Liverpools Trainer Jürgen Klopp streichelt Trent Alexander-Arnold den Kopf

Nach schwachem Saisonstart Klopps FC Liverpool und die Sache mit dem Druck

Stand: 03.10.2022 15:25 Uhr

Der Saisonstart des FC Liverpool ist misslungen. Platz neun in der Liga, ein knapper Sieg und eine deutliche Pleite in der Champions League. Zeit für Fehleranalyse bleibt Jürgen Klopp allerdings kaum - für die "Reds" stehen extrem wichtige Tage an.

Von Robin Tillenburg

Trent Alexander-Arnold ist in den vergangenen Wochen in den sozialen Medien zum Sündenbock auserkoren worden. Dem immer noch jungen Rechtsverteidiger wird vorgeworfen, er könne nicht verteidigen, sei nur offensiv einsetzbar. "Wenn er kein guter Verteidiger wäre, würde er nicht spielen", erklärte Alexander-Arnolds Trainer Jürgen Klopp zuletzt energisch und bemängelte fehlende Fairness in der Bewertung des 23-Jährigen. "Ich verstehe nicht, dass wir akzeptieren, dass ein Weltklasse-Talent an der einen Sache gemessen wird, in der es nicht ganz so weltklasse ist, wie in anderen Dingen", sagte Klopp.

Alexander-Arnold das "Sinnbild" für Liverpools Schwierigkeiten

Das Problem daran ist, dass Alexander-Arnold in dieser Saison mit seinen definitiv vorhandenen Patzern in der Defensive, sinnbildlich für das steht, was an der Anfield Road bisher schief läuft: Die Mannschaft macht gerade in der Abwehr zu viele Fehler. Eine Analyse, für die man wahrlich kein Experte sein muss. Man muss aber einer sein, um diese abzustellen. Dass Klopp dieser Experte ist, daran zweifelt man in Liverpool noch nicht.

"Ich bin hier im Moment noch am richtigen Ort, hundertprozentig", hatte er vor dem 3:3 gegen Brighton am Wochenende bei "Sky" gesagt, allerdings mit dem Zusatz: "Und wenn nicht, dann muss man es beenden. Es wäre ja doof, wenn man das nicht machen würde." Aber, betonte er, "alle Beteiligten sehen das nicht". Statt des Trainers ist dann eben ein junger Rechtsverteidiger, der beim Champions-League-Titel vor drei Jahren noch der große Shootingstar war, der Sündenbock der Fans und Medien.

Dass dieser "Mechanismus" nicht fair ist, zeigt sich allein beim Blick auf die drei Gegentore, die man gegen Brighton hinnehmen musste. Zwar sieht man da auch Alexander-Arnold in durchaus unglücklicher Rolle, aber auch Jordan Henderson, Fabinho oder Virgil van Dijk kommen zu spät oder gehen nicht energisch genug zum Ball. Weil aber Alexander-Arnold offensiv eigentlich bei den "Reds" eine so tragende Rolle spielt und nun eher durch defensive Aussetzer auffällt, ist es naheliegend, diese Diskrepanz anhand seiner Person herauszustellen. Denn auch das ist gerade sinnbildlich für das Spiel der Liverpooler.

Jürgen Klopp: "Es war schrecklich"

15:6 Abschlüsse, 9:2 Ecken, 55 Prozent Ballbesitz. Liverpool war gegen Brighton keinesfalls das unterlegene Team und das Offensivpotenzial der Mannschaft ist weiterhin enorm. Das unterstrichen nicht nur das 9:0 gegen Bournemouth vor einigen Wochen oder die schön herausgespielten ersten beiden Tore der Mannschaft gegen Brighton. Aber das Team schafft es momentan nicht, auch wegen zu vieler individueller Fehler, Klopps gewohntes Konzept umzusetzen. Steht beim Pressing nicht konsequent im Kollektiv gegen den Ball und leistet sich im Aufbauspiel zu viele Aussetzer. "Es war schrecklich, wirklich furchtbar anzuschauen", meinte Klopp nachher. "Wir standen nicht tief, haben aber auch nicht hoch angegriffen. Wir waren irgendwo dazwischen." 1,3 Gegentore bekommen die "Reds" momentan in der Liga pro Spiel. Vergangene Saison waren es am Ende etwa 0,7 - ein Anstieg um fast 100 Prozent.

Liverpools Trainer Jürgen Klopp

Liverpools Neuzugänge mit Problemen

Obwohl es vorne lange nicht so schlecht läuft wie hinten, muss man konstatieren: Der Abgang von Sadio Mané hat weh getan. Ersatzmann Darwin Nunez ist noch nicht richtig an der Anfield Road angekommen und insgesamt haben die Neuzugänge der letzten Transferperioden noch nicht gezeigt, dass sie das Team entscheidend verstärken können. Nunez, Arthur, Luis Diaz, Ibrahima Konaté und Diogo Jota haben zusammen über 200 Millionen Euro Ablöse gekostet, und bis auf Diaz spielt aktuell keiner von ihnen eine tragende Rolle - zu wenig, um als Mannschaft auf dem konstant hohen Niveau zu spielen, das in der Premier League und der Königsklasse benötigt wird.

Liverpools Darwin Nunez auf der Ersatzbank

Ganz wichtige Wochen: Rangers, Arsenal, Manchester City

In der geht es jetzt am Dienstag (04.10.2022) gegen die Glasgow Rangers. Die stehen mit 0:7 Toren und ohne Punkte nach zwei Spielen am Tabellenende der Gruppe A, Liverpool hat nach dem Sieg gegen Ajax Amsterdam und der Pleite gegen den SSC Neapel drei Zähler auf dem Konto. Ein Sieg ist also Pflicht, das weiß auch der Trainer: "Wir sind unter Druck, das ignorieren wir nicht. Wir vergrößern den Druck nicht täglich, aber er ist da." Denn die Rangers-Partie läutet eine Reihe von Spielen ein, in denen Liverpool den Gesamteindruck des Saisonstarts revidieren - oder verschlimmern kann.

Am Sonntag (09.10.22) geht es nämlich direkt gegen Liga-Tabellenführer FC Arsenal, dann wieder gegen die Rangers, dann gegen das übermächtig erscheinende Manchester City. Vier Partien, in denen drei oder mehr Siege ganz schnell wieder zu dem Selbstbewusstsein führen können, das gerade Mannschaften brauchen, die einen Spielstil wie den von Klopp, wegen seiner Aggressivität und Power einst "Heavy-Metal-Fußball" genannt, bevorzugen.

Sollte dieser kleine Zwischenspurt aber nicht gelingen und etwa drei der vier Partien verloren gehen, wäre man in der Liga wohl den Abstiegsrängen näher als dem internationalen Wettbewerb und stünde in der Champions League vor dem Aus. Dann würde sich der Druck auch ganz von selbst weiter vergrößern.