Ajax und die "Totenstille"

Spieler von Ajax Amsterdam nach dem Schlusspfiff

Niederlage gegen Totenham

Ajax und die "Totenstille"

Von Frank van der Velden

Die "jungen Wilden" von Ajax Amsterdam mussten gegen Tottenham Hotspur erkennen, wie brutal der Fußball sein kann. Dem Team droht im Sommer der Ausverkauf.

Einige Ajax-Spieler lagen flach auf dem Rasen, ihre Gesichter im Rasen vergraben. Sie wollten nichts mehr sehen und nichts mehr hören. Andere standen nur da mit leerem Blick, oder sie schüttelten mit dem Kopf. An der Linie war Trainer Erik ten Hag der Verzweiflung nahe, die Fans geschockt, sprachlos.

Amsterdam hatte den schon sicher geglaubten Einzug ins Finale der Champions League verpasst. Das Team verlor gegen Tottenham Hotspur mit 2:3, der entscheidende Treffer fiel erst in der Nachspielzeit. Die Rot-Weißen mussten erkennen, wie brutal der Fußball sein kann. "Ajax tut mir wirklich leid", sagte Tottenhams Heung-Min Son. Es klang aufrichtig.

Märchen ohne Happy End

Die "jungen Wilden" aus Amsterdam waren zuvor regelrecht durch den Wettbewerb geschwebt und hatten Fußball-Europa verzaubert. Als Qualifikant gestartet, hatten sie im Achtelfinale Titelverteidiger Real Madrid und dann im Viertelfinale Juventus Turin aus dem Wettbewerb gekegelt. Fußball-Romatiker fühlten sich zurückversetzt in die Zeit des großen Johan Cruyff, dem Team flogen im Nu die Herzen neutraler Fans zu. Zu Recht.

"Wir finden heute keine Worte dafür", sagte Trainer ten Hag: "Und wir werden auch morgen keine finden." Der 19 Jahre alte Kapitän Matthis de Ligt berichtete von "Totenstille in der Kabine. Es fühlt sich an, als habe uns jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Spiel hat fünf Sekunden zu lange gedauert." Mittelfeldspieler Frenkie de Jong erklärte: "Was wir in dieser Saison geleistet haben, war ein Märchen. Leider eines ohne Happy End."

Ajax' Triple-Traum geplatzt

Sportschau 09.05.2019 01:34 Min. ARD Von ARD-Reporter Ludger Kazmierczak

2:0-Führung verspielt

Das Hinspiel in London hatte Ajax mit 1:0 gewonnen und auch in der heimischen Arena zunächst furios begonnen. Schon in der 5. Minute brachte de Ligt sein Team in Führung, Hakim Ziyech legte 30 Minuten später nach, mit 2:0 ging es in die Pause. Und auf Tottenham hätten da nur eingefleischt-optimistische Fans noch einen Pfifferling gegeben.

Der ein oder andere Ajax-Spieler mag da gedanklich schon beim Finale in Madrid gewesen sein. Vielleicht lag es auch ein Stück weit an der Unerfahrenheit der jungen Spieler, in solch großen Spielen einen Vorsprung über die Zeit zu retten. Ajax verlor in der zweiten Hälfte jedenfalls den Faden, die Struktur, die Kontrolle, seine Unbekümmertheit, die Nerven - und das Spiel. Zunächst sorgte Lucas Moura mit einem Doppelschlag (55. Minute/59.) für den Ausgleich und dann in der sechsten Minute der Nachspielzeit für Tottenhams Siegtreffer.

"Müssen das aushalten"

"Ajax wirft das Finale in der letzten Sekunde weg. Der Traum ist auf äußerst schmerzhafte Weise geplatzt. Der Traum von Amsterdam endete in einem Albtraum", schrieb die niederländische Zeitung "De Telegraaf".

Ten Hag hatte für seine Schützlinge trotz des bitteren Scheiterns viel Lob. "Ich bin stolz auf dieses Team und darauf, wie weit sie es geschafft haben", sagte der 49-Jährige. Dennoch gestand er auch seine große Enttäuschung ein. "Ich habe den Spielern gesagt, dass es schwer ist, in so einem Moment die richtigen Worte zu finden und dass Fußball brutal sein kann", sagte er: "Wir müssen diese brutale Zeit aushalten und weitermachen. Das Champions-League-Finale ist etwas Einmaliges und die Spieler wissen das sehr genau. Wir werden Zeit brauchen, um darüber hinwegzukommen."

Der Ausverkauf droht

Das Team steht jedoch vor einer ungewissen Zukunft. Die teils spektakulären Auftritte (3:3 gegen Bayern München in der Gruppenphase, 4:1 bei Real Madrid) wecken Begehrlichkeiten. Der Weggang von Frenkie de Jong zum FC Barcelona steht schon fest, für de Ligt stehen die internationalen Konkurrenten Schlange. Auch andere Spieler könnten den Klub verlassen - zum Beispiel Ziyech oder Donny van de Beek. Es droht der Ausverkauf.

Immer einfach weitergemacht

Ajax wird das überleben. 1995 brach das Team auseinander, das im Finale von Wien gegen den AC Mailand die Champions League gewann. Patrick Kluivert, Edwin van der Sar, die De-Boer-Brüder, Edgar Davids, Clarence Seedorf - alle weg.

Auch vor zwei Jahren, als Ajax ins Endspiel der Europa League einzog, verließen die Stars den Klub. Davinson Sanchez, Bertrand Traoré, Kenny Tete, Jairo Riedewald und Kapitän Davy Klaaßen zog es ins Ausland. Ajax hat immer einfach weitergemacht, den Neuaufbau gestartet, junge Spieler nachgeholt, Talente verpflichtet. Das wird auch im Sommer so sein. Den Einzug ins Finale hätte sich die Mannschaft dennoch verdient.

Stand: 09.05.2019, 10:15

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