Champions-League-Reform: "Ein Fehler, den man nicht mehr reparieren wird"

Bei der Reform des Europapokals geht es unter anderem darum, in welchem Format die Champions League ab 2024 ausgetragen wird.

Umstrittene Pläne

Champions-League-Reform: "Ein Fehler, den man nicht mehr reparieren wird"

Die Reform der Champions League rückt näher - ein Sportmerketingexperte sieht das kritisch. Prof. Dr. André Bühler sagt: Die Machtverhältnisse werden zementiert. Die Reform ist ein Fehler, der nicht zu reparieren sein wird. 

Prof. Dr. André Bühler ist Sportökonom an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing. Er ist auch Vereinsbeirat des Bundesligisten VfB Stuttgart, legt aber Wert darauf, dass er nicht für den VfB spricht.   

Sportschau: Herr Bühler, die Champions League soll 2024 ganz anders aussehen als heute. Was halten Sie von der geplanten Reform?  

Bühler: Der Begriff Reform impliziert ja, dass es eine Verbesserung gibt. Aus sportökonomischer und marketingwissenschaftlicher Sicht ergibt die geplante Reform aber keinen Sinn. Wenn man die Werthaltigkeit eines Produktes erhöhen möchte, dann verknappt man entweder das Angebot oder man steigert die Qualität.

Beides ist nicht gegeben. Mich erinnert das an die Produktorientierung in den frühen 1960er Jahren. Als man ein Produkt auf den Markt geworfen hat und versucht hat, so viel wie möglich zu verkaufen. Mittlerweile sind wir längst in der Phase der Kundenorientierung angekommen. Aber ich glaube, weder die europäischen Top-Klubs noch die UEFA interessiert wirklich, was die Fans wollen. 

Sportschau: Wie wird sich der europäische Fußball durch diese Reform verändern?

Bühler: Die Machtverhältnisse im europäischen Fußball werden zementiert. Wenn im Duell David gegen Goliath immer Goliath gewinnt, dann ist irgendwann der Reiz weg. Und ich glaube, das ist auch ein systemimmanenter Fehler des Profifußballs, den man dann nicht mehr reparieren wird.  

Prof. André Bühler zu den Auswirkungen der geplanten Reform der Champions League auf den europäischen Fußball Sportschau 15.04.2021 00:28 Min. Verfügbar bis 15.04.2022 Das Erste

Sportschau: Welche Folgen hat das im Speziellen für die nationalen Ligen und dort genauer für die Bundesliga?  

Bühler: Wenn immer die gleichen Mannschaften in der Champions League spielen, dann wird sich auch die Lage dort zementieren. Sepp Herberger hat mal gesagt: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht."

Und wenn wir das außer Acht lassen, also die Ergebnisunsicherheit im Sport, dann ist das kein Fußball mehr. Dann ist das eigentlich nur noch ein Managerspiel.  

"Zehn-Jahres-Koeffizient? Es sind immer die selben Klubs, die profitieren!"  

Sportschau: Künftig sollen über eine Zehn-Jahres-Wertung mindestens zwei der vier neuen Startplätze in der Champions League verteilt werden. Was halten Sie von diesem Zugang zum Wettbewerb?  

Bühler: Das Problem ist ja, dass durch den Zehn-Jahres-Koeeffizienten immer nur die selben Mannschaften profitieren. Die Newcomer haben gar keine Chance, reinzukommen. Es ist im Grunde genommen jetzt schon ein Closed Shop, also eine geschlossene Liga mit ganz, ganz schwierigen Möglichkeiten, überhaupt reinzukommen. 

Sportschau: 30 Prozent des Geldes, das in der Champions League zu verdienen ist, läuft über die Verteilung via Zehn-Jahres-Koeffizient. Der Spitzenreiter Real Madrid nimmt fast 36 Millionen Euro ein. Welche Rolle spielt das auf Dauer?  

