Die Südtribüne von Borussia Dortmund - bald auch in Europa mit Stehplätzen

Zur Saison 2022/23 UEFA erlaubt wieder Stehplätze im Europapokal

Stand: 27.07.2022 19:26 Uhr

Das UEFA-Exekutivkomitee hat dem Vorschlag zugestimmt, wieder Stehplätze im Europapokal zuzulassen - testweise. In Deutschland, England und Frankreich ist Stehen für Fans in der Saison 2022/23 damit möglich. Die Maßnahme gilt zunächst für eine Saison.

Von Chaled Nahar

Die Mitglieder des Exekutivkomitees der UEFA sprachen sich am Dienstag (26.07.2022) für die vorläufige Rückkehr der Stehplätze aus, wie die UEFA mitteilte. Zuvor hatte die Sportschau darüber berichtet. Demnach soll es zunächst eine Saison lang in den Stadien der Europapokalteilnehmer aus England, Deutschland und Frankreich erlaubt sein, in den europäischen Klub-Wettbewerben Champions League, Europa League und Europa Conference League Stehplätze anzubieten.

Für Gästefans soll Stehen demnach möglich sein, wenn die Klubs das wollen. Klubs aus Spanien und Italien hätten auch die Erlaubnis bekommen, aus diesen Ländern verfügt derzeit aber keiner der Europapokalteilnehmer über Stehplätze. Die Maßnahme ist ein "Beobachtungsprogramm" der UEFA. Bei einem erfolgreichen Verlauf könnte die Erlaubnis für Stehplätze verlängert und auf andere Länder ausgeweitet werden. Es wäre das Ende des seit Jahrzehnten geltenden Sitzplatzgebots bei internationalen Spielen der UEFA.

"Historischer Sieg für die europäische Fanbewegung"

Das Fan-Bündnis Football Supporters Europe (FSE) sprach von einem "historischen Sieg für die europäische Fanbewegung". Jahrelang hatten Fans die Abschaffung des Stehplatzverbots gefordert. "Fanorganisationen aus dem ganzen Kontinent haben sich lange dafür eingesetzt, dass die UEFA ihr veraltetes Stehverbot in Fußballstadien aufhebt", teilte FSE mit und forderte eine "vollständige Neubewertung" der Stehplatzfrage.

Rund 25.000 Stehplätze auf Dortmunds Südtribüne möglich

Ein wichtiges Detail: Stehplätze sollen bei den betreffenden Europapokalspielen "in Übereinstimmung mit nationalen und lokalen Gesetzen" möglich sein. Die Südtribüne von Borussia Dortmund beispielsweise könnte daher in der Champions League wie in der Bundesliga mit rund 25.000 stehenden Fans gefüllt werden. Die meisten Bundesligisten bauten in der Vergangenheit ihre Stehplatztribünen für die Spiele in Europa bislang kurzfristig mit Sitzplatzmodulen um. Der BVB und Eintracht Frankfurt bestätigten bereits, mit einer Auslastung ihrer Stadien wie in der der Bundesliga zu planen.

"Das ist eine großartige Nachricht. Die Stehplätze sind ein wichtiger Teil unserer Fußballkultur", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Borussia Dortmund habe sich in den vergangenen Jahren hinter den Kulissen intensiv für eine Erlaubnis von Stehplatztribünen in internationalen Wettbewerben eingesetzt. "Alle Fans bitte ich darum, verantwortungsbewusst mit dieser Chance in der nächsten Spielzeit umzugehen."

Stadien deutscher Europapokalteilnehmer 2022/23
Wettb. Klub Kapazität davon Stehplätze
CL Bayern München 75.024 15.794
CL Borussia Dortmund 81.365 28.673
CL Bayer Leverkusen 30.210 4.500
CL RB Leipzig 47.069 14.161
CL Eintracht Frankfurt 51.500 9.300
EL Union Berlin 22.012 18.395
EL SC Freiburg 34.700 12.400
ECL 1. FC Köln 50.000 8.175

Union Berlin könnte in der Europa League durch die Maßnahme der UEFA auf einen Umzug in das Olympiastadion verzichten. Das Verhältnis von Steh- zu Sitzplätzen ist bei Union ein ungewöhnliches: Mehr als 18.000 Stehplätze gibt es an der Alten Försterei, aber weniger als 4.000 Sitzplätze. "Die historische Chance, Europapokalabende an der Alten Försterei zu erleben, wollen wir unbedingt nutzen. Die infrastrukturellen Anpassungen, die dafür notwendig sind, werden wir schnellstmöglich mit der Stadionkommission der UEFA diskutieren und umsetzen", sagte Union-Präsident Dirk Zingler laut einer Klubmitteilung.

