsicherer. Der neue Coach des Serienmeisters hat es noch nicht geschafft, ein Offensivsystem zu etablieren, das zum einen die Abwehrreihen der Gegner aushebelt und zum anderen auch bei einem Ausfall des 35-jährigen Cristiano Ronaldo funktioniert. Fast die Hälfte aller Ligatore gehen auf das Konto des Portugiesen.

Die Offensivspieler Paulo Dybala, Federico Chiesa, Federico Bernardeschi und Giacomo Vrioni sind alle noch torlos. Eine erschreckende Bilanz. Vor allem Superstar Dybala kommt unter Pirlo nicht in Form, sitzt häufig nur auf der Bank. Einzig der bereits angesprochene Morata (3 Ligatore) und das 20-jährige Supertalent Dejan Kusulevski (2 Ligatore), vor der Saison aus Parma gekommen, überzeugen in Juventus‘ Offensive.

Da überrascht es umso mehr, dass Kusulevski zu jenen Profis gehört, die sich laut einem italienischen Medienbericht kritisch zu Pirlos bisherigem Engagement geäußert haben. Wie der "Corriere della Sera" berichtet, würden weder er noch Dybala verstehen, was Pirlo von ihnen fordert. Die Zeitung spricht außerdem von Unmut über "Sonderrechte" für Ronaldo. Ein Beispiel: Ronaldo darf offenbar selbst entscheiden, bei welchen Spielen er dabei ist. Gegen Kiew könnte er pausieren, im Stadtderby gegen Torino am Samstag (05.12.2020) wird er aller Voraussicht nach dabei sein.

Pflichtsiege gegen Kiew und Torino

Nur zwei Siege würden Pirlo helfen, die Diskussionen um seine Person und seinen Coaching-Stil nicht weiter anzuheizen. Zumal sich die "Alte Dame" in der Liga nicht mehr allzu viele Ausrutscher erlauben darf. Nach neun Spielen hat Juventus öfter unentschieden (5 Mal) gespielt als gewonnen (4 Mal). Immerhin ist man neben dem AC Mailand das einzig ungeschlagene Team. Milan hat bereits fünf Punkte mehr auf dem Konto und gilt nicht nur wegen der Treffsicherheit von Zlatan Ibrahimovic als Meisterschaftskandidat.

Alles andere als der erneute Titel wäre für Juventus eine große Enttäuschung. Es gehört zum Selbstverständnis, die nationale Meisterschaft zu gewinnen. Vergleichbar mit dem FC Bayern in Deutschland. Ex-Trainer Maurizio Sarri wurde nach der vergangenen Saison entlassen - trotz Meistertitel. Er hatte das Pokal-Endspiel gegen Neapel verloren und war wegen der Auswärtstorregel in der Champions League an Olympique Lyon gescheitert.

Es ist der Titel, nach dem man sich in Turin so sehr sehnt - und damit eine weitere Parallele zum FC Bayern aufweist. Weil man die Liga seit Jahren nach Belieben dominiert und oftmals schon Wochen vor Saisonende den Titel inne hat, bleiben Pokal und Champions League als Herausforderungen.

Ziel: Champions-League-Titel

Angesichts der aktuellen Form scheint der Titel in der Königsklasse aber momentan weiter weg als in den vergangenen Spielzeiten. Der Kader hat dennoch durchaus das Potenzial, zumal Ronaldo auch mit 35 Jahren zu den besten der Welt gehört und Spiele alleine entscheiden kann. Sein Vertrag läuft noch bis zum Ende der kommenden Saison. So gesehen also bleiben noch zwei Versuche, mit dem Superstar den ersten CL-Titel seit 1996 zu gewinnen.

Die bislang letzte Endspielteilnahme liegt übrigens fünfeinhalb Jahre zurück. Im Juni 2015 unterlag Turin dem FC Barcelona mit 1:3 im Olympiastadion in Berlin. Pirlo war damals Mittelfeld-Chef - und Morata der einzige Torschütze von Juventus.

Stand: 02.12.2020, 05:00

Darstellung: