Champions League - Bloß keine Bruchlandung für die Bundesliga

Robert Lewandowski im Duell mit Virgil van Dijk

"Königsklasse" startet

Champions League - Bloß keine Bruchlandung für die Bundesliga

Von Frank Hellmann

Die Bundesliga ist im internationalen Wettstreit in der Champions League gefordert. Dass es wie im vergangenen Jahr für keinen Verein über das Achtelfinale hinausgeht, kann nicht der sportliche Anspruch einer Liga sein, die mehr als drei Milliarden Euro umsetzt.

Zahlen lügen nicht. Zumindest nicht die UEFA-Fünfjahreswertung, auf deren Grundlage immer noch die begehrten Europapokalplätze vergeben werden. Bevor es am heutigen Dienstag (17.09.2019) in der Champions League mit der Gruppenphase ernst wird, liegt Deutschland auf Rang drei.

Der Abstand zu England und seiner finanzstarken Premier League beträgt mittlerweile fast 16, zu Spanien und seiner sportlich herausragende La Liga sogar mehr als 27 Punkte. Das sind Hausnummern, die von der Bundesliga auch auf absehbare Zeit nicht wettzumachen sind.

Warnung vom DFL-Chef Seifert

Viel mehr geht es für das Quartett mit dem FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen darum, Italien und die Serie A auf Abstand zu halten. Denn die vier Bestplatzierten in diesem Ranking kommen ja in den Genuss, vier Fixstarter ohne jede Qualifikationshürde in die "Königsklasse" zu entsenden.

Broich und Polenz - der Ausblick auf die Champions League Sportschau 16.09.2019 09:47 Min. Verfügbar bis 16.09.2020 Das Erste

Aber reicht es, einfach nur mitzuspielen? Eigentlich nicht. Schon 2015 hatte Christian Seifert als der Geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Fußball-Liga (DFL) den Bundesliga-Managern beim Neujahrsempfang ins Gewissen geredet: "Mittel- bis langfristig wird es nur zwei, maximal drei große Fußball-Ligen geben, denen die Fans rund um den Globus folgen werden. Entweder wir gehören zu diesen zwei, drei großen Ligen - oder es wird eine andere Liga sein."

Schmerzliches Aus im Achtelfinale

Dafür sind aber Ausrufezeichen in der weltweit beachteten Champions League dringend nötig. Wer ab dem Viertelfinale vom Sofa diesem Wettbewerb zuschaut, gibt keine Trends auf dem Rasen vor.

Nur zur Erinnerung: Nicht nur der FC Bayern erhielt im Frühjahr vom FC Liverpool (0:0, 1:3) bereits im Achtelfinale eine Lektion, sondern parallel verabschiedeten sich der FC Schalke 04 gegen Manchester City (2:3, 0:7) und Borussia Dortmund gegen Tottenham Hotspur (2:3, 0:1) in diesem Frühstadium. Es war eine Bruchlandung im deutsch-englischen Leistungsvergleich, die sich nicht als Haltungs-, sondern offenbar als Qualitätsfrage offenbarte.

Titel ist kein realistisches Ziel mehr

Tatsache ist, dass kein deutscher Klub mehr den Titel als realistisches Ziel ausrufen kann. Von solch einem Anspruch scheint die Bundesliga ungefähr so weit entfernt wie die deutsche Hauptstadt Berlin vom türkischen Endspielort Istanbul, in dessen Atatürk Olympiastadion am 30. Mai 2020 das Finale stattfindet. Beim Branchenführer FC Bayern, immerhin Dritter in einem UEFA-Zehnjahresranking, geht die Sprachregel so, "einige K.o.-Runden mehr" zu erleben.

Demnach sollten die Münchner unter Trainer Niko Kovac also bis ins Halbfinale kommen, über das beispielsweise aber auch Pep Guardiola ab 2014 mit den Bayern nie hinauskam. Ein rein deutsches Finale, das immerhin 2013 im renommierten Londoner Wembleystadion Fußball-Europa beeindruckte, scheint mittlerweile utopisch.

