Bedeutungslose Spiele der Champions League - hilft ein neuer Modus?

Wie ein neuer Modus in der Champions League aussehen könnte Sportschau 11.12.2018 03:23 Min. Verfügbar bis 11.12.2019 Das Erste

Letzter Spieltag in der Gruppenphase

Bedeutungslose Spiele der Champions League - hilft ein neuer Modus?

Von Chaled Nahar

Vor dem letzten Gruppenspieltag in der Champions League kämpfen nur noch sieben Mannschaften um das Weiterkommen. Ein Zustand, der Langeweile und Manipulationsgefahr begünstigt - und den sportlichen Wert senkt. Die Lösung könnte ein neuer Modus sein.

Auslosung der Gruppen für die Champions League 2018/19 in Monaco

Auslosung der Gruppen für die Champions League 2018/19 in Monaco

Benfica Lissabon verlangt für das Spiel am Mittwoch (12.12.2018) gegen AEK Athen von seinen Fans zumindest realistische Preise. Mitglieder können schon ab zehn Euro ins Stadion. Es ist nicht zu erwarten, dass anschließend noch lange über dieses Spiel der Gruppe E gesprochen wird. Denn Benfica hat am letzten Spieltag keine Chance mehr, noch Platz zwei zu erreichen oder auf Platz vier zurückzufallen. Und AEK wird so oder so Tabellenletzter. Es ist ein totes Spiel.

Unter den 32 Mannschaften der Gruppenphase der Champions League 2018/19 befinden sich zwölf, für die es am letzten Spieltag um absolut nichts mehr geht. Einige andere Teams spielen höchstens um den ersten Platz oder den Einzug in die ungeliebte Europa League. Das Ergebnis: Nur noch sieben Mannschaften kämpfen am letzten Spieltag überhaupt um das Weiterkommen. Und das ist ein sportliches Problem.

Schlimmstenfalls bleibt der Verdacht der Manipulation

Lok Moskau und Galatasaray liefern sich in Gruppe D ein Fernduell um Platz drei, der in die Europa League führt. Ihre Gegner sind der feststehende Gruppensieger FC Porto und feststehende Gruppenzweite Schalke 04. Der sportliche Wettbewerb hängt also an zwei Teams (Porto, Schalke), die mit einer B-Elf auflaufen könnten. Ähnliche Konstellationen gibt es in mehreren Gruppen, auch in der Europa League. Im schlimmsten Fall könnte manche Partie sogar den Verdacht der Manipulation erwecken.

Für diesen Zustand ist eine große Tradition im weltweiten Fußball verantwortlich: Vorrundengruppen. Diese ermöglichen alle Konstellationen, die zu unsportlichen letzten Spielen führen können. Das berühmteste Beispiel bleibt die "Schande von Gijon", als sich Deutschland und Österreich beim Stande von 1:0 auf Kosten Algeriens den Ball zuschoben und gemeinsam die zweite Gruppenphase der WM 1982 in Spanien erreichten. Und es gibt zahlreiche weitere absprachefähige Spiele in Vorrundengruppen der Vergangenheit, so beispielsweise bei der EM 2004 zwischen Schweden und Dänemark und bei der WM 2018 zwischen Frankreich und Dänemark.

Eine mögliche Lösung: Eine Liga ohne Gruppen

Ein Mann aus Chile will das ändern. Der Wirtschaftsprüfer Leandro Shara hat ein System entwickelt, bei dem es kaum noch zu absprachefähigen oder sportlich wertlosen Spielen kommen können soll. Vereinfacht ausgedrückt wäre die Champions League in der Vorrunde eine Liga - ohne Gruppen. Die Idee:

  • 32 Mannschaften würden wie bisher teilnehmen, jede hätte wie bisher sechs Spiele.
  • Benötigt würden vier Lostöpfe mit jeweils acht Mannschaften. Jedes Team bekommt aus den drei anderen Töpfen einen Gegner zugelost.
  • Da es keine Gruppen mehr gibt, hat aber jede Mannschaft ihren ganz eigenen Spielplan.
  • Die Ergebnisse würden in einer Gesamttabelle wie in der Bundesliga zusammengefasst.
  • In dieser Tabelle erreichen die ersten 16 das Achtelfinale, weitere acht landen wie bisher in der Europa League. Acht scheiden aus.
  • Im Achtelfinale trifft der 1. auf den 16., der 2. auf den 15. und so weiter. Je besser der Tabellenplatz ist, desto vermeintlich einfacher wird der Gegner.

