Champions League ab 2024: Worüber Europas Fußball streitet

Champions League 2024: Streit um Startplätze, Termine und Geld

Europapokal

Champions League ab 2024: Worüber Europas Fußball streitet

Von Chaled Nahar

Beim Umbau der Champions League ab 2024 werden die Konfliktlinien der Interessenvertreter immer deutlicher. Die UEFA, die nationalen Ligen und die großen Klubs streiten um Startplätze, um Termine und vor allem ums Geld. Die Entscheidung soll spätestens im April fallen.

Die UEFA hat dem europäischen Ligaverband European Leagues vor einigen Wochen einen Vorschlag unterbreitet, wie die Champions League ab 2024 aussehen könnte. Kurz gefasst lautet er: 36 statt bisher 32 Teams sollen vor der K.o.-Phase in einer Liga statt in acht Gruppen spielen, bei der jeder Klub zehn Spiele absolviert. Das neue System soll also zu mehr Teilnehmern, zu mehr Spielen und vor allem zu mehr Geld führen.

Genau um diese Themen drehen sich die Konflikte, die den europäischen Fußball vor eine Zerreißprobe stellen. Denn die Reform wird langfristige Auswirkungen haben.

Die nationalen Ligen haben klare Forderungen

Der europäische Ligaverband European Leagues, in dem auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) Mitglied ist, sieht den neuen Modus grundsätzlich positiv - fordert aber vor allem eine andere Verteilung des Geldes zugunsten kleinerer Klubs und Ligen. "Die UEFA ist nicht nur für einige wenige zuständig, sondern für alle", sagt Geschäftsführer Jacco Swart im Gespräch mit der Sportschau. Er sieht vor allem vier Themen kritisch:

1. Der Kalender: "Wenn es 225 Spiele statt 125 Spiele in der Champions League geben soll, wird es vier weitere Spieltage geben, die exklusiv für die Champions League vorgesehen sind. Das wird den ohnehin vollen Kalender weiter verengen", sagt Swart. "Die Frage ist, wer dadurch weniger Termine bekommt: die nationalen Ligen, die nationalen Pokal-Wettbewerbe oder die Nationalmannschaften?" Es gibt zahlreiche mögliche Folgen: Würde es in England noch einen Ligapokal geben? Könnte Italien weiter Rückspiele im Pokal austragen? Würden Ligen mit 20 Klubs weiterhin so groß bleiben? Könnte sich Deutschland für alle Klubs weiterhin die Winterpause in ihrer jetzt üblichen Länge leisten?

2. Der TV-Markt: Die UEFA erhofft sich durch die Erhöhung der Anzahl der Spiele auch höhere Einnahmen. Swart fragt: "Wo kommt das Geld her?" Was er meint: Würden Fernsehsender dann auch grundsätzlich mehr Geld in den Fußball investieren? Oder würden die Medienunternehmen bei dem Geld, das sie in den Fußball stecken, nur von den nationalen Ligen in die Champions League umschichten? "Es besteht die Gefahr, dass die Wettbewerbe sich gegenseitig kannibalisieren", sagt Swart.

3. Die Startplätze: Vier zusätzliche Plätze soll es dem Vorschlag der UEFA zufolge in der Champions League geben. Wer bekommt sie? Die UEFA sagt: Drei dieser Plätze sollen an Spitzenteams gehen, die es über ihre nationale Liga nicht geschafft haben. Ein Beispiel: Der FC Arsenal ist derzeit nur Elfter in der Premier League, steht aber aufgrund vieler Europapokal-Auftritte aus der Vergangenheit in der Zehn-Jahres-Wertung der UEFA ebenfalls auf Rang elf. Als bester sportlich nicht qualifizierter Klub dieser Rangliste wäre Arsenal also in der Champions League dabei. Es ist das Rettungsnetz für große Klubs, die sich an hohe Einnahmen in Verbindung mit hohen Ausgaben gewöhnt haben. Die Ligen wollen etwas anderes. "Wir wünschen uns, dass stattdessen mehr nationale Meister mitspielen", sagt Swart.

4. Die Geldverteilung: Von den zuletzt jährlich rund 3,25 Milliarden Euro hohen Gesamteinahmen der europäischen Klubwettbewerbe werden derzeit jeweils vier Prozent als Solidaritätszahlungen an die Klubs ausgeschüttet, die nicht mitspielen. Dieses Geld geht derzeit also auch in kleinen Teilen an Werder Bremen, den 1. FC Köln oder den SC Freiburg. "Wir fordern das Doppelte, damit alle einen fairen Anteil an den Gesamteinnahmen erhalten", sagt Swart. Die derzeitige Einnahmenverteilung befeuert nach Ansicht der European Leagues die finanzielle Ungleichheit und die Langeweile in den nationalen Ligen - wie in Deutschland bei Dauer-Meister Bayern München.

Die DFL wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern. Nach Informationen der Sportschau trägt sie als Mitglied der European Leagues deren Forderungen aber mit.

Die großen Klubs haben weitgehend andere Interessen als die Ligen

Die European Club Association (ECA) sieht die Dinge weitgehend anders. Sie ist seit 2008 die Interessenvertretung zahlreicher europäischer Klubs und gilt als Anwalt der Großen. Aus den wichtigen Ligen sind von der Organisationsstruktur der ECA her automatisch mehr Klubs vertreten als aus den kleinen. ECA-Chef und Juventus-Präsident Andrea Agnelli wünschte sich 2019 zunächst massive Änderungen, die die Bundesliga sozusagen zur "Verbandsliga Deutschland" unterhalb der neuen Europa Conference League abgewertet hätten. Statt sich über die Bundesliga für die Champions League zu qualifizieren, hätte weitgehend nur ein Auf- und Abstieg zwischen den europäischen Wettbewerben stattgefunden.

