Fans machen mobil gegen die Reform der Champions League ab 2024

Dortmunder Fans mit klarer Ansage: Stopp die Reformen der Champions League!

Fußball

Fans machen mobil gegen die Reform der Champions League ab 2024

Von Chaled Nahar

Noch mehr Spiele? Eine Notfall-Qualifikation für schwächelnde Großklubs? Führende Fan-Bündnisse in Deutschland und Europa protestieren gegen die Reformpläne zur Champions League ab 2024 und fordern ganz andere Änderungen.

"Wer wird von dieser Reform profitieren, von dieser höheren Anzahl der Spiele? Mit Sicherheit nicht die Fans", sagte Ronan Evain: "Die meisten Fans wollen nicht noch mehr Fußball. Stattdessen wollen wir besseren Fußball." Evain, der das Fanbündnis Football Supporters Europe (FSE) vertritt, lieferte den eindringlichsten Beitrag, als Europas Fußball zusammen saß und die Reform der Champions League ab 2024 besprach.

Der europäische Ligaverband European Leagues hatte am Mittwoch (10.03.2021) zu einer virtuellen Versammlung eingeladen. Vertreter aus Europas Klubs und Ligen kamen dort zu Wort, mehr als 300 Menschen waren zugeschaltet. Viele Klubchefs und Ligavertreter äußerten Bedenken zur Reform, Evains Appell aber schien ein Wirkungstreffer in der Runde zu sein. Es wurde klar: Die Fanbündnisse in Europa und Deutschland haben komplett andere Vorstellungen von der Zukunft des Profifußballs als große Teile des Profifußballs selbst.

"Die Probleme, die uns beschäftigen, bleiben ungelöst"

Ronan Evain von Football Supporters Europe (FSE)

Ronan Evain von Football Supporters Europe (FSE)

"Alle Fans sollten genau hinsehen: Diese Reform wird einen riesigen Einfluss auf die Zukunft des Klubsfußball in Europa haben", sagte Evain am Freitag im Gespräch mit der Sportschau: "Aber der aktuelle Vorschlag löst keines der Probleme, die uns beschäftigen." Die Fan-Organisation hat ihre Idee von einem Fußball in Europa formuliert, bei der Reform geht es vor allem um folgende Dinge:

  • Die Reform sieht einen neuen Modus mit bis zu sechs weiteren Terminen für die Champions League im Vergleich zu heute vor. Das ist auf Dauer eine Gefahr für die nationalen Ligen wie die Bundesliga, so das Fan-Bündnis. Die Forderung: Keine Erweiterung des internationalen Spielplans.
  • Die Champions League soll um vier Teams vergrößert werden. Drei der vier zusätzlichen Plätze soll es nach bisheriger Planung für frühere Teilnahmen am Europapokal geben, es wäre eine Art Not-Qualifikation für schwächelnde Großklubs. Dem erteilen FSE und die anderen Bündnisse eine klare Absage. Die Forderung: Alleinige sportliche Qualifikation auf Grundlage der Vorsaison.
  • Die Geldverteilung läuft derzeit stark zu Gunsten der großen Klubs, die für frühere Teilnahmen am Europapokal bis zu zehn Jahre später noch Geld bekommen. Dies führe zu einer großen Ungleichheit bei den Finanzen und damit im sportlichen Wettbewerb. Die Forderung: Eine gleichmäßigere Verteilung zwischen den Klubs und den Wettbewerben. Diese sei nötig, damit wieder alle Klubs eine Chance im Wettbewerb hätten, so die FSE.
  • Zudem soll beim Thema Geld deutlich mehr an die Klubs in den nationalen Ligen fließen, die nicht am Europapokal teilnehmen. Die Langeweile, die Dauer-Meister wie Bayern München, Red Bull Salzburg, Paris Saint-Germain oder Juventus Turin in manchen nationalen Ligen herstellen, werde sonst immer größer. "Der Wohlstand des Fußballs muss auf den gesamten Fußball verteilt werden", sagte Evain. Die Forderung: Ein drastisch erhöhter Anteil an den Gesamteinnahmen soll an die Klubs gehen, die nicht am Europapokal teilnehmen. Derzeit sind es vier Prozent.

Die Forderungen der FSE ähneln zumindest im Grundsatz denen der European Leagues. Der Ligaverband verhandelt derzeit über eine Erhöhung der sogenannten "Solidaritätszahlungen" von vier auf acht Prozent. Ob die erfolgen wird, bleibt ungewiss.