Nagelsmann warnt vor Gefahren

"Die Gefahr besteht schon, dass Deutschland abgehängt wird", hat Julian Nagelsmann dem Fachmagazin "Kicker" gesagt. Der neue Cheftrainer von RB Leipzig ist beeindruckt von der Finanzkraft der Engländer ("nicht mit der Bundesliga zu vergleichen"). Deshalb seien doch Sebastian Haller von Eintracht Frankfurt zu West Ham United oder Joelinton von der TSG Hoffenheim zu Newcastle United gewechselt. Einerseits. Andererseits fielen die Entschädigungen in beiden Fällen so üppig aus, dass damit die Verluste aufzufangen sein sollten. Kluges Scouting und eine findige Transferpolitik vorausgesetzt.

Cheftrainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Benfica Lissabon.

Cheftrainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig

Die stolze spanische Punkteausbeute ist nicht allein auf die finanzielle Schlagkraft von Kalibern wie FC Barcelona, Real Madrid und Atletico zurückzuführen, sondern auch auf Vereine wie den dreimaligen Europa-League-Gewinner FC Sevilla, die in einer bemerkenswerten Penetranz die besser betuchte Konkurrenz düpieren. La Liga liegt beim transferbereinigten Umsatz (3,07 Milliarden Euro) knapp hinter der Bundesliga (3,17 Milliarden), schneidet aber im internationalen Vergleich klar besser ab - und düpiert sogar den Umsatzgiganten Premier League (5,44 Milliarden).

Nagelsmann schlägt daher vor: "Wir müssen Wege finden, um selbst Toptalente zu entwickeln, damit wir nicht gezwungen sind, einen 21- oder 22-Jährigen für 30 Millionen zu holen." Ein Beispiel gibt der heutige Gegner Benfica Lissabon ab. Seit Jahren bilden die Portugiesen bereits Topstars für die Global Player aus. Dienlich wäre für die Bundesliga, wenn auch der deutsche Nachwuchs mehr Kicker vom Kaliber eines Kai Havertz anbieten würde. Doch der Nachschub auf diesem Niveau dürfte die nächsten Jahre eher nachlassen.

Hitzfeld lobt die Voraussetzungen

Umso wichtiger wird die Gesamtstrategie der führenden Klubs. "Es geht darum, wieder selbstbewusst in diesen Wettbewerb zu gehen", sagt Ottmar Hitzfeld: "Deutschland muss sich nicht verstecken. Wir haben eine gute Mentalität, wir haben großartige Stadien, großartige Trainingsgelände und gutes Scouting in jedem Verein."  Zweimal hat der 70-Jährige während seiner Trainerkarriere die Champions League mit Borussia Dortmund (1997) und Bayern München (2001) gewinnen können.

Der Altmeister glaubt, dass die Bundesliga langfristig nur mit einer umfassenderen Öffnung für Investoren international konkurrenzfähig bleibt: "Der englische Fußball hat einen Riesenvorsprung, vor allem im finanziellen Bereich. Und die besten Spieler gehen da hin, wo das meiste Geld bezahlt wird." Auch die deutschen Klubs hätten die Möglichkeit, noch mehr Geld zu akquirieren, "dafür müsste man sich aber für Investoren öffnen. Nur mit der Ausbildung von Talenten kann man international auf Dauer nicht mithalten."

Braucht es mehr Investoren?

Genau wie der Altmeister Hitzfeld argumentiert dann auch Jungtrainer Nagelsmann, der die 50+1-Regel zur Disposition stellt: "In England spürt man in den meisten Stadien die Tradition der Klubs, und trotzdem hat beinahe jeder einen Investor." Der Champions-League-Sieger FC Liverpool sei einer der traditionsreichsten Klubs der Welt und habe einen US-amerikanischen Investor.

"Du kannst einen Virgil van Dijk, der 85 Millionen Euro kostet, nicht mit dem Verkauf von Bratwurst im Teigmantel aus dem Automaten bezahlen. Wir müssen uns entscheiden", sagt Nagelsmann. Soll heißen: Öffnung für Investoren in irgendeiner Form oder möglicherweise weiter zurückfallen. Abzulesen dann bald in der UEFA-Fünfjahreswertung?

Die UEFA-Fünfjahreswertung
LandPunkte
Spanien86.426
England75.033
Deutschland59.070
Italien58.510
Frankreich50.248

mit dpa | Stand: 17.09.2019, 07:55

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