Bühler: Wenn Mannschaften antreten und schon per se so einen wirtschaftlichen Wettbewerbsvorsprung haben, dann wird sich das auf den sportlichen Erfolg niederschlagen. Und das kann nicht gut sein für die Champions League, da auch hier der sportliche Wettbewerb ad absurdum geführt wird.  

 

Prof. André Bühler zu den Folgen für die nationalen Ligen wie die Bundesliga Sportschau 15.04.2021 00:31 Min. Verfügbar bis 15.04.2022 Das Erste

Sportschau: Die UEFA verspricht mit der Reform Stabilität und Sicherheit. Auf welche Weise wird die garantiert?  

Bühler: Früher gab es den Europapokal der Landesmeister, in dem tatsächlich nur die Meister der jeweiligen nationalen Ligen gespielt haben. Er wurde im K.o.-Modus von der ersten Runde an gespielt. Das heißt: Auch große Klubs konnten gegen andere große Klubs spielen und ausscheiden. Ein hoher sportlicher Wert, aber keine Planungssicherheit.

Ich glaube, dass viele Top-Klubs mittlerweile eher auf die Einnahmen schielen als auf den sportlichen Erfolg. Die hohe Planungssicherheit hat man in der Champions League erreicht, indem man die Gruppenphase eingeführt hat.

Und jetzt möchte man ein Ligensystem etablieren. Das heißt: Man hat definitiv eine Anzahl von Spielen, die man vermarkten kann, für die es Einnahmen gibt. Die wirtschaftliche Planungssicherheit ist dadurch eine hohe. 

"100 Spiele mehr - die Spieler werden leiden, Fans sind übersättigt"    

Sportschau: Die Champions League soll künftig 225 statt 125 Spiele pro Saison haben. Was für Folgen hat das?  

Bühler: Die Spieler werden leiden. Je mehr Spiele, desto anfälliger der Körper. Und wenn die sportliche Leistung nicht mehr abrufbar ist, dann wird es auch einen Qualitätsverlust in den Spielen geben.

Und ich glaube auch, dass auf der Konsumentenseite, also auf der Zuschauerseite wird der Reiz nicht mehr da sein. Wir haben jetzt schon Sättigungseffekte im Profifußball. Wir sehen jetzt schon, dass sich viele Fans vom Profifußball entfremden, weil's einfach viel zu viel ist.  

Sportschau: Wie sollte die UEFA darauf reagieren?   

Bühler: Die UEFA sieht auch, dass sich einiges verändert - nicht nur im deutschen, sondern im europäischen Profifußball. Es gibt klare Indikatoren, dass Jugendliche kein oder wenig Interesse am Fußball haben. Es gibt empirische Studien, die uns ganz klar aufzeigen, dass sich immer mehr Fußballfans von ihrem einstigen Lieblingssport entfremden.

Und es gibt zwei Möglichkeiten, wie man darauf reagiert: Entweder ich stelle mein Produkt auf eine nachhaltige Ebene. Oder aber ich versuche die Kuh solange zu melden, solange sie noch Milch gibt. Und die UEFA ist, glaube ich, gerade auf der zweiten Linie.  

"Super League? Macht's halt"  

Sportschau: Die Drohgebärde, die immer im Raum steht, ist die Super League. Die ist jetzt wieder abgewendet, viele Vertreter aus den Verbänden verkaufen das als Erfolg. Ist diese Drohgebärde jetzt wirklich weg?  

Bühler: Solange die Forderungen der European Club Association und damit der europäischen Topklubs nicht erfüllt ist – das heißt höhere Einnahmen, höhere Planungssicherheit – wird diese Super League als Drohgebärde immer wieder aus der Schublade geholt.

Aber dann sage ich auch: "Macht's halt". Aber dann wirklich mit allen Konsequenzen und knallhart. Das heißt, dass die Teilnehmer in der Super League nicht mehr in den nationalen Ligen spielen dürfen. Und dass es auch keinen Weg mehr zurück gibt.

Das Interview führte Chaled Nahar.

Stand: 18.04.2021, 10:00

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