Istanbul Basaksehir - die Zwölf ist für Erdogan reserviert

Recep Tayyip Erdogan (m.) mit einem Trikot von Istanbul Basaksehir. Neben ihm Vereinspräsident Göksel Gümüsdag (2.v.l.)

Champions League

Istanbul Basaksehir - die Zwölf ist für Erdogan reserviert

Von Tim Beyer

Istanbul Basaksehir ist türkischer Meister und spielt in der Champions League, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gefällt das sehr. Die Mächtigen bei Basaksehir sind Erdogans Freunde.

Womöglich werden die Fernsehkameras vor dem Champions-League-Spiel zwischen Istanbul Basaksehir und Manchester United am Mittwochabend (04.11.2020) die Leere filmen, dort, wo sonst die Zuschauer sitzen. Man sieht das in diesen Tagen oft. Manchmal führt ein solcher Schwenk hoch zu den Ehrentribünen, dort sieht man mitunter tatsächlich ein paar Gesichter, es sind oft bekannte darunter. In Istanbul könnte das von Recep Tayyip Erdogan zu sehen sein.

Der 66-jährige Erdogan ist der Präsident der Türkei und ein großer Fußballfan. Zu Istanbul Basaksehir hat er eine besondere Beziehung. Die Mächtigen dort sind seine Freunde, viele von ihnen stehen Erdogans Regierungspartei AKP nahe. Erdogan weiß, welche Macht der Fußall hat, und er weiß das zu nutzen.

Erdogan mit Messi verglichen

Recep Tayyip Erdogan (r.) im Trikot von Istanbul Basaksehir

Recep Tayyip Erdogan (r.) im Trikot von Istanbul Basaksehir

Als an einem Tag im Juli 2014 das neue Stadion von Basaksehir eingeweiht wurde, traten zwei Teams gegeneinander an, von denen das eine in Orange spielte und mit Erdogan. Drei Tore erzielte er, eines mit einem feinen Außenristschuss gegen Volkan Babacan, damals Nationaltorhüter der Türkei. Im Stadion und vor den Fernsehern staunten die Menschen über einen Politiker, der nun auch noch schöne Tore erzielte. Und die Zeitung "Daily Sabah" verglich Erdogan gar mit Lionel Messi. Kurz darauf wurde Erdogan vom Premierminister zum Präsidenten gewählt.

Die Nummer zwölf wird nicht mehr vergeben

Das Trikot mit der Nummer zwölf, das Erdogan an jenem Abend vor bald sechseinhalb Jahren trug, wird bei Basaksehir seitdem nicht mehr vergeben. Und im Eingangsbereich des Vereinsgeländes hängt ein Porträt von ihm, es ist kaum zu übersehen.

Natürlich ist das nur eine Episode in der Erzählung über den Fußballverein Istanbul Basaksehir, doch sie zeigt, dass die Beziehung zu Recep Tayyip Erdogan keine ganz gewöhnliche ist. Hauptsponsor und Namensgeber des Vereins ist der Krankenhausbetreiber Medipol, dessen Inhaber als enger Vertrauter Erdogans gilt.

Der Vereinsboss Göksel Gümüsdag ist mit einer Nichte von Erdogans Frau verheiratet, natürlich ist er AKP-Mitglied. Gümüsdag hat einmal gesagt: "Es ist normal, dass die Mannschaft mit unserem Staatspräsidenten in Verbindung gebracht wird. Das macht uns glücklich."

Erdogan gratuliert via Twitter

Ursprünglich war Basaksehir mal als Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung gegründet worden und 2007 als Istanbul BB in die Süper Lig aufgestiegen. Istanbul Basaksehir - unter diesem Namen spielt der Klub erst seit 2014. Es war der Beginn eines sportlichen Aufstiegs, vor einigen Monaten wurde man erstmals Meister.

Es ist das vorläufige Ende der sportlichen Vormachtstellung der Stadtrivalen Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray, die zwischen 1985 und 2019 nur in einer Saison nicht den Meister gestellt hatten. Der Gewinn der Meisterschaft stand erst wenige Minuten fest, da twitterte Erdogan schon: "Ich gratuliere dem Meister 2019/20 Basaksehir FK und seinen Unterstützern von Herzen."

Kritik auch aus Deutschland

Nicht allen in der Türkei gefällt diese Entwicklung, auch aus Deutschland kommt Kritik. "Basaksehir ist ein Retortenverein, er steht bildlich für den Umbau der Türkei zu einer gleichförmigen Gesellschaft, die um den Präsidenten Erdogan herum gebaut wird", sagte der Grünen-Politiker Cem Özdemir im Oktober der Zeitung "Welt am Sonntag".

Tatsächlich gibt es seit den Gezi-Protesten 2013 immer wieder Meldungen über Repressionen gegen Menschen, die nicht der Ideologie der AKP folgen möchten. Es gibt dafür viele Beispiele, auch aus dem Sport. Der Basketballer Enes Kanter etwa wird von der türkischen Regierung als Terrorist verfolgt, weil er Präsident Erdogan kritisiert hatte. Kanter setzt sich für die so genannte Gülen-Bewegung ein, ein Held ist er deshalb eher nicht.

Erdogan ist das egal, er wendet im Sport die gleichen Regeln wie überall in der Türkei an: Wer sich gegen ihn stellt, ist sein Feind. Und Feinde haben es nicht leicht. Nun ist Erdogan natürlich nicht Istanbul Basaksehir, er hat dort auch kein offizielles Amt. Doch sein Einfluss auf den Verein ist groß.

Fehlstart in die Champions League

Wenn der Klub am Mittwochabend (04.11.2020) in der Champions League gegen Manchester United spielt, bleibt Erdogan allerdings Zuschauer, vielleicht ja im Stadion. Er wird dann keine Außenristtore erzielen, das müssen schon die Spieler richten. Überhaupt käme wohl jedes Tor gelegen, es müsste nicht mal ein schönes sein: Bislang hat Basaksehir beide Vorrundenspiele verloren, bei einem Torverhältnis von 0:4.

Edin Visca von Istanbul Basaksehir (l.) im Duell mit Kylian Mbappé von PSG

Edin Visca von Istanbul Basaksehir (l.) im Duell mit Kylian Mbappé von PSG

Der Trainer Okan Buruk hat zuletzt oft eine Startelf nominiert, deren Durchschnittsalter bei über 30 Jahren lag. Es spielen einige bekannte Spieler für Basaksehir, etwa der Rechtsverteidiger Rafael, der einst sieben Jahre für ManUnited aufgelaufen war, und der Innenverteidiger Martin Skrtel, der lange beim FC Liverpool unter Vertrag stand. Doch der Star des Teams ist ein Spieler, den außerhalb der Türkei nur Experten kennen: Edin Visca, 30, Nationalspieler von Bosnien-Herzegowina und seit neun Jahren bei Basaksehir.

Visca, der sich in einem 4-2-3-1 oft als Freigeist auf Rechtsaußen austoben darf, hat in 356 Pflichtspielen für den Klub 103 Tore erzielt und 99 Treffer aufgelegt. Nur in der Champions League blieb er bislang wirkungslos. Das Heimspiel gegen die "Red Devils" wäre ein guter Zeitpunkt, um dies zu ändern. Das würde sicher auch Recep Tayyip Erdogan gefallen.

Stand: 04.11.2020, 02:00

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