Tottenham und "der beste Tag"

Jubel bei Tottenham Hotspur

Sieg in Amsterdam

Tottenham und "der beste Tag"

Von Frank van der Velden

Tottenham Hotspur hat in Amsterdam einen scheinbar unaufholbaren Rückstand wettgemacht und steht im Finale der Champions League. Erklären konnte das niemand.

Was genau sich in der Halbzeit des Halbfinalrückspiels der Champions League in der Kabine der Tottenham Hotspur abgespielt hat, das weiß man nicht. Das wird auch niemand erfahren, und das ist auch gut so.

Nach der 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel standen die Londoner in Amsterdam am Mittwoch (08.05.2019) vor dem Aus. 0:2 lagen sie zur Pause hinten, drei Tore mussten her. In 45 Minuten. Eigentlich ist so etwas in einem Halbfinale auswärts nicht zu schaffen. Eigentlich. Tottenham hat es dennoch geschafft. Lucas Moura sorgte per Doppelschlag (55. Minute/59.) erst für den Ausgleich und dann besorgte er in der sechsten Minute der Nachspielzeit den Siegtreffer.

Wille und Glaube

"Das war keine Sache der Taktik, sondern einfach nur des Willens und des Glaubens", sagte Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino. In der Tat: Mit einer schier unbändigen Mentalität und Moral brachten sich die "Spurs" zurück ins Spiel. Das war Siegeswille pur, und egal, was Pochettino in der Halbzeit seinen Spielern gesagt hat, es war das Richtige.

Nicht zu erklären

Auch die Medien versuchten sich in Erklärungsversuchen. "Was wir gesehen haben, war nicht großer Fußball, sondern ein mentaler Fußball voller Verzweiflung, ohne Logik und Organisation", schrieb die italienische Zeitung "Corriere dello Sport". Und "AS" aus Spanien schrieb etwas philosophischer: "Pochettino schaffte es, die Seinen glauben zu lassen, dass nichts festgeschrieben ist und dass es auch eine Art zu leben ist, sich gegen das Schicksal aufzulehnen." Die englische Presse überschlug sich derweil vor Jubel: "Episch, ein Wunder, unglaublich, undenkbar, historisch", hieß es dort. Das Schöne am Fußball ist wohl, dass man ihn manchmal einfach nicht erklären kann.

Das Comeback der "Spurs" in Amsterdam kommt jedenfalls noch spektakulärer daher als das des FC Liverpool gegen den FC Barcelona tags zuvor - wegen des aussichtlosen Pausenrückstandes und der Tatsache, dass es ein Auswärtsspiel war. Liverpools Coach Jürgen Klopp nannte seine Spieler "Mentalitätsmonster", "Spurs"-Trainer Pochettino sprach von "Superhelden".

Lucas Moura ein "Super-Super-Super-Held"

Die Spieler konnten ihr Glück kaum fassen. Heung-Min Son sprach vom "wahrscheinlich schönsten Tag meiner Karriere". Der Südkoreaner wurde 2018 immerhin Asienmeister. Dele Alli ging noch weiter und sprach vom "besten Tag in meinem Leben". Pochettino fehlten die Worte: "Es ist schwer zu beschreiben, was ich fühle", sagte der Argentinier, der nach dem Schlusspfiff noch auf dem Rasen auf die Knie sank. Als Erklärung mag dann wohl dienen, dass einem an einem "besten Tag" wohl alles gelingt.

Mann des Spiels war Lucas Moura, der Tottenham mit einem Hattrick ins Finale schoss und für Pochettino deshalb ein "Super-Super-Super-Held" ist. Dabei ist der 26 Jahre alte Brasilianer nur Ergänzungsspieler und Ersatz für den verletzten Mittelstürmer Harry Kane. "Ich hoffe, sie bauen ihm eine Statue in England", sagte Teamkollege Christian Eriksen. Und Lucas Moura? Der bedankte sich erst bei Gott und dann sprach er vom "besten Tag meines Lebens". Was auch sonst?

Stand: 09.05.2019, 12:13

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