Liverpools Herz - größer als Messi

Jürgen Klopp (Mitte), Trainer von Liverpool, mit den Spielern Mohamed Salah (l.) und Virgil van Dijk nach dem Einzug  ins Champions-League-Finale

Coup gegen Barca

Liverpools Herz - größer als Messi

Von Christian Mixa

Nach der irren Aufholjagd gegen Barcelona und dem erneuten Einzug ins Champions-League-Finale beschwört Liverpools Coach Jürgen Klopp den besonderen Geist des Klubs.

Barcelonas Coach Ernesto Valverde hatte direkt nach dem Hinspiel gewarnt, als die meisten Beobachter die Katalanen nach dem 3:0-Sieg bereits im Champions-League-Finale wähnten. In der vergangenen Saison, erinnerte Valverde die versammelte Presse, hatten Lionel Messi und Co. schon einmal einen Drei-Tore-Vorsprung hergegeben, im Viertelfinale gegen AS Rom. Sicher, da war was, aber was sollte Barca diesmal passieren? Mit Messi, dem "Überirdischen", vor dem sich nach dem Hinspiel die Fußball-Welt verbeugte? Gegen Liverpools stark dezimierte Offensive, ohne die verletzten Mo Salah und Roberto Firmino?

Die Antwort lautete: Trent Alexander-Arnold. Vor seinem Eckball zum entscheidenden vierten Treffer bemerkte Liverpools junger Rechtsverteidiger, dass die Gegner noch komplett mit der Zuordnung beschäftigt waren, geistesgegenwärtig schlug er den Ball flach vors Tor und übertölpelte damit die komplette Barca-Abwehr, inklusive Torhüter Marc-André ter Stegen. Divock Origi schaltete als einziger und schickte Liverpool mit dem 4:0-Treffer ins Finale.

"Es war einfach instinktiv. Einer von diesen Momenten, wo sich auf einmal diese Gelegenheit bietet“, sagte Alexander-Arnold nach dem Spiel dem übertragenden Sender "BT Sport". "Was für eine geniale Aktion, 20 Jahre alt, der Kerl", sagte sein Trainer. "Es ging so schnell - ich wusste noch nicht einmal, wer die Ecke getreten hatte, ich habe den Ball nur im Netz gesehen."

Barca und Messi wie gelähmt, Liverpools großes Herz

Für die Barca-Stars war es ein kollektiver, in einem Halbfinale der Champions League eigentlich unfassbarer Blackout. "Wir waren gut vorbereitet auf die Standards, wir wussten, wie gefährlich sie sind", versuchte sich Barcas Coach Valverde noch an einer Erklärung. Doch der Geistesblitz von Alexander-Arnold besiegelte am Ende nur Barcas Scheitern - überwältigt wurden sie schon vorher, von der ganz besonderen Atmosphäre an der Anfield Road. Schon nach dem Doppelschlag von Georginio Wijnaldum, der Barcas Vorsprung egalisierte, wirkte Barca, wirkte auch Messi wie gelähmt, angesichts der nunmehr entfesselten Entschlossenheit und des spürbaren Glaubens beim Gegner und im Stadion, angefacht vom großen Motivationskünstler Klopp.

"Ich habe den Jungs vor dem Spiel gesagt, es ist eigentlich unmöglich. Aber wir haben eine Chance, weil ihr es seid", sagte der sichtlich angefasste Trainer und sparte, dem Anlass entsprechend, nicht mit Pathos. "Dieser Klub ist wie ein großes Herz - und heute hat dieses Herz wie verrückt geschlagen, wahrscheinlich war es auf der ganzen Welt zu hören."

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Doch zu Liverpools Vereins-DNA gehört auch das große, dramatische Scheitern. Seit mittlerweile 29 Jahren wartet der frühere Rekordmeister auf den nächsten Premier-League-Titel - und muss trotz einer beinahe makellosen Saison mit nur einer Niederlage wohl weiter warten, es sei denn Manchester City erlaubt sich einen Patzer am letzten Spieltag.

Klopp dankbar für neue Chance im Finale

Auch mit dem unwirklich erscheinenden Einzug ins Champions-League-Finale haben die "Reds" ja noch nicht die Traumata der Vergangenheit besiegt. In einem Finale gegen Ajax oder Tottenham wären sie eher Favorit, im Fall einer Niederlage droht eine weitere Enttäuschung, eine Saison ohne großen Titel.

Daran dachte auch Klopp, der als Trainer seine sechs vergangenen Endspiele verloren hat, erst im Vorjahr das Finale der Champions League gegen Real Madrid. "Ich bin den Jungs dankbar, dass ich die Chance bekomme, es besser zu machen", sagte Klopp nach dem erneuten Finaleinzug. "Ich bin sehr stolz, Trainer dieser Mannschaft zu sein. Dieser Sieg ist etwas sehr Spezielles, das werde ich nie vergessen."

Die "Daily Mail" erklärte die Aufholjagd bereits als historisch und stellte sie sogar über das legendäre Champions League-Finale gegen Milan, als die "Reds" nach einem 0:3 zur Pause den Titel holten: "Besser als Istanbul. Barcelona ist besser als Milan. Und Liverpool ist jetzt besser als Liverpool damals." Auch der "Daily Express" titelte: "Greatest Comeback ever". Das zumindest nimmt den "Reds" keiner mehr.

Stand: 08.05.2019, 10:30

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