Rudi Garcia - der einst Ungeliebte zeigt es seinen Kritikern

Rudi Garcia

Olympique Lyon

Rudi Garcia - der einst Ungeliebte zeigt es seinen Kritikern

Rudi Garcia hat Olympique Lyon überraschend ins Halbfinale der Champions League geführt. Dabei war der Trainer, der seinen Vornamen dem deutschen Radsportler Rudi Altig verdankt, bei seinem Amtsantritt im Oktober 2019 nicht sonderlich willkommen in Lyon.

Von falscher Bescheidenheit hält man bei Olympique Lyon in diesen Tagen nicht viel. Nach dem 3:1-Sieg im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester City rechnen sich die Franzosen im Halbfinale einiges aus - auch wenn der Gegner am Mittwoch (19.08.2020) der angeblich übermächtige FC Bayern München ist. "Wir haben Juventus Turin geschlagen, das ein Favorit auf die Champions League war. Wir haben Manchester City besiegt, das ebenfalls ein Anwärter war. Gegen Bayern ist die Ausgangslage genauso", sagte Trainer Rudi Garcia: "Wir verdienen es, hier zu sein. Ich hoffe, wir schaffen es ins Finale. Wir können sehr darauf hoffen, das zu erreichen."

Zum ersten Mal seit zehn Jahren steht der ehemalige französische Abonnements-Meister "OL" im Halbfinale der Königsklasse, was auch ein Verdienst von Garcia ist. Dabei war der bei seinem Amtsantritt im Oktober 2019 nicht unbedingt mit offenen Armen in Lyon empfangen worden.

Unmut bei den Fans

Damals stand die Mannschaft auf Tabellenplatz 14 und hatte nur einen Punkt Vorsprung auf die Abstiegsränge. Trainer Sylvinho hatte den Saisonstart verpatzt, der brasilianische Sportdirektor Juninho musste seinen Landsmann entlassen - auch auf Drängen des mächtigen Präsidenten Jean-Michel Aulas.

Überhaupt nicht begeistert vom neuen Coach waren die Fans, denn Garcia hatte zuvor den verhassten Rivalen Olympique Marseille betreut und dann auch noch seine Trainerkarriere beim ewigen Kontrahenten Saint-Étienne begonnen. Dass Garcia nicht erste Wahl war in Lyon, ist auch kein Geheimnis, Die Verantwortlichen hätten lieber José Mourinho oder Laurent Blanc begrüßt.

Double-Gewinner mit Lille

Dass Garcia ein guter Trainer ist, ist dagegen unbestritten. In der Saison 2010/11 holte der Ex-Profi mit dem OSC Lille das Double aus Meisterschaft und Pokal, was damals eine Sensation war. 2018 stand Garcia, der dreimal Trainer des Jahres in Frankreich wurde, mit Marseille im Europa-League-Finale, das gegen Atlético Madrid verloren ging. Damals waren am Spielort Lyon alle neutralen Zuschauer gegen ihn und sein Team.

Alles Schnee von gestern. Der 56-jährige Franzose ist längst angekommen in Lyon. In der Ligue 1 führte er das Team immerhin noch auf Platz sieben. Dass "OL" dadurch das internationale Geschäft verpasste, werfen Fans und Klub nicht unbedingt Garcia vor, wurde doch die Saison wegen der Corona-Pandemie vorzeitig abgebrochen. Immerhin führte er das Team ins Pokalfinale, wo es eine sehr unglückliche Niederlage gegen Paris Saint-Germain im Elfmeterschießen gab.

Nach Rudi Altig benannt

Die Hauptstädter und ihr Trainer Thomas Tuchel setzten sich in der Vorschlussrunde gegen RB Leipzig mit Coach Julian Nagelsmann durch. Damit haben es - Bayerns Hansi Flick eingeschlossen - erstmals in der Geschichte der Champions League gleich drei deutsche Trainer ins Halbfinale geschafft.

Tuchel erklärte zuletzt, es seien sogar dreieinhalb. "Rudi Garcia hat gesagt, dass er auch ein paar Prozent Deutsch in sich hat“, erklärte der PSG-Coach. "Mein Vater hat mir diesen Namen gegeben. Er war ein großer Radsport-Fan und hat Rudi Altig geliebt", klärte Garcia hinterher auf.

Lange Spielpause gut genutzt

Er scheint vieles richtig gemacht zu haben in der langen Spielpause, in der Olympique mit Lucas Tousart in diesem Sommer einen wichtigen Spieler an Hertha BSC abgeben musste. "Der Fitnesstrainer hat perfekte Lösungen gefunden", sagte Garcia zuletzt lapidar.

Er selbst ist da eher für die Überraschungen zuständig. Im Viertelfinale gegen Manchester City ließ er seinen Torjäger Moussa Dembele völlig überraschend 75 Minuten auf der Bank schmoren, ehe der 24-Jährige doch noch ins Spiel kam und mit seinen zwei Toren den Sieg besiegelte. Ob gegen die Bayern ähnliches geplant ist, ließ Garcia noch nicht verlauten. Die Münchner sollten in jedem Fall gewarnt sein.

Kämpferqualitäten bewiesen

"Ich habe mich für Rudi Garcia entschieden, weil er ein Kämpfer ist, der den gleichen Ehrgeiz hat wie wir, Titel zu gewinnen und auf der europäischen Bühne erfolgreich zu sein", hatte Sportdirektor Juninho nach Garcias Verpflichtung erklärt. Dass der Klub so schnell international wieder in aller Munde ist, hätte er aber wohl auch nicht gedacht. Garcia hat jedenfalls schon Kämpferherz bewiesen, die klubinternen Kritiker und die unzufriedenen Fans sind längst verstummt.

vdv/sid/dpa | Stand: 18.08.2020, 11:00

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