Liverpool unter Klopp: Aus Monstern werden Zwerge

Jürgen Klopp und Alisson klatschen enttäuscht ab

Absturz des englischen Meisters

Liverpool unter Klopp: Aus Monstern werden Zwerge

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Der FC Liverpool erlebt eine dramatische Krise, die an Jürgen Klopps Absturz mit Borussia Dortmund erinnert. Die Champions League mit dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Leipzig ist die einzige Chance, die Saison noch zu retten.

Humor hilft immer, auch – und ganz besonders – in finsteren Zeiten. In Liverpool macht deshalb ein Witz die Runde in diesen Tagen. Die Menschen in der Stadt am River Mersey scherzen, dass der TV-Mitarbeiter, der bei den Heimspielen des englischen Meisters für den künstlichen Torjubel zuständig ist, mittlerweile in die Kurzarbeit geschickt worden sei.

Zwar fallen noch Tore, wenn der FC Liverpool in Anfield antritt, allerdings fast ausschließlich für den Gegner. Beim Besuch des Abstiegskandidaten FC Fulham am Sonntag (07.03.2021) kassierte Jürgen Klopps Elf die sechste Heimniederlage nacheinander (0:1), in fünf dieser Partien waren die "Reds" ohne Treffer geblieben. In den insgesamt zwölf Premier-League-Spielen seit dem Jahreswechsel hat Liverpool genauso oft verloren wie in den 121 Partien (!) davor, nämlich acht Mal.

Liverpool im freien Fall

Der Meister befindet sich im freien Fall – "fallen off a cliff", von einer Klippe gestürzt, sagt man dazu in England. In dieser Verfassung ist auch das Aus im Achtelfinale der Champions League an diesem Mittwoch gegen RB Leipzig in Budapest zu befürchten, trotz des 2:0-Vorsprungs aus dem Hinspiel.

Klopp hat den FC Liverpool transformiert mit dem Gewinn der Champions League 2019 und der ersten Meisterschaft seit 30 Jahren in der vergangenen Saison. Aus Zweiflern hatte er Glaubende gemacht, wie er es bei seinem Amtsantritt im Oktober 2015 angekündigt hatte. Im Moment allerdings ist das Gegenteil zu besichtigen. Jeglicher Glauben ist aus den "Reds" gewichen. Anfield ist zur Hochburg des Zweifels geworden.

Krise in Liverpool - Erinnerungen an Klopps Abschied aus Dortmund

Sportschau 09.03.2021 01:36 Min. Verfügbar bis 09.03.2022 ARD Von Constantin Kleine


Klopps einstige Mentalitätsmonster seien nur noch "Mentalitäts-Zwerge", diagnostizierte Liverpool-Legende und "Sky-Sports"-Fachmann Jamie Carragher. Der Trainer ist ratlos. Auf die Frage nach den weiteren Saisonzielen sagte Klopp: "Wir müssen Fußballspiele gewinnen. Wir müssen erstmal ein Fußballspiel gewinnen. Den Rest sehen wir dann."

Liverpool ist kraftlos – und zerbrechlich

Bis vor ein paar Wochen sah es noch so aus, als würde Liverpool einfach nur einen Durchhänger erleiden, doch mittlerweile ist der Klub in einer Krise, für die der volle Spielplan der Corona-Saison und das Verletzungspech nicht mehr als Erklärung reichen. Gegen Fulham, den Drittletzten der Premier League, kam Liverpool zu keiner einzigen Großchance.

Naby Keita schaut enttäuscht auf den Boden

Bei der Niederlage gegen Chelsea am vergangenen Donnerstag (ebenfalls 0:1) brachte die Mannschaft nur einen Ball aufs Tor – einen harmlosen Kopfball von Georginio Wijnaldum in der 85. Minute. Liverpools einst gefürchtete Offensive mit Sadio Mané, Roberto Firmino und Mohamed Salah macht keinem Gegner mehr Angst. Das berüchtigte Pressing ist zum Erliegen gekommen, weil das Mittelfeld derangiert ist durch Ausfälle und Umstellungen. Liverpool ist kraftlos – und zerbrechlich.

