UEFA statt FIFA auf der Brust - Machtkampf auf den Trikots der Schiedsrichter

Schiedsrichter Felix Brych mit UEFA- und FIFA-Logo

Champions League und Europa League

UEFA statt FIFA auf der Brust - Machtkampf auf den Trikots der Schiedsrichter

Von Chaled Nahar

Die Schiedsrichter tragen bei den Spielen der Europa League und der Champions League nicht mehr den Schriftzug der FIFA auf der Brust, sondern den der UEFA. Es ist nur eine optische Änderung - doch die ist Teil eines größeren Konflikts.

"UEFA Match Official" stand auf dem Trikot von Felix Brych, als er das Halbfinale der Europa League in Köln zwischen Manchester United und dem FC Sevilla leitete. Die linke Brusttasche des Schiedsrichters war in solchen Spielen bislang stets für das Logo der FIFA vorgesehen, denn für die Leitung eines Europapokalspiels müssen Schiedsrichter auf der FIFA-Liste stehen, so wie es bei Brych der Fall ist.

Doch zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Europa League und der Champions League war der Schriftzug des Weltverbands von den Trikots aller Schiedsrichter verschwunden - zu Gunsten eines UEFA-Logos. Warum?

UEFA grenzt sich von der FIFA ab

"Das neue Schiedsrichter-Logo soll in UEFA-Wettbewerben getragen werden, um klar zu zeigen, dass es sich um UEFA-Wettbewerbe handelt", teilt die UEFA auf Anfrage der Sportschau mit. Zehn Tage und drei Nachfragen brauchte es für diese kurze Antwort. Aber geht es der UEFA wirklich um Sichtbarkeit und Marketing? Oder eher um eine Machtdemonstration gegenüber der FIFA? Denn mit dem Logo grenzt sich die UEFA weiter vom Weltverband ab, der jahrzehntelang seinen Platz auf den Trikots hatte.

Öffentlich scheint der UEFA das Thema fast unangenehm zu sein. In sozialen Netzwerken weist sie zurzeit nahezu täglich darauf hin, dass die Trikots der Spieler Danksagungen an die Hilfskräfte in der Coronakrise zieren. Im Gegensatz dazu erklärt die UEFA nirgends die fundamentale Änderung während der laufenden Saison auf den Schiedsrichtertrikots: in keinem Tweet, in keiner Pressemitteilung, in keinem Mitgliedermagazin.

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Schiedsrichter nicht informiert, FIFA schweigt

Eine größere interne Kommunikation fand offenbar auch nicht statt, denn die Unparteiischen selbst kennen keine Hintergründe der Änderung. "Unseren Schiedsrichtern wurden nur die neuen Logos zugeschickt - mit dem Hinweis, dass diese ab sofort in den Klub-Wettbewerben zu tragen seien", sagt DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich im Gespräch mit der Sportschau. "Mehr wissen wir auch nicht."

Und was sagt der Weltverband dazu? "Die FIFA kommentiert das momentan nicht", hieß es auf eine Anfrage der Sportschau.

Vorgehen nicht abgesprochen - und ein Teil des Konflikts

Die Frage, ob das Vorgehen abgestimmt war, ließen beide Organisationen unbeantwortet. Informationen der Sportschau zufolge gab es aber keinerlei Absprache zu dem Thema. Die Änderung der Schiedsrichtertrikots erfolgte einseitig durch die UEFA. Die Art der Einführung und der Kommunikation dazu deuten klar darauf hin: Das Schiedsrichter-Logo ist nun einer von vielen Teilen des ewigen Streits zwischen UEFA und FIFA.

"Der Konflikt zwischen beiden Organisationen ist größer, als die meisten annehmen", sagt Sportschau-Experte Robert Kempe. "Mit seiner Rede beim UEFA-Kongress hat beispielsweise UEFA-Präsident Aleksander Ceferin den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino im März deutlich angegriffen." Ceferin sprach damals klar in Richtung Infantino, dass "Funktionäre nicht die Stars des Spiels sind, sondern nur die Wächter".