Von dieser Maximalforderung ist die ECA zwar schnell wieder abgerückt. Sie wünscht sich dennoch weiterhin eine zuverlässig wiederkehrende Qualifikation für die großen Klubs - und damit eine fortlaufende Geldzufuhr. Die grundsätzliche Argumentation: Die Klubs sollen wirtschaftlich wachsen können, die Gefahr einer sportlichen Nicht-Qualifikation muss im Umkehrschluss minimiert werden. Die Idee der UEFA, drei Klubs eine Notfall-Qualifikation zuzusichern, darf daher als Kompromissangebot des Verbandes an die ECA interpretiert werden.

Auf Anfrage wollte die ECA den UEFA-Vorschlag nicht kommentieren. Nach Informationen der Sportschau sieht sie den neuen Modus ohne das Gruppensystem jedoch grundsätzlich positiv, weil er die sportliche Attraktivität der Champions League steigern könnte. Eine echte Position soll allerdings erst erarbeitet werden, wenn im März die noch nicht genau datierte Generalversammlung der ECA ansteht.

UEFA mit schwieriger Rolle - und unter Druck in Sachen "Super League"

Die UEFA nimmt in dem Prozess eine schwierige Rolle ein. Sie ist als Konföderation für das Wohl aller Beteiligten am Fußball zuständig, tritt als Organisatorin der Wettbewerbe aber in gewisser Weise auch in Konkurrenz zur Bundesliga und den anderen nationalen Ligen. Denn die UEFA muss für stetes finanzielles Wachstum in der Champions League sorgen, um die Ansprüche der Klubs zu erfüllen.

Die ganz großen Stammgäste der Champions League setzen die UEFA seit Jahren mit einem möglichen Abgang in eine "Super League" unter Druck. Meist waren das am Ende leere Drohungen, um bessere Kompromisse in den bestehenden Strukturen zu verhandeln. Mehrere Funktionäre bestätigen der Sportschau aber im Hintergrund: So konkret wie diesmal war die Idee der "Super League" noch nie.

Europäische Super Liga mit Milliarden von der Wall Street? sport inside 04.01.2021 11:50 Min. Verfügbar bis 07.01.2022 WDR Von Matthias Wolf

Wer noch Einfluss nehmen kann - und wer nicht

Der DFB und die anderen Nationalverbände bekamen den Vorschlag der UEFA am Dienstag (09.02.2021) zu Gesicht. "Zum jetzigen Zeitpunkt wird sich der DFB hierzu nicht äußern", teilte der deutsche Verband auf Anfrage der Sportschau mit. Das Wort der nationalen Verbände hat großes Gewicht, denn sie haben die meisten Stimmen im Exekutivkomitee - und das entscheidet am Ende über den Vorschlag. Vom DFB ist Vizepräsident Rainer Koch Teil des 18 Mitglieder starken Exekutivkomitees. Der Lobbyismus der Interessenvertreter wie ECA und European Leagues gilt vor allem den Mitgliedern des Exekutivkomitees. Die ECA hat selbst übrigens zwei stimmberechtigte Vertreter im Exekutivkomitee sitzen, die European Leagues einen.

Vor dem Exekutivkomitee wird noch ein kleines, aber mächtiges Gremium der UEFA den Daumen heben oder senken. Die "Kommission für Klubwettbewerbe" ist der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Nach Informationen der Sportschau war sie bislang in den Prozess noch gar nicht offiziell eingebunden, wird aber noch über den Vorschlag beraten. Die Mitglieder kennen die Details ohnehin, was schon die Zusammenstellung erahnen lässt. Mit Manchester City, Manchester United und dem AC Mailand sind allein drei große Klubs dabei. Aus Deutschland sitzt Geschäftsführer Fernando Carro von Bayer 04 Leverkusen in der Kommission. Dort herrschen klare Verhältnisse zugunsten der ECA, denn nur ein Vertreter der Ligen ist Mitglied.

Zwei weitere eigentlich sehr wichtige Interessenvertreter haben übrigens keine Stimme im Exekutivkomitee. Die Spielergewerkschaft FIFPro ist in einer strategischen Kommission der UEFA vertreten, im Exekutivkomitee kommt sie beispielsweise bei Fragen zur Belastung der Spieler nur beratend zu Wort. Fan-Organisationen dürften nur am Rande Gehör finden, wenn es beispielsweise um Anstoßzeiten, Eintrittskartenpreise oder Gästekontingente geht.

Der Zeitplan: Im April soll das Format stehen

Die Entscheidung über das neue Format könnte nun schnell kommen. "Einen genauen Zeitrahmen gibt es nicht", schreibt die UEFA auf Anfrage. Nach Informationen der Sportschau besteht innerhalb des Verbandes aber der Wunsch, bis März oder spätestens April eine Entscheidung zu haben.

Hintergrund: Am 20. April steht der UEFA-Kongress in Montreux in der Schweiz an, bei dem sich durch Wahlen auch die Zusammensetzung des Exekutivkomitees auf bis zu vier Stühlen ändern wird. Die Diskussion um die Champions League soll dann längst beigelegt sein.

Stand: 10.02.2021, 11:05

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