In der Defensive hält Klopp an seiner hoch stehenden Abwehr fest, trotz der Ausfälle der Stamm-Innenverteidigung Virgil Van Dijk/Joe Gomez. Das Ergebnis ist fatal. Die Gegner überwinden den Meister immer wieder mit langen Bällen hinter die letzte Reihe. Ungewohnt offen hatte Chelseas Coach Thomas Tuchel schon vor der Partie unter der Woche erklärt, dass genau das der Matchplan sei – und exakt auf diese Weise, mit einem langen Ball auf Mason Mount, kamen die "Blues" zum Siegtreffer.

Auch Kabak ist noch keine Verstärkung

Zum hilflosen Eindruck, den Liverpool abgibt, passt auch, dass die beiden im Januar geholten Innenverteidiger keine Verstärkung sind. Ozan Kabak, vom Bundesligaletzten Schalke 04 geliehen, ist mit dem Premier-League-Niveau überfordert, der vom Zweitligisten Preston North End verpflichtete Ben Davies spielte noch keine Minute für Liverpool.

Durch die Niederlage gegen Fulham rutschten die "Reds" auf den achten Platz, und das, obwohl Mannschaften dahinter wie Aston Villa, Arsenal und Leeds United weniger Spiele bestritten haben. In vielen Facetten erinnert Liverpools Krise an den Niedergang von Borussia Dortmund unter Klopp in der Saison 2014/2015. Auch damals war der BVB von Verletzungen geplagt, verlor seine Intensität und geriet in einen Negativ-Strudel, der die Mannschaft zwischenzeitlich sogar ans Tabellenende zog – und Klopp zum Abschied nach insgesamt sieben Jahren bewog, gegen den Willen seiner Vorgesetzten Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc.

Gerrard wird Klopp beerben. Nur wann?

Auch aktuell kann sich Klopp wohl nur selbst entlassen. Liverpools Besitzer, die Fenway Sports Group aus Boston, steht fest zu dem Trainer – das berichtete nach der Niederlage gegen Fulham der gut informierte "The Athletic"-Journalist James Pearce. Spekulationen darüber, dass "Reds"-Ikone Steven Gerrard – Meistermacher bei den Rangers aus Glasgow – nach dieser Saison in Anfield übernehmen könnte, sind im Moment genau das: Spekulationen. Dass Gerrard irgendwann Liverpool-Trainer wird, gilt dagegen als ausgemacht.

Immun gegen Kritik ist Klopp natürlich nicht – und die ist so groß wie noch nie in seiner Zeit in Anfield. Zur Last gelegt wird ihm, dass er sein Mittelfeld geopfert hat, um die verletzungsbedingten Löcher in der Abwehr zu stopfen, und dass er trotz der offensichtlichen Fehlfunktion des Systems weiter mit hoher Verteidigung spielen lässt.

Nur die Champions League bleibt noch, um die Saison zu retten

Auch einzelne Personal-Entscheidungen wie die frühe Auswechselung von Mohamed Salah gegen Chelsea oder die Startelf gegen Fulham – Klopp schwächte seine von Ausfällen gefledderte Mannschaft zusätzlich – lösten Unverständnis aus. Gleich sieben Umstellungen hatte der Trainer vorgenommen, prominente Namen wie Mané, Fabinho, Trent Alexander-Arnold oder Thiago saßen auf der Bank.

Das war ein klarer Hinweis auf die neuen Prioritäten des FC Liverpool. Die Champions League – mit dem Achtelfinal-Rückspiel gegen Leipzig am Mittwoch – ist die einzige Chance, die Saison noch zu retten.

Stand: 08.03.2021, 16:32

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