Für die UEFA wildert die FIFA in ihrem Geschäftsfeld

Ein anderes aktuelles Beispiel: Gegen den Willen und die Empfehlung der FIFA stimmte die UEFA Ende Juni gemeinsam mit der südamerikanischen Konföderation CONMEBOL bei der Vergabe der Frauen-WM 2023 für Kolumbien und nicht für die gemeinsame Bewerbung aus Neuseeland und Australien. Die gegenseitige Blockadehaltung zwischen FIFA und UEFA bei Abstimmungen ist legendär. Auch auf vielen unteren Ebenen zeigt sich der Konflikt, nicht zuletzt im Schiedsrichterwesen: Die FIFA trieb den Video-Assistenten mit Wucht voran, die UEFA trat bei diesem Thema lange auf die Bremse.

Aktuell geht es zwischen UEFA und FIFA aber vor allem um die neue große Klub-WM mit 24 Mannschaften, die FIFA-Präsident Infantino einführen will. Das Geschäft mit den Klubs in Europa gehört nach ihrem Selbstverständnis aber der UEFA - mit der Champions League und der Europa League. In genau diesen Wettbewerben nimmt die UEFA der FIFA nun die mediale Sichtbarkeit auf den Schiedsrichtertrikots - und sorgt damit für Exklusivität der Marke UEFA.

UEFA verzichtet auf Kompromisslösung

Mit zwei Logos auf der Brust: Schiedsrichter Nestor Pitana in der Copa Libertadores in Südamerika

Mit zwei Logos auf der Brust: Schiedsrichter Nestor Pitana in der Copa Libertadores in Südamerika

Wenn es alleine um Marketing ginge, wäre eine harmonische Lösung möglich gewesen. Die UEFA hätte sich als Veranstalter der Wettbewerbe auch auf der rechten Brustseite sichtbar machen und das FIFA-Logo an seinem Platz belassen können. So gehen beispielsweise die asiatische und südamerikanische Konföderation in ihren Wettbewerben vor. Auf der Trikotbrust der Schiedsrichter kleben dort beide Logos: rechts das der Konföderation, links das der FIFA.

Bei der UEFA bleibt die rechte Brustseite aber weiterhin frei. Auch auf dem bislang leeren rechten Ärmel der Schiedsrichter wäre Platz gewesen. Doch stattdessen tilgt die UEFA das FIFA-Logo aus den UEFA-Wettbewerben - es ist ein deutliches Zeichen von Eigenständigkeit.

Keine Folgen für die Schiedsrichter

Für die Schiedsrichter ändert sich abgesehen von ihrer äußeren Erscheinung nichts. Ein Platz auf der FIFA-Liste bleibt die Voraussetzung für die Spielleitung im Europapokal, so wie es in den Regularien der Champions League und der Europa League steht. Das Logo auf dem Trikot ist dabei nicht wichtig.

"Das FIFA-Logo ist für die Schiedsrichter aber eine Auszeichnung, dahinter steckt jahrelange Arbeit", sagt Alex Feuerherdt vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben". "Es zeigt an, dass der betreffende Unparteiische weltweit Fußballspiele leiten darf." Aus Deutschland stehen derzeit zehn Schiedsrichter und vier Schiedsrichterinnen auf der FIFA-Liste. Diese Liste wird einmal im Jahr veröffentlicht, der oder die Unparteiische darf das Logo mit der jeweiligen Jahreszahl dann auf dem Trikot tragen - eigentlich.

Eine Rückkehr zum alten Prinzip ist nicht in Sicht, im Gegenteil. In den Qualifikationsspielen zur neuen Saison im Europapokal ist das neue Logo auch schon auf den Trikots der Unparteiischen zu sehen.

Ein Schiedsrichter als "UEFA Match Official" in der Champions-League-Qualifikation 2020/21

Ein Schiedsrichter als "UEFA Match Official" in der Champions-League-Qualifikation 2020/21

Deutsche FIFA-Schiedsrichter*innen
Schiedsrichter*inFIFA-Liste seit
Deniz Aytekin2011
Felix Brych2007
Bastian Dankert2014
Christian Dingert2013
Marco Fritz2012
Riem Hussein2009
Harm Osmers2020
Daniel Siebert2015
Angelika Söder2015
Sascha Stegemann2019
Bibiana Steinhaus2005
Tobias Stieler2014
Karoline Wacker2017
Felix Zwayer2012

Stand: 20.08.2020, 09:16

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