Viele Stehplätze, kaum Sitzplätze: Die Alte Försterei von Union Berlin

Viele Stehplätze, kaum Sitzplätze: Die Alte Försterei von Union Berlin

Regelung gilt ab den Gruppenphasen - und nicht in den Endspielen

Die Regelung gilt erst ab den Gruppenphasen der drei Wettbewerbe. Den Fans des 1. FC Köln steht in der Conference League der Play-offs also noch ein Spiel im Sitzen bevor, erst danach könnten auch sie im Erfolgsfall Stehplätze nutzen. Alle anderen deutschen Europapokalteilnehmer stehen bereits in den Gruppenphasen der Champions League oder Europa League. Für die drei Endspiele in Istanbul (Champions League), Budapest (Europa League) und Prag (Conference League) gilt die Änderung nicht.

Im Juni 2018 war die UEFA beim Thema Alkohol ähnlich vorgegangen. Damals wurde das generelle Verbot bei UEFA-Wettbewerben aufgehoben und seitdem das zugelassen, was in dem jeweiligen Land gesetzlich und durch lokale Behörden möglich ist - so wie nun vorläufig bei den Stehplätzen.

Länderspiele zunächst weiter mit Sitzplatzpflicht

Länderspiele sind zunächst nicht in die Regelung zur Rückkehr der Stehplätze einbezogen. Die deutsche Nationalmannschaft spielt am 23. September in London (Wembley) gegen England und am 26. September in Leipzig gegen Ungarn ihre beiden letzten Gruppenspiele in der Nations League.

Der DFB hatte in einem für März 2020 geplanten Test gegen Italien in Nürnberg erstmals bei einem Länderspiel wieder Stehplätze eingeplant. Stehplätze gehörten in Deutschland fest zum Stadionerlebnis, sagte der damalige DFB-Präsident Fritz Keller im Vorfeld des angesetzten Spiels: "Das darf bei der Nationalmannschaft, die Anhänger aus allen Gruppen der Gesellschaft hat, nicht anders sein." Der Beginn der Coronavirus-Pandemie verhinderte aber die Austragung des Spiels.

Stehen derzeit in England und Frankreich teilweise möglich

In England wurde in der vergangenen Saison das sogenannte "Safe Standing" eingeführt. Auch mehrere Spitzenklubs wie Manchester City, Manchester United, der FC Liverpool, der FC Chelsea oder Tottenham Hotspur sowie in Bezug auf Länderspiele das Wembley-Stadion beteiligen sich an dem Modell. In Italien und Spanien gibt es derzeit in den obersten Ligen mit wenigen Ausnahmen wie Athletic Bilbao kaum Stehplätze. In Frankreich sind seit 2018 wieder Stehplätze erlaubt, dort waren sie seit den 90ern gesetzlich verboten.

Ein Block für "Safe Standing" beim FC Chelsea

Ein Block für "Safe Standing" beim FC Chelsea

Katastrophen: Stehplätze wurden in der Politik als mitursächlich betrachtet

Seit Jahrzehnten gilt bei internationalen Spielen eine Pflicht zum Sitzplatz. Im Zuge der Katastrophen von Heysel in Belgien 1985 mit 39 getöteten Menschen und Hillsborough 1989 mit 97 Toten wurden die Stehplätze in der Politik als mitursächlich betrachtet, obwohl später bauliche Zustände der Stadien, die Organisation oder das Versagen von Polizei und Sicherheitskräften als Gründe ermittelt wurden.

In England verschwanden die Stehplätze aus den Stadien nach dem sogenannten "Taylor Report" im britischen Parlament. Dieser Bericht eines Parlamentariers enthielt mit Blick auf Hillsborough als Hauptforderung die vollständige Beseitigung aller Stehplatzbereiche. Die UEFA übernahm 1998 dieses Prinzip. Vor allem unter der Präsidentschaft Michel Platinis von 2007 bis 2015 gab es in der UEFA wenig Gesprächsbereitschaft zu dem Thema. Platini stand 1985 als Spieler von Juventus Turin in Heysel auf dem Platz und verband den Tod der Menschen stets auch mit den Stehplätzen.

Aktive Fangruppen verhinderten generelle Einführung von Sitzplätzen in Deutschland

Auch in Deutschland wurde in den 90ern zwischenzeitlich die generelle Einführung von Sitzplätzen erwogen. Dem Einsatz und dem Protest aktiver Fangruppen zahlreicher Klubs in Deutschland folgte jedoch eine Abkehr von dem Vorhaben. Auch im Zuge des Neubaus und der Renovierung vieler Stadien rund um die WM 2006 blieben die Stehplätze erhalten. Fast alle Stadien im deutschen Profifußball haben aktuell Stehplätze.