"Für fast jedes Team geht es jederzeit um etwas"

Der große Vorteil: "Für fast jedes Team geht es jederzeit um etwas: Wer weiter vorne steht, bekommt einen leichteren Gegner", sagt Shara. "Dahinter geht es um den Verbleib im Wettbewerb oder um den Einzug in die Europa League." Oder auch um das Prestige, denn in einer Gesamttabelle will Bayern genauso vor Dortmund stehen wie Madrid vor Barcelona. 

Der Wirtschaftsprüfer Leandro Shara schlägt einen neuen Modus vor.

Der Wirtschaftsprüfer Leandro Shara schlägt einen neuen Modus vor.

Nimmt man die bisherigen Ergebnisse vor dem letzten Spieltag als Grundlage für eine solche Gesamttabelle der Vorrunde der Champions League, hätte nur das abgeschlagene AEK Athen derzeit keinerlei sportlichen Anreiz, sein Spiel zu gewinnen. 

Fiktive Tabelle der CL-Vorrunde 2018/19
PlatzTeamPunkte
Achtelfinale
1FC Barcelona13
2FC Porto13
3Bayern München13
4Real Madrid12
5Juventus12
6Atlético Madrid12
7Ajax Amsterdam11
8Manchester United10
9Manchester City10
10Borussia Dortmund10
11AS Rom9
12SSC Neapel9
13Paris Saint-Germain8
14Schalke 048
15Olypique Lyon7
16Tottenham Hotspur7
Europa League
17Inter Mailand7
18Liverpool6
19FC Brügge5
20FC Valencia5
21Schatar Donezk5
22Galatasaray4
23ZSKA Moskau4
24Benfica Lissabon4
Ausgeschieden
25Roter Stern Belgard4
26Viktoria Pilsen4
271899 Hoffenheim3
28Lok Moskau3
29Young Boys Bern1
30AS Monaco1
31PSV Eindhoven1
32AEK Athen0

Es gibt kleine Nachteile

"Es gibt zwar kleine Nachteile", gibt Shara zu. "In der folgenden K.o.-Runde könnten zwei Mannschaften sofort wieder gegeneinander spielen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür gering ist." Ab dem Achtelfinale wären zudem Aufeinandertreffen zweier Mannschaften aus demselben Land zudem nicht mehr zu vermeiden, was die UEFA derzeit erst ab dem Viertelfinale zulässt. Doch beides wirkt verschmerzbar, wenn man dafür die große Langeweile des heutigen letzten Spieltags los wäre. 

Einige Wettbewerbe nutzen das System des Mannes aus Chile schon: Die Nations League in Nordamerika/Mittelamerika/Karibik nutzt das Format Sharas genauso wie der peruanische Pokalwettbewerb.

Änderungen frühestens 2021 - aber unwahrscheinlich

Der Modus bleibt nur eines von mehreren Ärgernissen in der Champions League. Die sportliche Ungleichheit in der Königsklasse wächst genauso, wie die finanziellen Unterschiede wachsen. Die UEFA sieht in Sachen Modus allerdings keinen Handlungsbedarf. Auf Anfrage teilt sie mit, dass alle Plätze in den Gruppen unterschiedlich wertvoll seien für die Ausgangslage im Achtelfinale oder den Einzug in die Europa League. Jedes gute Resultat fließe zudem in die Berechnung künftiger Setzlisten ein und Geld gibt es laut offizieller Einnahmenverteilung auch noch zu verdienen. In der Champions League bringt jeder Punkt 900.000 Euro, in der Europa League sind es 190.000 Euro.

Allzu schnell werden die Fans die bedeutungslosen Spiele allerdings nicht los. Das UEFA-Exekutivkomitee legt die Regularien in Drei-Jahres-Zyklen fest, ein neuer hat gerade erst begonnen. Frühestens 2021 wäre also eine Veränderung möglich - ganz abgesehen davon, ob überhaupt der Wille dazu vorhanden ist. Denn vor einigen Tagen kündigte die UEFA die Einführung der "Europa League 2" ein. Losgehen soll es auch dort mit acht Vierergruppen.

Stand: 11.12.2018, 09:28

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