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Proteste auch in Deutschland - vor allem in München und Dortmund

Auch in Deutschland formiert sich Protest gegen die Reform. Beim Spiel von Borussia Dortmund gegen den FC Sevilla hing ein Banner mit der Aufschrift "Stop UCL Reforms" ("Stoppt die Reformen der Champions League") auf der Südtribüne des Dortmunder Stadions. Mit dem "Club Nr. 12", einem Dachverband der organisierten Fanszene des FC Bayern München und der Fan-Abteilung von Borussia Dortmund, haben sich Bündnisse der beiden deutschen Spitzenklubs dem Protest angeschlossen. Auch hier lautet eine maßgebliche Forderung, dass es mehr Geld für die Klubs geben muss, die nicht mitspielen.

In einer gemeinsamen Erklärung schreiben die Organisationen aus Dortmund und München: "Uns ist durchaus bewusst, dass dies für unsere Vereine finanzielle Einbußen bedeutet. Viel mehr sind wir aber davon überzeugt, dass wir die Integrität unseres Sports nur erhalten können, wenn wir den sportlichen Wettbewerb aufrechterhalten. Die finanziellen Einbußen mögen auf kurze Sicht schmerzhaft sein. Auf lange Sicht werden sich faire und ausgeglichenere und somit spannende Wettbewerbe auf nationaler und europäischer Ebene jedoch in jeder Hinsicht für alle auszahlen."

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Unsere Kurve: Deutschlands Fußball muss sich positionieren

Das deutsche Bündnis "Unsere Kurve" formulierte einen Offenen Brief und forderte die Interessenvertreter des deutschen Fußballs auf, sich für Korrekturen einzusetzen: Die DFL, die ihre Stimme im Ligaverband einbringen könnte. Den DFB, der Mitglied der UEFA ist. Und zahlreiche Bundesliga-Klubs, die in der Klubvereinigung der ECA vertreten sind. Borussia Dortmund und Bayern München haben sogar Sitze im Executive Board.

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Von DFL und DFB gibt es bislang keine Stellungnahmen zu den Reformplänen. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte am Freitag in den "Ruhr Nachrichten", dass er zumindest den neuen Modus befürworte, weil "es in meinen Augen der einzige Weg ist, um eine Super League der internationalen Topklubs zu verhindern". Die Spitzenklubs stünden aktuell finanziell unter enormem Druck. Er persönlich fände es auch in Ordnung, "wenn Klubs belohnt werden, die in der Zehn-Jahres-Wertung gut dastehen und deswegen vielleicht mal einen Wettbewerb nach oben rutschen".

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke steht der Reform grundsätzlich positiv gegenüber.

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke steht der Reform grundsätzlich positiv gegenüber.

Spitzenklubs blicken auf den "Fan der Zukunft"

Dass die großen Klubs in Europa die Sorge der Fanbündnisse interessiert, ist zweifelhaft. Die Klubvereinigung ECA, seit jeher Anwalt der großen Klubs, veröffentlichte eine Studie zum "Fan der Zukunft". ECA-Chef Andrea Agnelli ließ auf der Generalversammlung am Montag (08.03.2021) durchblicken, dass er bei der Zukunft des Europapokals auf Märkte in anderen Kontinenten schielt. Dass seiner Ansicht nach manche Menschen eher Fans von Spielern als von Klubs seien und dass der Fan aus der Region eines Klubs - zumindest vor Corona - zuletzt immer häufiger durch Touristen ersetzt wurde. Alles Ansätze, die das Gegenteil der Einstellung in aktiven Fanszenen bedeuten.

Nun steht auch die bei den Fan-Bündnissen ungeliebte Reform der Champions League sowie der Europa League und der 2021 startenden Europa Conference League auf dem Gleis.

"Gefahr der Übersättigung ist da"

Das UEFA-Exekutivkomitee fällt die endgültige Entscheidung, nach bisheriger Planung soll diese vor dem UEFA-Kongress am 20. April stehen. 17 Männer und eine Frau vertreten im UEFA-Exekutivkomitee vor allem die Interessen von Verbänden, Spitzenklubs und Ligen. Aus Deutschland hält DFB-Vizepräsident Rainer Koch einen Sitz im UEFA-Exekutivkomitee, seine Haltung zum Thema ist bislang nicht bekannt.

Die Fans als einer der wichtigsten Interessenvertreter im Fußball haben keine Stimme am Tisch des Exekutivkomitees. Fans könnten aber auf ihre Art mitentscheiden - indem sie in der Zukunft nicht hingehen oder nicht einschalten. Evain sieht die Zukunft mit der geplanten Reform düster: "Mehr Spiele bedeuten weniger Freizeit zu Hause, man muss mehr Urlaub bei der Arbeit nehmen. Irgendwann werden die Fans sagen: 'genug ist genug.' Die Gefahr, dass sich Fans übersättigt vom Fußball abwenden, ist da."

Europäische Super Liga mit Milliarden von der Wall Street? sport inside 04.01.2021 11:50 Min. Verfügbar bis 07.01.2022 WDR Von Matthias Wolf

Stand: 12.03.2021, 17:26

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